publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 11/2003
Matthias Pöhlmann

Streit um "Heiden-Papst"

Géza von Neményi erhebt Führungsanspruch innerhalb des Neuheidentums

Innerhalb des Neuheidentums haben Aussagen des Leiters der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft (GGG) hitzige Diskussionen ausgelöst. In der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Germanen-Glaube hatte der "Allsherjargode" (Stammespriester) der GGG, Géza von Neményi1 (Jg. 1958), einen Führungsanspruch unter den deutschen Neuheiden erhoben. Doch das Ansinnen stieß innerhalb der Neuheidenszene auf erbitterten Widerstand und hatte heftige Kontroversen zur Folge, die während des Sommers 2003 vorwiegend im Internet ausgetragen wurden.
 
Diese Auseinandersetzungen um das Amt des Allsherjargoden als Sprecher der "traditionellen Heiden" geben einen interessanten Einblick in ein von außen fast undurchschaubares Beziehungsgeflecht einzelner neuheidnischer Vertreter und deren unterschiedliche Richtungen, Ansätze und Organisationsgrade.

Der "Allsherjargode" als Repräsentant des deutschen Neuheidentums?

Den eigentlichen Auftakt für den in der Neuheiden-Szene anhaltenden Streit gab die Erklärung Géza von Neményis über "Aufgabe und Sinn der Institution Allsherjargode" vom Juni 2003: "Das deutsche traditionelle Heidentum bietet ein uneinheitliches, zerstrittenes und chaotisches Bild. Viele Gruppen, Vereine und Einzelpersonen arbeiten zum Teil gegeneinander oder bekämpfen sich, einen funktionierenden Dachverband mit ausreichender Unterstützung der Mehrheit heidnischer Gruppen gibt es auch nach über 90 Jahren heidnischen Wirkens nicht. In der Öffentlichkeit wird das Heidentum nicht beachtet oder nicht ernstgenommen, wichtige Grundrechte werden traditionellen Heiden immer noch verweigert. Aus diesem Grunde sieht Allsherjargode Géza von Neményi, als höchster traditionell ausgebildeter, geweihter und eingesetzter Priester es als seine Aufgabe an, sein Amt dazu einzusetzen, dem Heidentum eine einheitliche Stimme zu geben. Mit der Einrichtung der 'Institution des Allsherjargoden' soll eine gruppenunabhängige Instanz zur Verfügung stehen, die den inhaltlichen Zusammenhalt der traditionellen Heiden fördert und als unabhängige Identifikationsfigur dient. Dabei soll keinerlei Einfluss auf heidnische Vereine, Gruppen, Orden oder Zirkel genommen werden; diese Gemeinschaften bleiben völlig unabhängig und vertreten sich wie bisher selbst oder bilden nach Bedarf Dachverbände. Der Allsherjargode wird keine dieser Gemeinschaften vertreten oder in ihrem Namen sprechen. Der Allsherjargode spricht nur im Namen der traditionellen germanischen Heiden (Einzelpersonen), unabhängig davon, ob und in welcher Vereinigung sie Mitglieder sind. Traditionelle germanische Heiden sind diejenigen Heiden, die den Glauben der Germanen ohne Veränderungen praktizieren, dazu gehört die Verehrung von Wodan (Odin) und Frick (Frigg) als allerhöchste Gottheiten (ohne eine Urgottheit darüber anzunehmen) sowie der weiteren Götter und Göttinnen in den alten Heiligtümern, das Feiern der acht Jahresopferfeste (Blóts), der Thinge und der Lebensfeste unter Berücksichtigung der überlieferten Riten und Bräuche, die Anerkennung der Edda als Sammlung der heiligen Göttermythen, der Glaube an die Wiedergeburt, das Weiterleben der Seele nach dem Tode, an Geister und Ahnen sowie die Anerkennung der nach den traditionellen Vorgaben eingesetzten Priester, auch des Allsherjargoden, die ja selbst ein Teil des überlieferten Heidentums bilden. Heiden oder heidnische Gemeinschaften, die diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden vom Allsherjargoden nicht vertreten."2 Im weiteren Verlauf der Erklärung wird der Anspruch deutlicher: "Der Allsherjargode ist mit dem Godenrat eine Anlaufstelle für alle inhaltlichen Fragen zum traditionellen Heidentum und bewahrt das Heidentum vor Verfälschung und Umdeutung. Für alle einzelnen Heiden und heidnischen Gemeinschaften ist somit eine Richtschnur vorhanden, die das traditionelle Heidentum einheitlich darstellt. Für die Öffentlichkeit ist - wie auf Island oder dem Baltikum - ein Ansprechpartner vorhanden, der das traditionelle Heidentum repräsentiert. Der Allsherjargode appelliert an alle heidnischen Vereinigungen jeglicher Ausrichtung, seine Bemühungen wohlwollend zu unterstützen im Interesse der Heiden und des gesamten deutschen Heidentums."3

Auf seiner Internet-Seite www.allsherjargode.de weist von Neményi auf die bisher vergeblichen Vereinigungsbemühungen einzelner neuheidnischer Gruppen (GGG mit Heidnischer Gemeinschaft) bzw. gescheiterten Dachverbandsgründungen4 (u.a. KultURgeister) hin: "Statt mehrere Gemeinschaften zu einer einzigen, dann umso größer und einflussreicher werdenden Vereinigung zu machen, werden immer neue Vereine gegründet und die Zersplitterung hält an." Mit der Institution des "Allsherjargoden" solle Abhilfe geschaffen werden.

Reaktionen

Der Protest innerhalb des Neuheidentums ließ nicht lange auf sich warten.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Zum Hintergrund vgl. Ulrich Andreas Wien, Neues Heidentum am Beispiel der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft, in: MD 4/1997, 106-113, sowie ders., Interview mit Géza von Neményi, in: MD 4/1997, 114-121.
2 Diese Erklärung findet sich u.a. auf der Internet-Seite
www.domhain.de/ggg/artikel/erklaerung.php (2.10.03).
3 Ebd.
4 Vgl. hierzu meinen Bericht, Problematische Allianzen. Neuheiden gründen mit Okkultgruppen und Neosatanisten eigenen Dachverband, in: MD 4/2002, 116-123; über das Scheitern dieses Projektes und die weitere Entwicklung finden sich Informationen in: MD 5/2002, 153-155, MD 9/2002, 282f, sowie MD 1/2003, 31ff.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!