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Materialdienst 4/2003
Jugend

Sehnsucht nach Verzauberung: Religiöse Themen in Jugendkulturen

Die Jugend von heute prägt die Gesellschaft von morgen. Insofern erscheint es sinnvoll und wichtig, die Beziehung zu religiösen Themen in Jugendkulturen einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Ende Januar 2003 erfolgte dies auf einer Tagung in Berlin, die von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) zusammen mit der Evangelischen Akademie Berlin veranstaltet wurde. 

Jugendkultur und Religion

Der Soziologe Prof. Dr. Winfried Gebhardt von der Universität Koblenz-Landau wies zu Beginn der Tagung darauf hin, dass Religion in Jugendkulturen keine Sonderform darstellt, sondern analog auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen auftrete. Jugendkulturen sind somit integraler Bestandteil der enorm vielfältigen religiösen Gegenwartskultur. Unter Zugrundelegung eines funktionalen Religionsbegriffs, der von der Sinnsuche des Menschen ausgeht, ließen sich vier Tendenzen beobachten.

1. Pluralisierung und Synkretisierung des Religiösen: Auf dem Markt der Sinnstiftung wird das Sortiment immer zahlreicher und unübersichtlicher. Die einzelnen Angebote werden entweder auf Zeit in Anspruch genommen, oder es werden selbst neue aus Segmenten verschiedener anderer Angebote frei zusammengestellt und kombiniert.

2. Verszenung und Eventisierung des Religiösen: Die Individualisierung führt zu neuen Organisationsformen des sozialen Lebens in "Szenen". Als "Teilzeitwelten" sind diese durch größere Offenheit, niedrige Verbindlichkeit (Mitgliedschaft auf Zeit, jederzeit kündbar), thematische Focussierung und partiellen Charakter (nicht exklusiv) gekennzeichnet. Diese offenen Szenen vermitteln ihr "Wir-Gefühl" auf Gemeinschaftsveranstaltungen (Events), die monothematisch ausgerichtet, professionell perfekt organisiert sind und viele Erlebnisformen verbinden.

3. Spiritualisierung und Ästhetisierung des Religiösen: Der Trend zur Spiritualisierung steht im Kontext der Subjektivierung, bei der die eigene religiöse Kompetenz betont und die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen gesucht wird. Als Protestbewegung ist sie antiinstitutionell, antiintellektuell und antirationalistisch. Dabei versucht die Ästhetisierung auch mit spektakulären Formen Religion mit allen Sinnen erfahrbar werden zu lassen.

4. Methodisierung und Technisierung des Religiösen: Wo Wahrheit nicht mehr von der Institution garantiert wird, sondern der individuellen Unsicherheit überlassen bleibt, verliert sie ihren Wert an sich. Um so wichtiger wird der Weg zur Wahrheit als Methode und Technik des religiösen Voranschreitens.
 
Den Jugendszenen und ihren Events fehlt zwar die Dauer und Regelmäßigkeit, dennoch können sie (in begrenztem Maße) auch integrativen und identitätsstiftenden Charakter erlangen. Sie bieten Möglichkeiten intensiver emotionaler Erfahrungen und haben (trotz ihrer Diffusität) ein festes Repertoire an Regeln, die innerhalb der Szene zu befolgen sind. Als professionell organisierte Teilzeitgemeinschaften ermöglichen sie für diese Zeit Entlastung von Sinnfragen (man ist nicht den ganzen Tag Techno oder Gruftie).

Pluriformität im Tagungsprogramm

Für viele Teilnehmer war es eine schwere Entscheidung, eine der vier angebotenen Arbeitsgruppen auszuwählen, weil dies bedeutete, auf die anderen drei verzichten zu müssen.

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Harald Lamprecht, Dresden

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