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Materialdienst 3/2003
Hansjörg Hemminger

Gottesbeschwörungen

Über Säkularität und Sinn

Kraft zum Leben

Eine Beschwörung ist aus religionsgeschichtlicher Sicht "die Einwirkung des Menschen auf Geister und Dämonen durch geheimnisvolle Worte, Riten und Dinge, um sich ihrer ... zu bedienen oder um sich ihrer schädlichen Wirkungen zu erwehren" (Der neue Herder 1973). Wie bannen moderne Menschen die bösen Geister und die Dämonen, die sie in ihrem Leben und in ihrer Lebenswelt bedrängen? Wie beschwören sie die guten Mächte herbei, die ihnen Hilfe bringen? Es muss solche Beschwörungen geben, denn unsere Zeitgenossen sind in ihren Existenzängsten, in ihrer Verletzlichkeit und Vergänglichkeit nicht anders als Menschen anderer Epochen und Kulturen. Magisches Denken gehört ebenso wie die Angst zur conditio humana, es ist nicht gebunden an ausformulierte Magiesysteme oder Zauberglaube, es steckt in uns allen - ob gebändigt durch Religion und Aufklärung oder nicht. Die Antwort auf diese Fragen ermöglicht eine Analyse der heutigen religiösen Befindlichkeiten, in der Mehrzahl gesprochen, denn die global dominierende Kultur der abendländischen Moderne erlaubt mehrere religiöse Optionen und viele Wege der magischen Lebenssicherung. Wie sehen diese aus? Aber zuerst: Wie steht es mit der Minderheit überzeugter Christen? Sie können eigentlich nichts und niemand beschwören, bestimmt nicht Gott und seine Engel, nicht einmal die Dämonen - trotz des rituale romanum. Denn auf "geheimnisvolle Worte, Riten und Dinge" reagieren sie alle nicht. Wie rufen Christen die guten Mächte herbei, die ihr Leben und ihren Glauben sichern, und wie erwehren sie sich der Dämonen und ihrer schädlichen Wirkungen? Wir haben aus der christlichen Tradition die Antworten auf den Lippen, die von A wie Abendmahl über die Beichte, das Gebet und die Taufe bis zu Z wie Zurüstung reichen. Aber die Antworten haben eine Voraussetzung: Sie setzen auf die Gegenwart Gottes in unserer Wirklichkeit, auf die Nähe Gottes, auf die Ansprechbarkeit Gottes und auf das Handeln Gottes in unserem Alltag. Die Kraft zum christlichen Leben im Alltag ist also mit der Wirklichkeit des biblischen Gottes, noch genauer, mit seinem Wirken am Menschen, unlösbar verbunden, und dies nicht nur theologisch-systematisch, sondern im menschlichen Innern und in der Gemeinschaft der Glaubenden.

"Gibt es einen Gott?" Diese Frage ist heute nicht mehr vorrangig die Frage nach der Richtigkeit des theistischen Weltbilds, wie Dietrich Bonhoeffer und Paul Tillich sie verstanden, schon gar nicht die Frage nach der Legitimation der Kirche, sondern die Frage nach der Lebbarkeit von Religion. Das wurde schon oft festgestellt, einmal mehr 1998 in der Enzyklika "fides et ratio" von Papst Johannes Paul II bzw. von Kardinal Ratzinger, von dem wohl der Text stammt. Warum muss man es dann immer wieder von Neuem sagen? Weil wichtige Lebensfragen nicht von selbst auf eine Beantwortung drängen. Im Gegenteil, sie unterliegen den zahlreichen Mechanismen zur Abwehr und Immunisierung, die der menschliche Geist kollektiv und individuell in Gang zu setzen imstande ist. Lebensfragen machen Angst, und diese eine Lebensfrage macht Christen besondere Angst. Tapferkeit - obwohl sie als fortitudo nach der alten christlichen Ethik zu den vier weltlichen Kardinaltugenden zählt - ist nicht unbedingt eine verbreitete christliche Tugend. Sie zu üben heißt, wieder neu in den Blick zu bekommen, was die Angst vor der Frage "Gibt es einen Gott?" mit den Christen anrichtet, was sie mit den religiös Suchenden außerhalb der Kirchen anrichtet, und was es bedeutet, dass die Mehrheit diese Frage ad acta gelegt hat.

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