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Materialdienst 4/2003
Gesellschaft

Mit Kriegsangst für Vitamine werben

(Letzter Bericht: 12/2000, 442). Der Mann hat Geld und ein skrupelloses Interesse daran, seine Produkte zu vermarkten: Dr. Matthias Rath, 57-jähriger Mediziner, hatte schon vor Jahren mit teuren Werbefeldzügen und geschickten Slogans um Aufmerksamkeit für seine Vitaminpillen geheischt. Vor zwei Jahren sei ein Kartell der Pharmaindustrie angetreten, "den Gesundheits- und Lebensinteressen der gesamten Menschheit den Krieg" zu erklären, so der Unternehmer. Um ihre expandierenden Absatzmärkte nicht zu gefährden, hätten die einflussreichen Pharma-Lobbyisten ihre ärgste Konkurrenz - die Hersteller von Vitaminpräparaten - mit Verkaufsverboten belegt und dadurch ausgeschaltet. Was die Darstellung verschweigt: nach Einschätzung des Bundesinstituts für Arzneimittel sind die Vitamine in Raths Produkten gefährlich hoch dosiert und fallen unter das Arzneimittelgesetz. Um eine Zulassung zu bekommen, hätte Rath Studien vorlegen müssen, die die Wirksamkeit und Ungefährlichkeit dieser "Nahrungsergänzung" belegen. Doch Fehlanzeige - zwei Magdeburger Forscher haben 1998 vergeblich versucht, die Wirksamkeit für ein Präparat von Rath nachzuweisen. So wurde ihm per einstweiliger Verfügung der Vertrieb von einigen seiner Produkte über das Internet und ein abgeschottetes Beraternetz untersagt.
 
Doch der Mann gibt nicht auf: Im Februar diesen Jahres schaltete er in großen Tageszeitungen - neben anderen auch in der New York Times und dem Berliner Tagesspiegel - ganzseitige Anzeigen unter dem Motto "Gesundheit statt Krieg". Dort entwickelt er eine weitere, abenteuerliche Verschwörungstheorie, um unter dem Deckmantel "Menschheitsrettung" für seine Produkte zu werben. Rath unterstellt der Pharma-Industrie, sie würde gezielt den Krieg unterstützen. Denn während in Amerika das "Geschäft mit der Krankheit" floriere, seien Länder der dritten Welt viel einsichtiger und machten mit Naturheilverfahren und Vitamineinnahmen gute Erfahrungen. Weil nun der amerikanische Verteidigungsminister und andere hochrangige Politiker Pharma-Manager gewesen seien und noch gute Beziehungen zu diesen Kreisen pflegen würden, sei im Falle einer nichtkriegerischen Beendigung des Konflikts die Existenz eines Multi-Milliarden-Dollar-Wirtschaftszweiges gefährdet: "Das Recht auf Gesundheit und Leben von Milliarden Menschen steht den Gewinn-Interessen einer Handvoll Pharma-Aktionäre gegenüber" (Anzeigentext).

Durch die subtile Verbindung von Kriegsangst mit dem wichtigen Thema der Gesundheitsvorsorge hat Rath einen wirkungsvollen Marketingcoup gelandet. Dass er dabei zum politischen Agitator wird und wüste Verschwörungstheorien konstruiert, wird hoffentlich von den allermeisten Lesern durchschaut. Doch erscheint dieses Vorgehen Programm zu sein. Das Landgericht Berlin hat die Werbestrategie einer früheren Broschüre analysiert und sah darin "ein Konglomerat aus Tatsachenverdrehungen, Anschwärzungen und schlicht Unwahrheiten". Die Broschüre sei "auf Manipulation und Täuschung angelegt". Kein Wunder, dass sich derzeit in den Weltanschauungsbüros die Anfragen zu "Dr. Raths Vitaminsekte" häufen.

Michael Utsch

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