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Materialdienst 11/2003
Hans-Martin Barth

"Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen"

Stellungnahme zu einem Beitrag der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland

Stellungnahme zu einem Beitrag der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland1

Ein theologisches Wort seitens der Kammer für Theologie der EKD war seit langem fällig. Seit den 1977 im thailändischen Chiang Mai entworfenen, 1979 in Kingston, Jamaika, ergänzten und schließlich vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf angenommenen "Leitlinien zum Dialog mit Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen"2 und erst recht seit der von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und der Arnoldshainer Konferenz 1991 verantworteten Studie "Religionen, Religiosität und christlicher Glaube"3 hat sich ja gerade in Deutschland der Klärungsbedarf erheblich verstärkt. Während die Arbeitsgruppe von VELKD und Arnoldshainer Konferenz von zwei religionsphilosophisch bzw. religionswissenschaftlich und missionstheologisch ausgewiesenen Fachleuten geleitet worden war (von Carl Heinz Ratschow und Theo Sundermeier), sind die Vorsitzenden der Kammer, die das EKD-Papier erarbeitet hat, bislang nicht durch ein besonderes Interesse an den nichtchristlichen Religionen hervorgetreten.
 
Mancher im Dialog der Religionen Engagierte wird die nunmehr vorliegenden "Leitlinien" mit der Frage zur Hand genommen haben, ob es sich hier wohl um eine lehramtliche Äußerung handelt, die - nach dem Vorbild von Dominus Iesus - feststellen soll, wie sich der interreligiöse Dialog in Deutschland weiterzuentwickeln hat. Erleichtert nehme ich zur Kenntnis: Dies ist, aufs Ganze gesehen, nicht der Fall. Zwar bleibt unklar, an wen sich das Papier eigentlich wendet; gelegentlich ist summarisch von "Christen, Gemeinden und Kirchen" und von der "Gesellschaft" die Rede (z.B. 21f). Aufgrund des gewählten Sprachniveaus ist zu befürchten, dass es jedoch kaum Breitenwirkung erreichen wird. In dem vom Ratsvorsitzenden Manfred Kock unterzeichneten Vorwort heißt es, man hoffe, durch die Veröffentlichung "ein vertieftes Verständnis für den Umgang mit anderen Religionen zu wecken und zum notwendigen Dialog zwischen den Religionen zu ermutigen". Diese Hoffnung wird sich wohl eher nicht erfüllen. Eine unklare "double bind"-Strategie, eine problematische theologische Argumentation und eine schwächliche, wenig eindeutige praktische Zielsetzung dürften hier hinderlich sein.

"double bind"-Strategie

Das Papier geht sachgemäß von einer doppelten Prämisse aus: Christen betrachten nichtchristliche Religionen unter dem "Kriterium" und zugleich "im Licht des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders". Trotzdem ist auf den ersten Seiten eine eigenartige Befangenheit wahrzunehmen. Immer wieder ist die Rede von "Fremdheit", "fremde(r)" Religion, vom "Befremdende(n) des Auftretens von Menschen anderer Religionen". Das "Befremdende", das christliche Mission in den von nichtchristlichen Religionen geprägten Ländern dargestellt hat und noch immer darstellt, wird nicht benannt. Im Licht Christi, heißt es später, "hören die Menschen anderer Religionen auf, auch wenn sie sich noch so fremdartig darstellen, Fremde für die Christen zu sein" (18). Doch was beginnen sie damit zu werden - "Partner", "Freunde", "Brüder / Schwestern"? Diese Begriffe fallen nicht; nicht einmal von "Nachbarn" ist die Rede. Es gelte, "das Verhältnis zwischen den Religionen und den Menschen, die ihnen anhängen, als ein zukunftsträchtiges Verhältnis zu begreifen" (7). Der Satz löst, abgesehen von seiner missverständlichen Formulierung, die Frage aus, worin die "Zukunftsträchtigkeit" - aus christlicher Sicht - wohl bestehen könnte. Das vorgelegte Papier beantwortet diese Frage nicht.

Psychologen würden wohl im Blick auf die hier vorgetragenen Erwägungen von einer "double bind"-Strategie sprechen: Ich erkläre dem Partner meine Sympathie und gebe ihm gleichzeitig zu verstehen, dass ich doch nicht zu viel mit ihm zu tun haben möchte. Die "Leitlinien" stellen sich als ein typisches "double bind"-Papier dar. Großartige und wirklich den Geist des Evangeliums atmende Sätze werden im nachfolgenden Abschnitt wieder zurückgenommen. Beispiel: "Menschsein heißt: in der Nähe Gottes sein... Diese Nähe des Schöpfers zu allen Menschen erschließt sich in ihrem ganzen Reichtum und unwiderruflich in Jesus Christus ..." Christen und Menschen anderer Religionen "leben als Gottes Geschöpfe in der durch seine Gnade bestimmten Gegenwart". Aber leider - Erfahrung und Bekenntnis geben dann doch anderes zu erkennen: "Das den christlichen Glauben mit den Menschen aller Religionen Verbindende ... ist insofern das sie zugleich Trennende" (8). Was nun? In umgekehrter Reihenfolge: Angesichts der Wahrheit in Christus sei "nicht nur ein Unterschied, sondern ein Gegensatz zu anderen Religionen gegeben" (15). Doch "Christen, Gemeinden und Kirchen begrüßen anders Glaubende" im Raum freier, demokratisch geordneter Kommunikation "als Geschöpfe Gottes, denen Gott nahe ist"(21). Worin besteht der Gruß? Ist es der Friedensgruß? Wie wird er hörbar und fruchtbar? Es stellt sich die Frage, wodurch diese manchmal offen ausgesprochene, manchmal latent zu spürende Widersprüchlichkeit ausgelöst sein könnte.

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Anmerkungen

1 Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen. Theologische Leitlinien. Ein Beitrag der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. vom Kirchenamt der EKD, Hannover 2003 (= EKD-Texte 77). Die im Folgenden in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.
2 Abgedruckt in: Keiner glaubt für sich allein. Theologische Entdeckungen im interreligiösen Dialog. Ein Studienbuch, hg. von Ulrike Berger und Michael Mildenberger, Frankfurt a. M. 1986, 65ff.
3 Religionen, Religiosität und christlicher Glaube. Eine Studie, hg. im Auftrag des Vorstandes der Arnoldshainer Konferenz (AKf) und der Kirchenleitung der Vereinigten evangelisch lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) von der Geschäftsstelle der Arnoldshainer Konferenz und dem Lutherischen Kirchenamt Hannover, Gütersloh 1991.

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