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Materialdienst 3/2003
Martin Konitzer

"Familienstellen" als psychotherapeutische Notstandsmaßnahme

Historische Anmerkungen zum Phänomen Hellinger

Warum ist "Familienstellen" so attraktiv?

Bei einem seiner zahllosen Interviews bestätigt Bert Hellinger seinen Ausspruch "Was der Klient erzählt, dient der Abwehr" durch Relativierung. Das sei halt "sehr provozierend" gesagt. Sodann geht er mit der Interviewerin ins Gericht, indem er sie unterbricht, als diese gerade einen, wie beide übereinkommen, "Redeschwall" eines Patienten zu zitieren begonnen hat: "So viele Sätze hätte ich mir gar nicht angehört. Das tut mir physisch echt weh. Da hätte ich schon vorher unterbrochen. Ich richte mich da nach meinem Wohlbefinden. Was mir physisch weh tut, kann nicht relevant sein, um es ganz provokant zu sagen." Die Interviewerin merkt hierzu bescheiden an: "Das klingt fast überheblich"1.
 
Auf andere Weise aufschlussreich ist folgender Bericht Hellingers von einer therapeutischen Intervention: "Während eines Kurses in London erzählte eine Frau im Rollstuhl, sie habe mit zwei Jahren Kinderlähmung gehabt. Sie hat die Krankheit überstanden, doch seit vier Jahren fühlt sie sich behindert und sitzt im Rollstuhl. Ich habe sie gefragt: ‚Wurde damals für deine Errettung gedankt?', das war, wie in vielen solchen Fällen, bei ihr nicht geschehen."2

Man mag die Beispiele von Hellingers - vorsichtig ausgedrückt - "provokantem" Stil vielfältig ergänzen. Äußerungen des Patienten oder gar Widerspruch werden als reines Widerstandsphänomen abgetan. Der "Redeschwall" des Patienten verursacht beim Therapeuten lediglich "Unwohlsein". Im Falle der Poliospätfolgeerkrankung ersetzt Hellinger seine pathophysiologische Unkenntnis hinsichtlich eines solchen Krankheitsverlaufs durch die beherzte Attribution, dass der Verlauf anders gewesen wäre, wenn die Patientin rechtzeitig für ihre Errettung gedankt hätte. Wem allerdings zu danken gewesen wäre, ist bei Hellinger unklar. Auf jeden Fall gibt er sich als aggressiver Gegner der "christlich-jüdischen Religion", die er mit der "Atombombe" gleichsetzt.3
 
Man muss sich fragen, warum ein derartiger Therapeut, der so deutlich seine Verachtung für gängige Interaktionsregeln - Stichwort "Patientenzentrierung" - kundtut, leichtfertig eine psychosomatische Kausalität im Falle einer Poliospätfolgeerkrankung aufbaut, aggressiv antichristlich argumentiert (obwohl Gott doch ohnehin schon lange tot sein soll), gegenwärtig derartig gefragt ist.
 
Sowohl die Technik des "Familienstellens" wie auch Hellingers Jargon vom "Lösen", vom "Feld", von der "Ordnung der Liebe", der "Gnade" werden nur verstehbar, wenn man sie als Antworten auf radikal veränderte Außenbedingungen der Psychotherapie wie auch eine veränderte Binnensituation der Psychotherapie bezieht. Anders ausgedrückt: innerhalb der letzten zehn Jahre hat ein radikaler gesellschaftlicher Wandel eingesetzt, der das traditionelle Angebot der Psychotherapie, die Selbstverwirklichung, an Attraktivität für mögliche Patienten hat verlieren lassen. Darüber hinaus ist das herkömmliche System der Psychotherapie mit der Psychoanalyse als "Leitwährung" außer Kraft gesetzt worden. Speziell ist die auch ökonomisch lukrative Generationenfolge in den herkömmlichen psychoanalytischen Instituten mangels Kandidaten, zunächst in den USA, verzögert auch in Deutschland, unterbrochen worden. Hellingers drastische Interventionsformen sowie seine vorwiegend in Interviewform vorgetragenen Theoriebruchstücke scheinen "Lösungen" anzubieten, wie die enorme Nachfrage nach der Therapie und auch Institutsgründungen4 belegen.

Der Hintergrund der für Patienten wie Therapeuten radikal veränderten Situation ist das Verschwinden der Familie, weswegen das "Familienstellen" im Zentrum dieser Antwort auf die Krise steht. Allerdings handelt es sich um eine psychotherapeutische Notstandsmaßnahme: in sich widersprüchlich zusammengesetzt aus bizarr überspitzten Elementen traditioneller Psychotherapie - wie der Widerstandslehre - und überformt von einer antichristlichen Spiritualität. Sortieren wir einmal Voraussetzungen und den Gehalt dieser Notstandsmaßnahmen für die Patienten, die Therapeuten, die institutionalisierte Psychotherapie.

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Anmerkungen

1 B. Hellinger, G. ten Hövel, Anerkennen, was ist. Gespräche über Verstrickung und Lösung, München 1996, 91f.
2 G. Weber (Hg.), Praxis des Familien-Stellens. Heidelberg 1998, 23.
3 Ebd., 20.
4 Materialdienst der EZW 2/1998, 54-57.

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