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Materialdienst 11/2003
Hermann Brandt

Vom Umgang der Religionen mit Sterben und Tod

In unserer Gesellschaft wächst das Interesse an anderen Religionen und damit ein entsprechender Informationsbedarf. So hat der Hospizverein in Erlangen für die Weiterbildung seiner Hospizhelferinnen und -helfer um den nachstehenden Vortrag gebeten. Er wird im Folgenden gekürzt wiedergegeben.

 

Einleitung

Dieser Vortrag  steht zufällig am Schluss einer Reihe von Vorträgen über den Umgang der Religionen mit Sterben und Tod aus der Sicht der christlichen Theologie, der Psychotherapie, der Anästhesie, der Strahlentherapie. Mit dem Engagement für die Hospizbewegung verbinden sich also sehr verschiedene Blickweisen: nicht nur der klassischen Medizin, der Schmerztherapie und  der Seelsorge. Sondern es kommt noch mehr dazu: Die Sterbenden, die es zu begleiten gilt, sind nicht mehr nur entweder katholisch oder evangelisch oder konfessionslos. Es sind vielmehr zunehmend auch Anhänger anderer Religionen, und so ist es gut zu wissen, wie andere Religionen mit dem Sterben und mit dem Tod umgehen.

Man kann die Religionen nach den Bestattungsriten ordnen. Es gibt Religionen, in denen die Toten beerdigt und solche, in denen sie verbrannt werden. Diese Alternative "Begraben" oder "Verbrennen" zeigt zugleich etwas von dem unterschiedlichen Verständnis des Lebens, auch des Lebens nach dem Tod.

Der Buddhismus

Die Buddhisten nennen sich nach Siddartha Gautama, dem "Erwachten" = Buddha. Ihre Zeitrechnung datiert vom Tod des 80-jährigen Buddha. Aber Lebensdaten, Todesdaten sind für Buddhisten eigentlich uninteressant. Denn der buddhistische Erlösungsweg zielt auf das "Verlöschen" - wie das Feuer verlöscht, bzw. auf das "Verwehen" - wie die Asche verweht. Dem entspricht im Buddhismus die Praxis des Verbrennens der Toten. Wir alle kennen das Wort für das buddhistische Ziel der Erlösung: "Nirvana". Aber warum ist das (endgültige) "Verlöschen" gleich-bedeutend mit (endgültiger) Erlösung?

Frei, erlöst, werden wir erst, wenn wir all das, was uns an uns selbst und am Leben festhält, völlig loslassen. Wenn wir nichts mehr festhalten wollen, wenn wir frei werden vom "Durst" und damit vom Leiden, wenn wir "verlöschen", erst dann sind wir wirklich frei. Uns "hält" dann nichts mehr. Wir lösen uns sozusagen auf wie ein Wassertropfen im Meer. "Wie das Meer den Geschmack des Salzes hat, so hat meine Lehre den Geschmack der Erlösung", heißt es in einem Wort des Buddha. Erlösung ist also Auflösung, daher das Verwehen der Asche oder das Bild des Lebens als Strohfeuer.

Als Gautama "erwachte", also zum Buddha wurde, war er - schon in seinem physischen Leben - in  das Nirvana eingetreten. Der Tod hatte seine Bedeutung verloren. Man könnte sagen: der Buddha brauchte keine Sterbebegleitung, er hatte sich sozusagen schon vorher abgelöst, d. h. die Erlösung erreicht. Er war aus dem Kreis der Geburten (samsara) herausgetreten. Diese Vorstellung teilt der Buddhismus mit dem gesamten indischen Denken, in dem er groß geworden ist. Der Kreis der Geburten (von "Wiedergeburt" zu sprechen, ist problematisch) war keineswegs etwas Interessantes, keine Hoffnungsperspektive, wie sich das an dem Interesse an Reinkarnationen im Westen zeigt, sondern etwas Entsetzliches: Jede Tat hat ihre Folge. Wenn das Böse in einer Existenz überwiegt, also das Nirvana, der endgültige "Ausstieg", noch nicht erreicht ist, wird sie wiedergeboren auf niedrigerer Ebene, in niedrigerer Kaste oder etwa als Tier. Wenn das Gute überwiegt, kann man als Mensch wiedergeboren werden. Und nur als Mensch hat man die Möglichkeit, das Nirvana, das endgültige Verlöschen, die Erlösung zu erreichen. Erlösung heißt also: nicht wieder geboren werden müssen.

Doch dieses Nirvana erreichen während des menschlichen Leben nur die seltenen Buddha-Gestalten oder die sogenannten Bodhisattvas. Diese haben das Nirvana schon erreicht und können so den Noch-Nicht-Erlösten helfen. Aber die große Mehrheit der Buddhisten stirbt, ohne dass  sie das Nirvana schon erreicht haben. Es bleibt noch Karma übrig, das in einer weiteren Geburt abgearbeitet werden muss. In welcher Geburt? Das ist die Frage, bei der nun die Sterbebegleitung im Buddhismus einsetzt.

Ein buddhistischer Meister, Mönch oder auch ein buddhistischer Laie wird zu einem Sterbenden gerufen. Er soll ihm gut zureden und die Angst mindern. Dies geschieht durch die Erinnerung an die drei "Juwelen", die sogenannte Zufluchtsformel: "Ich nehme Zuflucht zum Buddha, zu seiner Lehre, zu seiner Gemeinde". Weinende und wehklagende Menschen sollten sich fernhalten, damit der Sterbende nicht abgelenkt wird und er sich wirklich "lösen" kann. Der Schmerz der Trennung soll unterdrückt werden; er würde das "Anhaften", das Festhalten-Wollen, nur vergrößern. Wenn möglich, wird der Sterbende auf die rechte Seite gelegt, in die sogenannte Löwenstellung; so ist auch der Buddha gestorben.

Im tibetischen Buddhismus verheißt es eine gute Wiedergeburt, wenn das Bewusstsein (der "Geist") aus dem linken Nasenloch entweichen kann und nicht aus den anderen Körperöffnungen. Dazu hilft man dem Sterbenden (und er hat es auch vorher schon meditativ so eingeübt), mit der rechten Hand die rechten Kanäle und Öffnungen abzubinden. Der kleine Finger schließt das rechte Nasenloch, der Ringfinger das Auge, der Mittelfinger drückt auf die Schläfe, der Zeigefinger deckt das rechte Ohr ab, der Daumen verschließt die Halsschlagader.

Eine Wegweisung, die die Lebenden für die Gestorbenen sprechen, lautet nach einem Text aus dem Tibetischen Totenbuch:
"O Mitfühlende - Buddhas und Buddhisattvas -, die Ihr die Weisheit des Verständnisses, die Liebe des Erbarmens und die Macht besitzt, göttliche Taten zu vollbringen und in unbegreiflichem Maß Schutz zu gewähren: Derjenige geht jetzt von dieser Welt in die nächste. Er macht einen großen Sprung. Das Licht dieser Welt ist für ihn geschwunden. Er ist mit seinen karmischen Kräften in die Einsamkeit eingedrungen. Er ist in ein riesiges Schweigen eingetreten. Er wird vom Großen Ozean der Geburt und des Todes hinweggetragen. O Mitfühlende, schützt denjenigen, der schutzlos ist. Seid zu ihm wie Vater und Mutter. O Mitfühlende, lasst die Kraft eures Mitgefühls nicht schwach sein, sondern helft ihm. Lasst ihn nicht in jammervolle Existenzstadien eingehen."

Deutlich ist im Buddhismus: Der Tod ist aufgrund der religiösen Zusammenhänge eigentlich ein frohes Ereignis (Lösung - Erlösung). Natürlich werden auch Ernst und Schmerz zum Ausdruck gebracht. Doch die Grundstimmung ist jene Gelassenheit, und Unberührtheit, die den Buddhismus prägt. Deutlich ist auch, wie eng die speziellen Riten mit den Grundüberzeugungen dieser Religion zusammenhängen.

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