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Materialdienst 9/2003
Gesellschaft

Rituale als Thema der Gegenwartskunst. Zur Ausstellung Rituale in der zeitgenössischen Kunst in der Akademie der Künste, Berlin (6. April - 11. Mai 2003)

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Neun rote Fahrradleuchten, angeordnet in Form eines modifizierten I-Ging-Zeichens, blinken vor dem Hintergrund des letzten von drei aneinandergereihten Schwarz-Weiß-Fotos, welche die wolkenverhangenen Bergspitzen der chinesischen Yellow Mountains zeigen. Das Bergmassiv in der Provinz Anhui gehört zu den heiligen Bergen Chinas und ist Ziel von Pilgerreisen. Dem Künstler Yuan Shun gelingt es in seiner Arbeit Landscape No 1-3 (2002) durch die Kombination eines Verweises auf die rituelle Praxis der Pilgerfahrt mit den in zeichenhafter Form angeordneten Lämpchen mit den Mitteln der modernen Kunst ein beeindruckendes Meditationsbild zu schaffen.

Ein weiteres Werk, das in der Ausstellung Rituale in der zeitgenössischen Kunst zu sehen war, ist die Videoinstallation Royal Ascot (1994) des britischen Künstlers Mark Wallinger. Sie besteht aus vier Monitoren, die die Übertragung der Parade von Queen Elizabeth II. auf der Pferderennbahn von Ascot aus vier verschiedenen Jahren ausstrahlen. Die Installation demaskiert auf amüsante Art den immer gleichen Ablauf dieses Rituals politischer Machtdemonstration. Lediglich die von Jahr zu Jahr wechselnden Farben der Kleider und Hüte der Queen und die unterschiedliche Zusammensetzung der in der Kutsche Mitfahrenden zeigen, dass es sich um verschiedene Paraden handelt.

Diese beiden vorgestellten Arbeiten markieren zwei wichtige Pole in der Auseinandersetzung mit dem Thema Ritual in der zeitgenössischen Kunst: Einerseits ist dies die Beschäftigung mit religiösen Ritualen und andererseits mit Ritualen der Macht. Dieser sowohl religiöse als auch profane Bezug zeugt von einem erweiterten (und bisweilen beliebigen) Ritualbegriff, der derzeit gesellschaftlich virulent ist und der auch die Berliner Ausstellung prägte.2

Die Ausstellung in der Akademie der Künste machte das große Interesse an Ritualen in der Kunst deutlich und bot einen Einblick in die Vielfalt der behandelten Aspekte. Die präsentierten Werke stammen von mehr als zwanzig (zum größten Teil jüngeren) Künstlerinnen und Künstlern aus Europa und Asien. Die bevorzugten Medien waren Foto, Video, Installation und Performance. Diese Arbeiten wurden ergänzt durch Zeichnungen von Joseph Beuys (1921-1986), der damit die lange Tradition des Themas in der Kunst seit den 1950er Jahren bezeugt.

Die meisten Arbeiten nehmen Bezug auf "profane" Rituale. Wiederholt begegnen die Themen Ritual und Männlichkeit, Ritual und Macht, aber auch das Thema Transformationsrituale. Zwei weitere Beispiele seien schließlich angeführt: Ingeborg Lüscher lässt in ihrer Videoinstallation Fusion (1999-2001) die Fußballmannschaften der Grasshopper Zürich und des FC St. Gallen im Winterthurer Stadion zu Musik von Mozart gegeneinander antreten, gekleidet in Designeranzüge, mit Schlips und Kragen. Statt des Balls fliegt gelegentlich ein Aktenkoffer, ein Laptop und ähnliches durch die Luft. Ganz anders beschäftigen sich die Fotos von Ulrike Ottinger mit dem Thema. Ihre Arbeiten zeigen Bilder eines schamanistischen Rituals, d.h. sie bilden Elemente eines Rituals ab, gesehen mit dem ethnografischen Blick einer europäischen Künstlerin.

Die aktuelle Bedeutung des Themas Rituale als Gegenstand der Kunst ist im Kontext eines allgemein steigenden gesellschaftlichen Interesses an Ritualen zu sehen. Das Wort Ritual ist buchstäblich in aller Munde: Man spricht z.B. vom Ritual des Zähneputzens, von ritualisierter medialer Präsenz von Politikern in Talkshows, und das Goethe-Institut informiert auf seiner Homepage unter der Rubrik "Alltag" über "Rituale und Feste" in Deutschland3. Beliebig ließe sich diese Aufzählung noch verlängern. Als Tendenz kann indessen festgehalten werden, dass das Wort Ritual vielfach auf Alltägliches bezogen wird und in profanen Kontexten Verwendung findet. Diese "Säkularisierung" des Begriffs findet sich auch im wissenschaftlichen Diskurs, z.B. in den Sozialwissenschaften, wo Rituale als Ordnung stiftende Formen sozialen Handelns aufgefasst werden.4

Das gegenwärtige Interesse richtet sich jedoch auch auf religiöse Rituale, die "wiederentdeckt" oder weiterentwickelt werden, oder auf die Neukonstruktion von Ritualen als Ersatz für religiöse Rituale. Dies zeigt sich z.B. an dem breit gefächerten und oft individuell zugeschnittenen Angebot von sog. "Ritualberatern". In ihrem Programm finden sich u.a. Abschiedsrituale, Jahreszeitenrituale, Rituale im Schulalltag, Rituale zur Geschäftseröffnung und zur Ateliereinweihung.5

Der künstlerischen Beschäftigung mit dem Thema, so wie sie die Ausstellung in der Akademie der Künste präsentierte, wohnt hingegen oft auch ein kritischer Impetus inne, der Mechanismen von Ritualen vor Augen führt und ihren Inszenierungscharakter deutlich macht. Die Heterogenität der ausgestellten Werke ist zum einen im Zusammenhang mit der Vielfalt der Erscheinungsformen des Phänomens Ritual zu sehen, zum anderen ist sie symptomatisch für die unscharfe Verwendung des Begriffs, von der auch dieses Ausstellungsprojekt nicht frei war.

Anmerkungen

1 Zu Informationen über die Künstler und das Ausstellungsprojekt vgl. den von den Kuratorinnen Nina Muecke und Angelika Sommer herausgegebenen Katalog: Rituale in der zeitgenössischen Kunst, Akademie der Künste, Berlin 2003.
2 Zur Kritik an einem weiter gefassten Ritualbegriff s. Bernhard Lang, "Ritual/Ritus", in: Hubert Cancik, Burkhard Gladigow, Karl-Heinz Kohl (Hg.), Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Bd. IV, Stuttgart, Berlin, Köln 1998, 442-458, hier: 442-444.
3 Vgl.
www.goethe.de/z/50/alltag/rituale/deindex.htm.
4 Vgl. Gunter Gebauer, Christoph Wulf, Spiel - Ritual - Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt, Reinbek bei Hamburg 1998, 114-159.
5 Vgl. hierzu z.B. die zwei schweizerischen Anbieter:
www.schule-fuer-rituale.ch/, eine "Fachschule für Rituale", die eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung in Ritualgestaltung und Ritualleitung anbietet, sowie www.ritualnetz.ch/, ein Netzwerk von Ritualberatern.

Debora Dusse, Frankfurt a. M. 

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