publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 9/2003
Lutz Lemhöfer

Eberhard Arnold und die alternativ-christliche Gemeinschaft der Bruderhöfe

Es begann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Rechte und Linke stritten lautstark und nicht selten gewaltsam um ihren Einfluss in Politik und Gesellschaft. Dutzende von Heilspredigern verkündeten Programme zur jeweils einzig richtigen Reform des Lebens und der Menschheit. Da erschienen 1925 in der Zeitschrift "Die Wegwarte" folgende Sätze: "Alle Revolutionen, alle Vereinsbildungen idealistischer und lebensreformerischer Art treiben uns immer wieder zu der Einsicht, dass der Glaube an das Gute, der Wille zur Gemeinschaft nur durch eines lebendig sein kann: durch das klare Beispiel der Tat. Wir haben nur ein Kampfmittel der Verdorbenheit der heutigen Zustände gegenüber. Diese Waffe ist die aufbauende Arbeit der Gemeinschaft der Liebe. Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil Gott will, dass wir auf die unklare Sehnsucht der heutigen Menschheit eine klare Glaubensantwort geben."1

Leben nach der Bergpredigt: Der erste Bruderhof wird gegründet

Der Mann, der das schrieb, wusste, wovon er sprach. Der Philosoph und Theologe Dr. Eberhard Arnold2 hatte nach einer persönlichen Bekehrung sich als Erwachsener neu taufen lassen und damit den sicheren Weg ins evangelische Gemeindepfarramt aufgegeben. Nach einigen Jahren wechselnder missionarischer und publizistischer Tätigkeit gründete er 1920 im Vogelsberg-Dörfchen Sannerz eine neue, christlich-sozialistische Lebensgemeinschaft, den Bruderhof. Gemeinsam mit seiner Frau Emmy, fünf Kindern und einigen treuen Weggefährten war der gelehrte Professorensohn von Berlin ins ländliche Osthessen gezogen, um nichts weniger zu realisieren als ein konsequentes Leben nach der Bergpredigt. Für ihn hieß das: gemeinsam leben und arbeiten, Verzicht auf privates Eigentum und konsequenter Pazifismus. Das war eine fromme Attacke auf die Grundpfeiler bürgerlicher Ordnung, die ja unbefragt auch in den großen christlichen Konfessionen Geltung hatte. Der fromme Revolutionär sah sich dabei durchaus an der Seite sozialistischer und anarchistischer Kämpfer für eine bessere Welt: "Wir fühlen uns mit ihnen hingezogen und hingedrängt zu allen notleidenden Menschen, zu denen, denen es an Wohnung und Nahrung fehlt und deren geistige Entwicklung durch Sklavenarbeit verkümmert ist. Wir stehen mit ihnen auf der Seite der Besitzlosen, der Entrechteten, der Erniedrigten; und doch sind und bleiben wir fern von jenem Klassenkampf, der mit lieblosen Mitteln die entgegengesetzten Gruppen zu schädigen sucht. Wir lehnen für uns den Verteidigungskrieg des Proletariats ebenso ab wie den Verteidigungskrieg der Nation."3 Arnold berief sich dabei auf gern verdrängte Traditionen der Kirchengeschichte: auf das gemeinsame Leben der ersten Christen, auf das ursprüngliche Mönchtum, auf Franz von Assisi und die sittenstrengen Täufer-Bewegungen des 16. Jahrhunderts. "Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil uns der selbe Geist dazu drängt, der vom Prophetismus und vom Urchristentum her immer wieder zum Gemeinschaftsleben geführt hat."4

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Eberhard Arnold, Warum wir in Gemeinschaft leben, New York 1974, 6f, ursprünglich veröffentlicht in: Die Wegwarte 10/11, Oktober-November 1925.
2 Als gründliche Biographie siehe Markus Baum, Stein des Anstoßes. Eberhard Arnold 1883-1935, Moers 1996.
3 Eberhard Arnold, Warum wir in Gemeinschaft leben, 6.
4 Ebd., 8.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!