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Materialdienst 8/2003
Ulrich Eibach

Aktive Euthanasie und Beihilfe zur Selbsttötung: Ein Menschenrecht?

Weltanschauliche Hintergründe der Diskussion und ihre christlich-ethische Beurteilung

I. Einleitung: Gespräch über einen Fall von Euthanasie in den Niederlanden

Nach einem Vortrag spricht mich eine niederländische Krankenschwester an, die in Deutschland ein Altenpflegeheim leitet. Sie berichtet, dass ihr Vater vor etwa einem Jahr in Holland infolge aktiver Sterbehilfe "gestorben" sei. Er sei krebskrank gewesen, hätte in der letzten Zeit stark abgenommen, aber keine schweren Schmerzen, wohl aber Angst gehabt, die verbleibende Lebenszeit könne "unwürdig" und belastend werden. Er bat den Hausarzt um "aktive Sterbehilfe". Dieser habe der wiederholt vorgetragenen Bitte entsprochen. Die Familie - auch sie - versammelte sich am Krankenbett. Der Hausarzt kam, gab dem Vater ein Zäpfchen, das ihn langsam bewusstlos werden ließ. Nach sieben Stunden kam er wieder und setzte eine tödliche Spritze. Die Frau sagte, dass das Erleben sie noch sehr beschäftige. Sie habe den Schritt nicht für richtig gehalten. "Aber ich hatte doch nicht das Recht, meinen Vater davon abzuhalten, es ist doch sein eigenes Leben und seine freie Entscheidung gewesen!" Auf die Frage, warum der Hausarzt dieses Verfahren gewählt habe, sagte sie: "Damit die Familie Abschied nehmen und den Vater im Sterben begleiten konnte." Meine Rückfrage, ob es auch den Grund hatte, dass der Schein eines natürlichen Sterbens gewahrt wurde, bejahte sie.

Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass sie die Frage bewegte, ob nicht viele der Bewohner des Heims, das sie leitet, in einem schlimmeren Zustand sind als ihr Vater es war, ob deren Leben nicht "unwürdig" ist und warum sie noch leben und ob sie noch leben wollten, wenn man ihnen die Möglichkeit "aktiver Euthanasie" eröffnete. Auf meine Frage hin, wann denn ein Menschenleben "unwürdiges Leben" sei, verwies sie darauf, dass das in Holland jeder für sich entscheiden müsse. Ich wies darauf hin, dass in den Niederlanden der Schritt zur gesetz-lichen Billigung der aktiven Lebensbeendigung seit den 1970er Jahren durch eine intensive gesellschaftliche Diskussion vorbereitet wurde, dass die Bevölkerung diese Lösung deshalb überwiegend für einen gangbaren, ja vielleicht den wünschenswerten Weg erachtet habe, Ärzte dieses Vorgehen bejahten und praktizierten und dass aktive Euthanasie dann schließlich durch das Gesetz erlaubt wurde. Deshalb sei es fast selbstverständlich, dass sich schwerkranke Menschen in ihrem Krankheitsprozess irgendwann sehr aktiv und bewusst mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen und sich fragen: "Warum eigentlich nicht? Warum nicht einem möglicherweise "unwürdigen" Leben und "Sterben" durch eine Tötung zuvorkommen?" Irgendwann werde die Beschäftigung mit dieser Möglichkeit - wie bei Suizidanten - dann zum Entschluss des Kranken und - da dieser ja von allen Beteiligten als sein "freier" Entschluss respektiert werden müsse und vielleicht auch von ihnen gebilligt werde - auch zur Tat. Auf die Frage, was geschehen wäre, wenn dieser Weg nicht in einer derartigen Weise rechtlich eröffnet worden wäre, wenn ihr Vater also rechtlich nicht die Wahl zwischen einer palliativ-medizinischen Versorgung bis zum "natürlichen" Tod und der aktiven Euthanasie gehabt hätte, antwortete die Frau: "Dann hätte mein Vater irgendwie sein Leben anders beendet. Vielleicht wäre es überhaupt nicht so schlimm geworden, wie er dachte. Bei uns im Heim müssen die Menschen ja auch damit klar kommen!"

Das Gespräch lässt die entscheidenden weltanschaulichen und ethischen Fragen aufscheinen, um die es in der Diskussion über "aktive Sterbehilfe" geht:

(1) Der Mensch soll die Freiheit haben, die Art und den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen.

(2) Es gibt ein "menschenunwürdiges" Leben, das man durch Selbsttötung oder durch "aktive Euthanasie" besser beenden oder möglichst - wie im geschilderten Fall geschehen - vorsorglich vermeiden soll.

An den Befragungen, die 1990 und 1995 in den Niederlanden durchgeführt wurden, ist besonders auffällig, dass als Gründe für die Euthanasie an erster Stelle ein "aussichtsloses" und subjektiv unerträgliches Leiden (74 %), an zweiter Stelle aber schon die vorsorgliche Vermeidung von Entwürdigung (54 %), dann schwerem Leiden zuvorkommen (54 %), dann "sinnloses" Leiden (44 %) und dann erst tatsächlich eingetretener subjektiv schwer erträglicher Schmerz (32 %), und schließlich der Wunsch, der Familie nicht zur Last zu fallen (13 %), genannt wurde. Dies zeigt an, ich welch hohem Maße Euthanasie als "Vorsorgemaßnahme" durchgeführt wird, um eine mögliche "Entwürdigung" und mögliches "schweres Leiden" zu vermeiden.1

II. Zu den weltanschaulichen und philosophischen Hintergründen der Diskussion

 Über "aktive Euthanasie" wird fast überall in der westlichen Welt kontrovers diskutiert. Die Gründe dafür sind zum einen in den gesteigerten technischen Möglichkeiten, Leben zu erhalten, zu suchen. Das wirft die Frage auf, ob all das, was die Medizin zur Verlängerung des Lebens tun kann, wirklich dem Wohlergehen des einzelnen Menschen dient. Dennoch erklären diese Entwicklungen in der Medizin die gegenwärtige Diskussion nicht allein und nicht einmal in erster Linie, denn Menschen früherer Zeiten, in denen es kaum Möglichkeiten zur Schmerzbekämpfung gab, haben unsäglich mehr leiden müssen als heutige Menschen. Ausschlaggebend sind vielmehr die gewandelten Lebens- und Wertvorstellungen in der Gesellschaft seit den 1960er Jahren, deren entscheidendes Kennzeichen eine rapide Säkularisierung ist. Das "Tabu" der "aktiven Euthanasie" erscheint als eine letzte, religiös begründete Bastion gegenüber einer Lebenseinstellung, die für das "autonome" Individuum auch die uneingeschränkte Verfügung über das eigene Leben postuliert. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass das Leben durchgehend nach eigenen Wünschen planbar sei oder möglichst sein sollte.

Die Folge ist, dass man nicht mehr bereit ist, ein schweres Lebensgeschick als "Verhängnis" hin- und anzunehmen, wenn man dieses Geschick durch eine "erlösende Tat" beenden kann. Dementsprechend ist auch in Deutschland die Zustimmung zur "aktiven Euthanasie" bei "Gesunden" stetig angestiegen (1973: 50 %, 2000: 81 %).

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Anmerkung

J. Wils, Zur Ethik der Euthanasie, Düsseldorf 1999; U. Eibach, Menschenwürde an den Grenzen des Lebens. Einführung in Fragen der Bioethik aus christlicher Sicht, Neukirchen-Vluyn 2000, 152ff.

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