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Materialdienst 8/2003
Reinhard Hempelmann

"Ungefiltertes Christentum ... für jeden erlebbar"?

Zur Pfingst-Europa-Konferenz 2003

Im Berliner Veranstaltungskalender war die Pfingst-Europa-Konferenz (PEC) vom 5. bis 9. Juni dieses Jahres ein Event unter vielen anderen. Zwischen Ökumenischem Kirchentag, Pokalendspiel, Karneval der Kulturen der Welt, Christopher-Street-Day, All Nations Festival, Love Parade ... musste es schwer werden, öffentliche Sichtbarkeit und entsprechende Resonanz in den Medien zu erlangen. Immerhin waren ca. 15 000 Dauerteilnehmer nach Berlin gekommen, aus 52 Ländern, z.B. Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland, Frankreich, Italien, Spanien. Europa war vielfältig vertreten. Printmedien, u.a. sogar die Bild-Zeitung, berichteten kurz von den Aktivitäten der Freikirchen, ebenso über Reinhard Bonnkes Evangelisationsveranstaltungen. Auch einzelne Radiosender brachten dem Ereignis der Pfingstkonferenz Interesse entgegen. Dennoch blieb das Treffen der europäischen Pfingstler weitgehend ein Ereignis, das nach innen wirkte und weniger nach außen. Mit ihren charakteristischen Anliegen "Geistestaufe und Geistesgaben, Erweckungsvoraussagen, Heilungswunder" gelingt es der Pfingstbewegung nur schwer, sich verständlich zu machen. Der weltweit zu konstatierende Siegeszug pentekostaler Frömmigkeit spiegelt sich im europäischen Kontext nur begrenzt wider. Die Gesamtzahl der Pfingstler in Europa ist in den letzten Jahrzehnten relativ konstant geblieben. Zwar kann man durchaus von einer Ausbreitung einer auf den Heiligen Geist und die Charismen bezogenen Spiritualität im europäischen Kontext sprechen. Sie geschieht jedoch eher in so genannten neuen Gemeinden und freien charismatischen Zentren und weniger in traditionellen Pfingstgemeinden. Unverkennbar ist allerdings, dass die klassische Pfingstbewegung sich zunehmend an ihr ekstatisches und enthusiastisches Erbe erinnert und die Nähe zum freien Spektrum pfingstlich-charismatischer Frömmigkeit hervorhebt. Insbesondere der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) empfiehlt sich als Ort der Integration pfingstlich-charismatischer Frömmigkeit. Dabei wird darauf verwiesen, dass ihm in den letzten Jahren eine ganze Reihe von freien charismatischen Initiativen und unabhängigen Pfingstgemeinschaften beigetreten sind: die Volksmission entschiedener Christen, das Jugend-, Missions- und Sozialwerk Altensteig (JMS), das Christliche Zentrum Berlin (CZB), Teile der Gemeinde der Christen ECCLESIA. Ebenso gehören einzelne Migrationsgemeinden dem BFP an. Insofern kann gesagt werden: Der BFP ist eine Freikirche mit wachsenden Mitgliederzahlen und einer wachsenden Zahl von Gemeinden.

Europäische Perspektiven

Die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kam aus Deutschland. Alle Veranstaltungen fanden zweisprachig statt, in Deutsch und Englisch. Simultan wurde in weitere Sprachen übersetzt. Das Publikum war altersmäßig gemischt. Mit dazu beigetragen hatte sicher der Sachverhalt, dass unter dem Dach der PEC 2003 verschiedene Konferenzen gleichzeitig stattfanden (KIDS PEC, Missionskonferenz, Internationale Frauenkonferenz, Business Konferenz, Teenager- und Jugend-Kongress). Die europäische Dimension der Konferenz kam u.a. durch zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Skandinavien zum Ausdruck, ebenso dadurch, dass im Programm Redner wie David Petts, Joel Edwards (Großbritannien), Allan Laur (Estland), Sunday Adelaja (Ukraine) u.a. mit einbezogen waren.

Bereits im Vorfeld des Kongresses war das Thema "Pfingstbewegung in Europa" angesprochen worden, unter anderem in der Märzausgabe der Zeitschrift "Wort und Geist". "Europa braucht neues Feuer!", so konnte man dort in einem aufschlussreichen Artikel lesen, der an die großen Pioniergestalten pentekostaler Spiritualität in Europa erinnerte: Thomas B. Barratt (1862-1940), Petrus Lewi Pethrus (1884-1974), Smith Wigglesworth (1859-1947), George Jeffreys (1889-1962) und Stephen Jeffreys (1876-1943), Donald Gee (1891-1966). Als wesentliche Merkmale der Bewegung und als Gründe für ihren Erfolg werden dort genannt: "1. Herausragende geistliche Väter und Gründerpersönlichkeiten 2. Unverbrüchliches Festhalten an Gottes Wort 3. Kompromisslose Lehre von der Taufe im Heiligen Geist 4. Eindeutig evangelistische Prägung 5. Enge europa- und weltweite Verbindung der leitenden Brüder 6. Jährliche Konferenzen 7. Verbreitung durch Literatur." An diese Traditionen ist man heute bemüht anzuknüpfen. Die Fixierung und Konzentration auf einzelne gesalbte und bevollmächtigte Personen scheint dabei ein Charakteristikum der Pfingstbewegung in Geschichte und Gegenwart zu sein.

In Europa stellt die Pfingstbewegung, wie eingangs festgestellt, einen eher kleinen, aber doch nicht zu übersehenden Faktor dar, der seit Beginn des vorigen Jahrhunderts die christlich-religiöse Landschaft mitbestimmt. Paul Schmidgall, Studienleiter des Europäisch-Theologischen Seminars der Gemeinde Gottes (Cleveland) in Freudenstadt-Kniebis, verfasste zur PEC ein Buch, das aus einer Innenperspektive über Geschichte, Ausdrucksformen und heutige Verbreitung der europäischen Pfingstbewegung informiert. Unter anderem heißt es dort: "Obwohl die Pfingstkirchen in Skandinavien und Großbritannien erstaunliches Wachstum verzeichnen konnten, war es für sie insgesamt doch sehr schwierig, in anderen Ländern Europas Fuß zu fassen. ... Außer in Italien und Rumänien, wo die Pfingstbewegung die stärkste protestantische Kirche ist, konnte auch in Süd- und Osteuropa kein außergewöhnliches Wachstum verzeichnet werden. Große Pfingstkirchen gibt es aber auch in Russland und der Ukraine." (Von Oslo nach Berlin! Die Pfingstbewegung in Europa, Erzhausen 2003, 13)

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