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Materialdienst 9/2003
Karl Kardinal Lehmann

Das Böse - oder das Drama der Freiheit*

Vortrag, gehalten am 30. Mai 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin, Werkstatt Weltanschauungen "Ratlos vor dem Bösen? Theologische und philosophische Perspektiven. Wahrnehmung und Wirklichkeit des Bösen"

* Zuerst publiziert in: epd-Dokumentation 28/2003, 29-36, Frankfurt a. M. vom 7. Juli 2003.


Die Frage nach dem Bösen und besonders nach seinem Ursprung gehört zu den bedrängendsten Fragen des menschlichen Denkens. Dies gilt gerade auch für die Theologie. Denn wenn Gott ist und wenn er wirklich gut ist, wie kann es dann das Böse überhaupt geben? Dies ist immer auch eine Frage an Gottes Allmacht. Deshalb ist auch die Frage nach dem Bösen, besonders in der Neuzeit, zu einem Problem der "Rechtfertigung" Gottes angesichts des Bösen geworden. Es bleibt die Frage, ob dies eine ausreichende Problemstellung ist. Aber die Frage kommt immer wieder: Warum, woher, wozu das Böse? Warum gerade ich? Wie vertragen sich das Übel und das Böse mit Gerechtigkeit und gar Liebe? Und immer wieder die Frage: Wo bleibt Gott? Wir müssen noch früher ansetzen.

I. Die Frage des Zugangs zum Bösen

Man spricht schon seit langem von einem Geheimnis des Bösen. Dies gilt ganz besonders, wenn wir nach der Herkunft, ja noch genauer nach dem Ursprung des Bösen fragen. Dafür mag es gut sein, mit einigen Unterscheidungen zu beginnen, die uns die Annäherung an dieses fast undurchdringliche Geheimnis etwas erleichtert.
 
Seit Leibniz unterscheidet man grundlegend verschiedene Formen des Übels. Das metaphysische Übel besagt eine Unvollkommenheit, wie sie der geschöpflichen Begrenztheit eines bestimmten Wesens zu Eigen ist. Ein Stein gehört zu einer Seinsstufe, auf der kein Sehen möglich ist. Das physische Übel bedeutet das Fehlen einer Eigenschaft, auf die ein konkretes Wesen von Natur aus angelegt und ohne die es in seiner vollen Wirklichkeit behindert ist. Dies ist der Fall bei der Blindheit eines Menschen. Demgegenüber besteht das ethisch-moralische Übel in einer freien Willensentscheidung gegen das im Gewissen gewusste Gebot oder Verbot. Es ist dann voll gegeben, wenn es der freien Verantwortung entspringt und also schuldhaft ist. Das Böse im eindeutig moralischen Sinn ist - um im Bereich unserer Beispiele zu bleiben - dann gegeben, wenn ohne Grund und in voller Absicht das Augenlicht zerstört wird. Das Böse im vollen Sinne existiert also nur, wo Freiheit und damit Zurechnung und Verantwortung wirksam sind. Wenn wir künftig vom Bösen sprechen, dann zielen wir auf diese ethisch-moralische Größe. Hier vollzieht sich wirklich das Drama der Freiheit.

In theologischer Hinsicht gibt es daneben freilich auch das Übel, das Leiden der Kreatur und das durch keinen Menschen verschuldete Übel, das Leiden, das durch Seuchen, unheilbare Krankheiten, durch Naturkatastrophen wie Erdbeben und Flutkatastrophen hervorgerufen wird. Nicht umsonst wurde der Optimismus der Aufklärung durch das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 plötzlich tief erschüttert. Reicht der Verweis auf die Endlichkeit der Welt aus, um solche Erfahrungen aufzuklären? Wie steht es um die Entstehung von Krebszellen, die brutal menschliches Leben zerstören? Kinder sind dem Leiden distanzlos ausgeliefert und können sich nicht protestierend oder sinngebend dazu verhalten. Das Leiden der Kinder fordert in besonderer Weise den Widerspruch heraus. Man braucht nur Dostojewski zu lesen oder auch den Protest von Albert Camus: "Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden."1 Diese Erfahrungen unverschuldeten und ungerechten Leidens sind wohl das stärkste Argument gegen den Gottesglauben. Sie sind vielleicht mächtiger als alle philosophischen und religionskritischen Argumente. Man hat sie als den "Felsen des Atheismus" (G. Büchner) bezeichnet. Über die Jahrhunderte hinweg wird aus dieser Erfahrung auch ein Argument geschmiedet, das bei A. Camus folgendermaßen lautet: "Entweder sind wir nicht frei und der allmächtige Gott ist für das Böse verantwortlich. Oder wir sind frei und verantwortlich, aber Gott ist nicht allmächtig. Alle scholastischen Spitzfindigkeiten haben der Schärfe dieses Paradoxons nichts hinzugefügt und nichts genommen."2
 
Kein Wunder, dass der Mensch sich damit nicht zufrieden gibt. Er fragt nach dem Grund des Bösen. Wir haben für bestimmte Erscheinungsweisen des Bösen und für einzelne böse Handlungen eine "Erklärung": ererbte Verhaltensweisen, Destruktivität, Aggression, Frustration, Sachgesetzlichkeiten, repressive Strukturen. Zweifellos bestimmen sie die Freiheit der handelnden Personen mit und legen ob ihres Gewichtes nicht selten die Überzeugung nahe, es gäbe keine wirkliche freie Entscheidung. Bestimmte Begleitumstände der bösen Tat lassen sich damit begreiflich machen, aber nicht das Böse selbst. Freilich bleibt eine Spannung bestehen zwischen der relativen Freiheit des Individuums und einer gewissen Determination zum Bösen, welche den Einzelnen übersteigt und gelegentlich überwältigt. Wiederholt böse Handlungen können eine Dauerneigung ausbilden und den Willen in eine solche negative, zerstörerische Grundhaltung einüben, dass man fast von einem "inneren Zwang zum Bösen" sprechen kann.

Je mehr man das Böse in seinem Ursprung und die Freiheit zusammendenkt, um so rätselhafter erscheint es. Wer etwas deuten möchte, sucht nach einer inneren Erhellung, die ein bestimmtes Verhalten auch rechtfertigt. Wer einen unumstößlichen Grund für eine böse Tat sucht, kommt leicht zu Ausreden oder gibt Scheinantworten. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass das Böse sich gerne in seinem eigenen Ursprung verbirgt, sondern dass es einer wirklichen und dauerhaften rechtfertigenden Begründung nicht standhält. Geht man wirklich dem Ursprung des Bösen nach, so entzieht sich der letzte Grund einer bösen Tat uns selbst. Das menschliche Selbst erscheint als ein vieldimensionaler Abgrund, in dem das Innen und das Außen, das Eigene und das Fremde viel weniger zu trennen sind, als wir durchschnittlich annehmen. Das Böse wird "irrationaler". Je mehr wir ihm einen "Sinn" geben wollen, um so unbegreiflicher wird es. Es kann aber auch sein, dass endlose Erklärungsversuche das Böse banalisieren. Man kann es in seiner Ungeheuerlichkeit neutralisieren, wenn man es in eine äußerste unbeteiligte Distanz zu sich bringt. Die Neugierde der objektivierenden Reflexion kommt beim Bösen bald an eine Grenze, wo das Leiden des Opfers frevelhaft entschärft wird und der Schrecken des Bösen verloren geht. Kant hat in diesem Falle die Frage gestellt, ob in einem solchen Zusammenhang die Verteidigung nicht ärger werden kann als die Anklage.3 Andere meinten gelegentlich, die einzige wirkliche Entschuldigung für Gott sei, dass er nicht existiert.

Das Böse ist darum für das Denken ein abgrundtiefes Rätsel. Es lädt immer wieder die Reflexion nach dem Woher und Wohin ein. Es bedeutet durch seine eigene Unverständlichkeit die schärfste Herausforderung an das Denken. Das Verstehen wird bei jeder Annäherung zurückgeworfen oder zum Komplizen. Verstehen nämlich tendiert auf Einverständnis. Von der Gnosis an besteht aber auch die Versuchung, dieses Rätsel des Bösen durch seine zwanghafte Logisierung in Erkenntnis (oder auf Täuschung und Irrtum als einen Mangel an Erkenntnis) aufzulösen. Noch Hegel zeugt von dieser Versuchung des reflektierenden Geistes. Erst recht kann diese entschiedene Provokation des Denkens, das die Undurchdringlichkeit des Bösen darstellt, den Menschen nicht nur zum platten "Erklären", sondern auch zum redseligen Faseln verleiten. Eine erste Forderung aller Rede über das Böse muss darum die Aufforderung sein, sich dieser abgrundtiefen Rätselhaftigkeit des Bösen bewusst zu bleiben. Die klassische Philosophie und Theologie von Augustinus bis in das Spätmittelalter weiß sehr genau, dass in der Negativität des Bösen Dunkel und Schweigen herrschen: Die Freiheit als Ursprung ist nicht nur letzter Grund, sondern eher nicht mehr vollständig aufzulichtender Abgrund.4

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Anmerkungen

1 Die Pest, in: A. Camus, Das Frühwerk, Reinbek bei Hamburg 1967, 305.
2 Der Mythos von Sisyphos, in: Das Frühwerk, 449.
3 Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee, in: Werke, ed. W. Weischedel, Bd. 6, Frankfurt a. M. 1964, 104-124, vgl. bes. 109.
4 Vgl. neuestens zur Sache T. Koch, Das Böse als theologisches Problem, in: Kerygma und Dogma 24 (1978), 285-320; L. Wenzler, Die Freiheit und das Böse nach Vladimir Solov'ev = Symposium 59, Freiburg/München 1978; A. Görres/K. Rahner, Das Böse, Freiburg 1982; F. M. Wuketits, Warum uns das Böse fasziniert, Stuttgart 1999; R. Safranski, Das Böse oder Das Drama der Freiheit, München 1997; Das Böse, hg. von G. Zacharias, München 1972; Das Böse. Eine historische Phänomenologie des Unerklärlichen, hg. von C. Colpe und W. Schmidt-Biggemann, Frankfurt a. M. 1993; W. Simonis, Woher kommt das Böse? ... wenn Gott gut ist, Graz 1999; L. Oeing-Hanhoff/W. Kasper, Negativität und Böses, in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, hg. von F. Böckle u.a., Teilband 9, Freiburg 1981, 147-201 (Lit.). Vgl. auch noch Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a. M. 1966, 352ff; P. Ricoeur, Die Fehlbarkeit des Menschen. Phänomenologie der Schuld I., Freiburg 1971 (Paris 1960); Symbolik des Bösen. Phänomenologie der Schuld II, Freiburg 1971 (Paris 1960); ders., Hermeneutik und Psychoanalyse, München 1974, 140ff, 217ff, 239ff, 266ff, 284ff; Lectures 3, Paris 1994, 19ff, 211ff, 263ff; La mémoire, l´histoire, l´oubli, Paris 2000; dazu J. Greisch, Paul Ricoeur, Grenoble 2001; L. Oeing-Hanhoff, Metaphysik und Freiheit, München 1988, 45ff, 262ff; H. Häring, Die Macht des Bösen, Gütersloh 1979; C.-F. Geyer, Leid und Böses in philosophischen Deutungen, Freiburg 1983; H. Halter (Hg.), Wie böse ist das Böse?, Zürich 1988; F. Hermanni/P. Koslowski (Hg.), Die Wirklichkeit des Bösen, München 1998 (zur Privationstheorie); zur Erneuerung der Lehre von der Sünde vgl. Chr. Gestrich, Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt, Tübingen 1989, 160ff, 257ff; ders., Peccatum. Studien zur Sündenlehre, Tübingen 2003.

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