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Materialdienst 11/2003
Friedhelm Pieper

Hilfreich und problematisch zugleich

Zum EKD-Papier "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen"

Aus der Sicht eines seit vielen Jahren im interreligiösen Dialog engagierten Theologen habe ich das EKD-Papier* mit gemischten Gefühlen gelesen. Freudige Zustimmung über einzelne Passagen wechselte mit gespürtem Widerspruch und auch Enttäuschung angesichts anderer Teile der Studie.

* Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen. Theologische Leitlinien. Ein Beitrag der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. vom Kirchenamt der EKD, Hannover 2003 (= EKD-Texte 77). Die im Folgenden in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.

Es erscheint zunächst als vielversprechender Ansatz, dass der Text nicht von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen will, sondern von "der Eigenart und dem charakteristischen Profil" der jeweiligen Religion (2). Leider folgt das EKD-Papier - abgesehen von dem schöpfungstheologischen Abschnitt (3.1.) - dieser Vorgabe nicht und entwickelt weitgehend die Perspektive einer generellen Gegenüberstellung von christlichem Glauben und "den anderen Religionen".

Zwar wird dabei auf die bisherigen Studien zum christlich-jüdischen Verhältnis und zum christlich-muslimischen Verhältnis verwiesen, aber die dort begonnenen konkreten Dialoge werden für den nun vorgelegten Text nicht fruchtbar gemacht. Dies wird besonders in dem zentralen trinitätstheologischen Abschnitt (3.) deutlich. Zentrale Themen des christlich-jüdischen Dialogs, wie z.B. "der ungekündigte Bund" tauchen nicht auf, da im traditionellen trinitätstheologischen Schema der göttliche "Vater" als "Schöpfer" reduziert wahrgenommen wird. Demgegenüber gerät dann die biblische Erzählung vom Bundesschluss am Sinai in Vergessenheit, ebenso auch die Geschichte der göttlichen Anerkennung Abrahams als Urbild des Glaubens. Diese in den Heiligen Texten der Kirche vorhandenen konkreten Bezugsmöglichkeiten zum Judentum und zum Islam sollten aber zum Kernbestand des kirchlichen Zugangs zum Dialog vor allem mit seinen nächsten Nachbarreligionen gehören.
 
Ein ähnliches Problem stellt sich bezüglich der im traditionellen trinitätstheologischen Schema auf die Rechtfertigung des Sünders reduzierten Person Jesu Christi und seiner Funktion dar. Dieser eingeschränkten Perspektive gegenüber werden die Rolle Jesu als Rabbi und seine Wahrnehmung als Prophet nicht thematisiert, die doch gerade im interreligiösen Dialog von zentraler Bedeutung sind. Mit Blick auf das jüdische Verhältnis zu Jesus ("Ablehnung Jesu Christi", 15) fällt auf, dass weder die christliche noch die jüdische Diskussion über Zugänge zum jüdischen "Nein" zu Jesus Christus Beachtung finden noch werden aktuelle Versuche von jüdischer Seite, den christlichen Glauben und die Person Jesu Christi neu zu würdigen, berücksichtigt (vgl. dazu die jüdische Erklärung "Dabru Emet" vom September 2000). Gerade hier hätte man sich gewünscht, dass der Text seinem eigenen Ansatz, die jeweilige Religion von ihren eigenen Perspektiven her wahrzunehmen, stärker gefolgt wäre.

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