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Materialdienst 9/2003

Problematische Fernsehsendungen über den "wirklichen" Jesus

Vor rund zehn Jahren haben Bücher über den "wirklichen" Jesus Furore gemacht. Durch Robert Eisenmans Erfolgstitel "Jesus und die Urchristen" und den Bestseller "Verschlußsache Jesus" von M. Beigent und R. Leigh sind damals viele Christen verunsichert worden. Dass jene Thesen vom Qumran-Jesus in ihrer angeblich wissenschaftlichen Substanz längst widerlegt sind und wohl kein seriöser Forscher sich auf sie beruft, hat sich freilich nur sporadisch herumgesprochen. Von exegetischer Seite hatte der Neutestamentler Wolfgang Stegemann entsprechende Behauptungen mit Recht als einseitig und gewaltsam eingestuft: "Eine Widerlegung der Thesen im Einzelnen ist müßig", zumal sie "die differenzierte Fachdiskussion außer acht lassen" (Theologische Literaturzeitung 1994/5).
 
Heutzutage sind es TV-Dokumentationen, die über den "wirklichen" Jesus aufzuklären versuchen - und dabei in ähnlicher Weise desorientieren wie damals jene Bücher. Die biblische Darstellung Jesu bewege sich fernab der historischen Wahrheit; eine alternative Biographie müsse geschrieben werden, wie sie Jakobus, der Bruder Jesu, verfasst hätte, wenn er hätte schreiben können. Und dieses Leben Jesu sähe dann ganz anders aus als das, was der christliche Glaube von Jesus bekenne. So die Botschaft der dreiviertelstündigen Sendung "Jesus - Der Mann aus Galiläa" in der populären Wissenschafts-Reihe "Discovery - Die Welt entdecken", die das ZDF am Nachmittag des Fronleichnamtags ausstrahlte.

Die in diesem BBC-Film zitierten Wissenschaftler waren freilich - für Laien kaum erkennbar - von den Autoren aus dem angloamerikanischen Sprachraum zusammengesucht, um gezielt ein nichtchristliches Bild von Jesus zu entwerfen. Das konnten selbst Kirchen- oder Gemeindeblatt-Redaktionen nicht ahnen, die werbend auf den Film hingewiesen hatten. Zu dessen Kronzeugen zählte bezeichnenderweise einer der oben erwähnten Buch-Autoren, nämlich R. Eisenman! Wohl ist die in der Sendung ausgebreitete Grundthese, ein "paulinisches" Christentum habe sich von den Vorstellungen des Herrenbruders Jakobus unterschieden, nicht einfach abwegig. Aber ihre Durchführung im Blick auf die Gestalt Jesu radikalisiert, übertreibt, verzerrt und simplifiziert. So geht z.B. die Behauptung fehl, Paulus habe im Gegensatz zu Jakobus die Jungfrauengeburt Jesu vertreten. In Wahrheit schmerzt es gerade Befürworter der Tradition von der Empfängnis Jesu durch den heiligen Geist, dass sich bei Paulus hierfür kein Beleg findet! Und wie Jakobus zu dieser Thematik gestanden haben mag, muss ebenso offen bleiben wie die exegetisch diskutierte Frage über das Alter einer eventuellen mündlichen Überlieferung von der Jungfrauengeburt. Demgegenüber konstruierte der Film mittels dieser und anderer Aspekte spekulative Kontrastwelten. Merkwürdig, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender wie das ZDF "Aufklärung" ("Discovery"!) mithilfe einer Sendung betreiben will, die aus wissenschaftlicher Sicht nur als extrem einseitig bezeichnet werden kann.
 
Ähnliches muss auch zu dem vom WDR ausgestrahlten Film "Die großen Rätsel: Wer war Jesus wirklich? ‚Der Sohn Gottes'" festgestellt werden, der in zwei Teilen von zusammen immerhin 90 Minuten am 14. und 21. Juli abends über den Äther ging. Hier wurde die Entmythologisierung des biblisch-kirchlichen Jesusbildes im Unterschied zu der genannten ZDF-Sendung nun nicht in "säkularem", sondern in spiritualistisch-gnostischem Interesse betrieben. Der Nazarener sei ein Repräsentant aus dem Reich des Lichts gewesen, demzufolge alle Menschen genauso wie er wesenhaft Kinder Gottes seien. Keineswegs habe man es in Jesus mit dem "eingeborenen Sohn Gottes" zu tun, wie ihn das kirchliche Credo in exklusivistischer Weise bekenne; auch sein angeblich stellvertretender Tod am Kreuz sei ein irregehendes Interpretament der Kirche. Vielmehr erinnere seine Gestalt an das, was jeder Mensch in seinem innersten Wesen sei. Das gnostische Thomas-Evangelium wurde zitiert, demzufolge Jesus sich als kosmischen Christus verstand, der in allem anzutreffen sei und das Gegenüber von Gott und Schöpfung durchstreiche.

Natürlich spart der religiöse Pluralismus unserer Zeit auch das Medium Fernsehen nicht aus. Kritikwürdig aber ist, dass die genannten Sendungen vorgeben, Jesus in wissenschaftlicher Weise zu beleuchten, während sie in Wahrheit sehr einseitige und insofern irreführende Propaganda aus einer bestimmten weltanschaulichen Perspektive heraus darstellen. Der Zuschauer bekommt Informationen aus Professorenmund serviert, kann aber als Laie schwerlich durchschauen, dass das Konstrukt der Sendung auf willkürlicher, keineswegs ausgewogen informierender Auswahl und Zusammenstellung basiert. Kurz: Er bildet sich sein Urteil aufgrund von Desinformation.

Gewiss handelt es sich bei den im Interview-Reigen immer wieder zitierten Religionswissenschaftlern Gilles Quispel, Keith Hopkins und Elaine Pagels um anerkannte Größen. Doch wenn Programmzeitschriften und der Videotext des WDR erklärten, hier seien "Kirchenhistoriker" zu "neuen, überraschenden" Erkenntnissen gekommen, so war das schlicht unzutreffend. Die Erforschung des Gnostizismus als eines wichtigen spätantiken Phänomens geschieht seit Jahrzehnten auf internationalem Parkett. Was die Sendung präsentierte, war die religiös-weltanschauliche, von gnostischem und insofern antikirchlichem Interesse geprägte Deutung der Figur Jesu durch wenige ausgewählte Gnosisforscher. Es wurde nicht wissenschaftlich über das Jesusbild der Gnosis informiert - das wäre seriös gewesen -, sondern dieses Bild selbst wurde propagiert! Zuschauer mussten den Eindruck gewinnen, als läge die kirchlich verbreitete Christologie historisch weit daneben, während hier die Wahrheit über der Nazarener aufklärend dargeboten werde.
 
Theologie und Kirche haben allen Anlass, derartige Sendungen zu kritisieren - und zwar zuallererst wegen deren unseriöser Präsentation im Stile wissenschaftlicher Neutralität und Neuigkeit. Sodann muss sie schmerzen, dass dadurch unsagbar viel Informations- und Verkündigungsarbeit in Erwachsenenbildung und Religionsunterricht sowie auf Kanzeln und Kathedern torpediert wird. Was nutzt alle theologisch-wissenschaftliche Ausbildung von Pfarrern, alle universitäre Forschung und alle Finanzierung derselben, wenn populäre Jesus-Bilder von öffentlichen Medien in einer quantitativ schwer zu korrigierenden Weise derart einseitig geprägt werden? Anlass zum Protest haben aber überhaupt alle, die an wissenschaftlicher Seriosität gerade auch auf dem Gebiet der Religion interessiert sind. Es gilt zu realisieren, dass die Redaktionen von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zunehmend eine verantwortliche Rolle in den religiös-weltanschaulichen Auseinandersetzungen unserer Zeit spielen.

Werner Thiede, Erlangen

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