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Materialdienst 9/2003
Christian Ruch

Flaschenpost vom "richtigen Leben"

Anmerkungen zum 100. Geburtstag Theodor W. Adornos

Am 11. September 2003 jährt sich der Geburtstag des Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno zum 100. Mal. Es dürfte unbestritten sein, dass der Frankfurter Denker als einer der geistigen Väter der "Kritischen Theorie" das geistige Klima im Nachkriegsdeutschland wesentlich mitgeprägt hat.

Die Esoterik der Sprache Adornos und die anscheinend ausweglose, eben: negative Dialektik haben aber auch stets Widerspruch provoziert: jenen der Studenten-Bewegung etwa, die Adorno vorwarf, sich der politischen Praxis zu verweigern; auf der anderen, konservativen Seite wurde er hingegen lange als eine Art geistiger Brandstifter für den in den siebziger Jahren aufflammenden Terror der "Baader-Meinhof-Bande" bzw. der RAF verantwortlich gemacht.

Einen Vorwurf ganz eigener Art hat in den vergangenen Jahren der deutsche Medienästhetiker und Postmodernist Norbert Bolz immer wieder erhoben: Er unterstellt Adorno, dass es sich bei seiner Philosophie und Soziologie eigentlich um eine Art Etikettenschwindel handle, weil sich dahinter in Tat und Wahrheit eine Theologie verberge: "(...) die Grundwissenschaft der 'Ästhetischen Theorie' [Adornos] ist keine marxistische Soziologie, sondern eine 'gnostische' Theologie. (...) Das grundlegende Verfahren ist folgendes: Erst verpuppt sich die Theologie im Marxismus, und dann versteckt sich der Marxismus in der Ästhetik."1

Auf den ersten Blick scheint diese Feststellung völlig unbegründet zu sein, denn angesichts des von Adorno in der Moderne konstatierten totalen Unheils, das in Auschwitz seinen Höhepunkt findet, erscheint ihm alle Metaphysik zumindest verdächtig, wenn nicht sogar selbst zu einer Rechtfertigung des bestehenden Unheils und der Unfreiheit des Menschen mutiert. Adornos berühmter Satz "Das Ganze ist das Unwahre"2 ist wohl auch und gerade in diesem Sinne zu verstehen. Zudem hält er der Theologie wie dem Denken generell vor, dass angesichts des totalen Verblendungszusammenhangs, der selbstverständlich auch die Sprache gefangen nimmt und von ihr abgebildet wird, gar nicht (mehr) formuliert werden kann, worin so etwas wie ein "richtiges Leben" bestehen könnte. Adornos wohl bekanntestes Diktum - "Es gibt kein richtiges Leben im falschen"3 - stellt so etwas wie ein grundlegendes Credo seines Denkens dar. Nur schon die gedankliche Erfassung eines "richtigen Lebens" ist "das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist"4, und gerade an dieser Unmöglichkeit scheitert es.

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Anmerkungen

1 Norbert Bolz, Die Konformisten des Andersseins. Ende der Kritik, München 1999, 127.
2 Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften (im Folgenden als GS abgekürzt), hg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1997, Bd. 4, 55.
3 Ebd., 43.
4 Ebd., 283.

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