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Materialdienst 2/2003
Michael Utsch

Kein wirksamer Verbraucherschutz gegen Schneeballsysteme

Ein Beispiel von vielen

Am 29. März 2001 berichtete der WDR zur besten Sendezeit über den Suizid eines jungen Mannes "Nico - Tod eines Handlungsreisenden". Der 21-jährige Arbeitslose aus Potsdam erhoffte sich schnellen Erfolg, Reichtum und Ansehen durch die Firma Euro-Therm, bei der Nico zuletzt als so genannter selbständiger Händler sein berufliches Glück gesucht hatte. Obwohl er die seltsamen Produkte - schwarze und rote Tütchen mit koffeinhaltigen Energy-Drinks - kaum verkaufen konnte, führte er Euro-Therm neue Mitarbeiter zu, durch die er zumindest Provisionszahlungen erhielt. Doch die deckten seine Vorinvestitionen - den Händlervertrag und die Warenbestellungen - in keiner Weise. Hinzu kam ein aufwendiger Lebensstil mit feinen Anzügen und einem schnellen Auto. Auf diese Symbole wurde in den Verkaufsseminaren immer wieder Wert gelegt. In Erwartung hoher Einnahmen, die Euro-Therm den neuen Mitarbeitern vorgaukelte, nahm Nico in nur sieben Monaten an die 70 000 DM Schulden auf. Weil er im Sommer 1999 nicht die Kraft hatte, seiner Freundin und Familienangehörigen seinen Irrtum und sein Versagen einzugestehen, schrieb er einen traurigen Abschiedsbrief und fuhr frontal gegen einen Baum. Er war sofort tot.

Euro-Therm - Anbieter von Energy-Drinks in Pulverform - stand schon damals im Verdacht, ein verbotenes Schneeballsystem zu betreiben. Der Vorwurf stand im Raum, das Produkt und die es vertreibenden Händler nur als Vorwand für das (gesetzeswidrige) Anwerben immer neuer Händler nach dem System der so genannten "progressiven Kundenwerbung" zu benutzen. Doch ein entsprechendes Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Verden aufgrund dieses Verdachtes wurde wieder eingestellt. Euro-Therm durfte also nicht als Schneeballsystem bezeichnet werden und konnte bis zuletzt ganz legal arbeiten. Am 24. Januar 2000 beantragt Euro-Therm selbst die Eröffnung des Insolvenzverfahrens - der Geschäftsbetrieb des umstrittenen Unternehmens, das auf rund 3.000 selbständige Händler wie Nico baute, wurde im Dezember 1999 eingestellt. Die Firma war nach eigenen Angaben zahlungsunfähig. Laut Insolvenzgutachten war kein Firmenvermögen vorhanden, um die verschiedenen Gläubiger befriedigen zu können. Das ehemals in Nienburg (Niedersachsen) ansässige Gründungsehepaar hatte sich geschickt aus der Affäre gezogen und sich nach Schondorf (Bayern) abgesetzt. Dort betreiben sie heute eine Immobilienagentur, eine Unternehmensberatung und den "Aufbau und die Organisation von Vertriebssystemen", wie es unverfänglich im Gewerberegister heißt.

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