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Materialdienst 11/2003
Reinhard Hempelmann

Anmerkungen zum EKD-Text 77 "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen"

Zum 1. August 2003 hat die Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Text "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen" (= EKD-Text 77) veröffentlicht. Darin wird der Versuch unternommen, theologische Leitlinien zum Verhältnis zwischen dem christlichen Glauben und nichtchristlichen Religionen auszuarbeiten.
 
Der Text fand ein unterschiedliches Echo. Wir dokumentieren im Folgenden drei Beiträge, die aus unterschiedlicher Perspektive den EKD-Text würdigen bzw. Anfragen formulieren. Die Verfasser der Beiträge sind Dr. Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Pastor Friedhelm Pieper, Generalsekretär des Internationalen Rates der Christen und Juden, und Prof. Dr. Hans-Martin Barth, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Marburg.
 
Der EKD-Text 77 kann beim Kirchenamt der EKD in Hannover bestellt bzw. von der Homepage
www.ekd.de heruntergeladen werden.


Christlicher Glaube ist eine Schule des Unterscheidens. Evangelische Theologie ist bestimmt und geprägt von Unterscheidungen: zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Person und Werk, zwischen Glaube und Liebe, zwischen Evangelium und Gesetz. Unterscheidungen haben etwas Heilsames an sich. Sie schaffen Räume und markieren Grenzen. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend in Richtung eines religiösen Pluralismus entwickelt, ist es wichtig, Unterscheidungsfähigkeit zu lernen. Heutige Religionsfaszination suggeriert nicht selten, dass Religionen im Grundsatz alle dasselbe wollen und sagen. Wie Konsumgüter werden Religionen genutzt und auswählend aufgegriffen. Dabei wird allzu oft der bindende Charakter der religiösen Überlieferung verkannt und die Religionen meist anders verstanden als diese sich selbst verstehen. Der EKD-Text der Kammer für Theologie "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen. Theologische Leitlinien"* will evangelische Unterscheidungsfähigkeit fördern. Er möchte zugleich zur christlichen Orientierung beitragen und für den Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt Unterscheidungskriterien ins Spiel bringen. Seine zentralen und immer wiederkehrenden Stichworte lauten: "Leitdifferenzierungen" und "Grunddifferenzierungen". Nicht Konvergenz oder ein die Religionen verbindendes Ethos bilden das Hauptinteresse der Stellungnahme. Die Stärkung von Unterscheidungsfähigkeit im interreligiösen Dialog ist die vorrangige Perspektive. Dies erscheint mir plausibel und nötig.

 

* Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen. Theologische Leitlinien. Ein Beitrag der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. vom Kirchenamt der EKD, Hannover 2003 (= EKD-Texte 77). Die im Folgenden in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.

Die Gefährdung im interreligiösen Dialog liegt heute weniger in dem Problem der fundamentalistischen Verengung und einem doktrinären Verständnis christlicher Wahrheit (beides gibt es freilich auch) als vielmehr in dem oft nicht vorhandenen christlichen Selbstbewusstsein und fehlender Überzeugungskraft und Standfestigkeit. In einer durch fortschreitende Säkularisierung und zunehmende Pluralisierung geprägten Situation bleibt religiöse Zugehörigkeit oft ungeklärt. Auch viele Christinnen und Christen sind im Blick auf den eigenen Glauben unsicher geworden. Insofern beziehen sich die Leitlinien der EKD auf Fragestellungen, die in der Begegnung mit Angehörigen nichtchristlicher Religionen zentral und relevant sind. Theologie und Kirche müssen vielfach noch lernen, ihre Verantwortung ernst zu nehmen, Menschen für den Dienst in einer religiös pluralistischen Welt vorzubereiten. Dazu gehört auch, sich zu einem tieferen Verstehen des anders Glaubenden und zu einer deutlicheren Artikulation des eigenen Glaubens herausfordern zu lassen.

Anknüpfungen

Das Thema "Christlicher Glaube und andere Religionen" wurde in kirchlichen Stellungnahmen im Bereich der evangelischen Kirchen in Deutschland bisher kaum bearbeitet. Während sich römisch-katholische Theologinnen und Theologen in ihren Stellungnahmen zur Religionstheologie auf die einschlägigen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), insbesondere auf die "Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" (Nostra aetate) beziehen, fehlt ein solcher gemeinsamer Bezugspunkt den Aussagen im Kontext evangelischer Theologie. Eine gewisse Ausnahme stellt die 1991 im Auftrag der Arnoldshainer Konferenz (AKf) und der Kirchenleitung der VELKD herausgegebene Studie "Religionen, Religiosität und christlicher Glaube" dar, die neben deskriptiven und analytischen Perspektiven auch einen wichtigen Abschnitt "Grundsätzliche Erwägungen" (91ff) enthält. Dort wird die Auffassung vertreten, dass die Religionsbegegnung auf drei verschiedenen Ebenen erfolgt: auf der Ebene der Mission, des Dialoges und des Zusammenlebens bzw. der Konvivenz - ein Begriff, den der Missionswissenschaftler Theo Sundermeier prägte. Die Trias von Mission, Dialog und Konvivenz lässt sich bibeltheologisch und systematisch-theologisch gut begründen. Ihre Zusammengehörigkeit ist zu unterstreichen und wird indirekt auch von den jetzt vorgelegten Leitlinien unterstützt. Die Studie von 1991 trägt in erster Linie die theologische Handschrift des lutherischen Theologen Carl Heinz Ratschow, aber auch die des Missionswissenschaftlers Theo Sundermeier. Die Erfassung der Religionsthematik erfolgt mit den Kategorien Gesetz und Evangelium. Sie ermöglicht, Kontinuität und Diskontinuität im Verhältnis zwischen christlichem Glauben und anderen Religionen zum Ausdruck zu bringen. Die Unterscheidung zwischen Welthandeln und Heilshandeln Gottes lässt die christliche Existenz als eine angefochtene und bleibend vom Gesetz und der Sünde betroffene in den Blick kommen.

Der jetzt vorgelegte EKD-Text verweist auf frühere Äußerungen der EKD zum Thema, wie etwa die im Jahr 2000 publizierte Handreichung "Zusammenleben mit Muslimen", die den Schwerpunkt auf das Konvivenzthema legte, und die drei Studien "Christen und Juden" I-III aus den Jahren 1975, 1991, 2000, die bezogen sind auf die besondere Situation des jüdisch-christlichen Dialoges. Im Blick auf die genannten Stellungnahmen wird bemerkt: "Doch diese Texte bedürfen einer sie ergänzenden, sich auf die Fundamente richtenden Perspektive"(7). Als die fundamentale Perspektive bringen die Leitlinien die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben an Jesus Christus ins Spiel, die im Kontext des trinitarischen Bekenntnisses entfaltet wird.

Anliegen

Die Leitlinien verfolgen dabei ein doppeltes Ziel:

- Aus dem Zentrum des christlichen Glaubens heraus soll geklärt werden, was seine Besonderheit ist und wie das Verhältnis zu anderen Religionen zu sehen ist.

- Sie wollen dazu beitragen, "ein gedeihliches Verhältnis zwischen Menschen mit einem jeweils anderen Glauben zu fördern" und Ermutigungen für christliche Gemeinden und die Gesellschaft aussprechen, "das Verhältnis zwischen den Religionen und den Menschen, die ihnen anhängen, als ein zukunftsträchtiges Verhältnis zu begreifen" (7).

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