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Materialdienst 7/2003
Werner Thiede

Suche nach Thrill oder nach Sinn?

Teil II: Zur Frage der (Be-)Deutung von Satanismus unter jungen Menschen

Während der Jugendokkultismus im Sinne harmloser Schülerexperimente in den öffentlichen Medien seit Jahren kaum mehr Furore macht, sieht es bei seiner düstersten Sparte, dem Jugendsatanismus, anders aus.1 Matthias Pöhlmann zufolge "ist der Satanismus in den letzten Jahren zu einem Phänomen geworden, das die Öffentlichkeit zunehmend beunruhigt".2 Schlagzeilen wie "Satanismus auf norddeutschen Friedhöfen" oder "Satan war meine Droge"3 finden sich immer wieder einmal in der Presse. Satanismus unter Jugendlichen ist - als freilich weitgehend verborgene Realität - hierzulande inzwischen der stärkste Ast am Baum der Okkultwelle unter Schülerinnen und Schülern. In Erscheinung tritt unter anderem die Gothic-Szene, deren Fans durch schwarze Kleidung, bleiche Haut, grell geschminktes Gesicht, rot oder violett gefärbtes Haar und dunkle, erotisch stimulierende Kleidung auffallen. Hier hat sich eine Subkultur entwickelt, die sich durch grelle Erotik und brutalen Sadismus austobt, indem sie den Gegenspieler Gottes zum Idol macht.

Der Reiz des tragischen Rebellentums

Johannes Mischo hatte noch Anfang der 90er Jahre in einer Erhebung zum Jugendokkultismus festgestellt, dass das Interesse an Satanskulten und sogenannten "schwarzen Messen" bei Schülerinnen und Schülern erst an letzter Stelle stehe. Immerhin zeigte sich schon damals, dass bereits zwölfjährige Kinder zum Teilnehmerkreis solcher "schwarzen Messen" gehörten.4 Weiteres Licht fiel auf die Szene, als im April 1993 der 15-jährige Thüringer Sandro Beyer das Mordopfer eines satanistisch inspirierten Schülerzirkels geworden war.5 Am 12. März 1995 brachte der Fernsehsender SAT.1 den deutschen Spielfilm "Anna - Im Banne des Bösen", in dem es um junge Menschen in einer Satansclique ging; anschließend wurden aus guten Gründen Adressen von kirchlichen und nichtkirchlichen Beratungsstellen eingeblendet.
 
Fragt man heute nach, wird man feststellen, dass der Bekanntheitsgrad6 und das Interesse an dieser Thematik massiv gestiegen ist. Unter Wahlthemen im Religionsunterricht wird "Satanismus" bevorzugt7 - oft nicht nur aus allgemeiner Neugierde, sondern weil die Teilnahme an satanistischen Treffen für diese Altersstufen mittlerweile schon keine absolute Seltenheit mehr ist. Wer gern im Internet surft, besuche einmal Seiten wie www.satanshimmel.de, www.daemonen.de oder ähnliche.8 Auch in den örtlichen Tageszeitungen stößt man zunehmend auf Berichte über mitternächtlich umgestürzte Grabsteine, Vandalismus vor Kirchentüren u.ä.

Man muss im Blick auf das Gesamtphänomen allerdings differenzieren. Den wohl geringsten Teil macht jener Ordenssatanismus - im Wesentlichen unter Erwachsenen - aus, in dessen Rahmen unter strengster Arkandisziplin mitunter tatsächlich kaum vorstellbare Schreckensszenarien ablaufen, zum Beispiel ritueller Kannibalismus. Ein zweiter Sektor umfasst Zirkel, denen bereits recht junge Erwachsene angehören und die von einer eher psychologisierenden oder neognostischen Religiosität libertinistischer Prägung bestimmt sind: Sie verstehen und praktizieren Satanistisches gewissermaßen in archetypischem, symbolischem Sinne. Ein dritter Teil betreibt einen pubertär anmutenden Satanismus, dem primär Jugendliche zuneigen und der naiv-realistische Teufelsvorstellungen hegt, wobei bewusst auf die horrible Qualität des weltanschaulichen "Bildmaterials" sowie der auf Tiertötungen beschränkten Riten gesetzt wird. Alle drei Richtungen können sich im "Kultur-Satanismus" wiederfinden, d.h. in einer einschlägigen Musikszene, die vor allem Black Metal, Death Metal, Pegan Metal und Gothic Rock umfasst.

Zweifellos reizt viele Jugendliche an der Teufelsgestalt9 das "tragische Rebellentum", das auf der Suche nach pubertärem Protest zu wenigstens vorübergehender Identifikation einlädt. Die Dimension des Transzendenten wird so unter negativem Vorzeichen virulent, indem die Engelfigur des Gegenspielers Gottes ins Zentrum rückt. Ein Stück weit könnte hier die These des Soziologen Werner Helsper zutreffen, es gehe praktizierenden Jugendlichen weniger um eine alternative Weltanschauung als vielmehr um "Okkult- und Religionsfragmente als Thrill- und Spannungsmoment" für den langweiligen Alltag.10 Zu beobachtende "Sinnbastelei" ziele auf vorwiegend "individuelle Lebenseinstellung" oder "individuelle Religion".

Die Motive der Protesthaltung einerseits und der ganzheitlichen Frage nach dem Sinn des Lebens bzw. nach einem Überleben des Todes haben sich für den Jugend-Okkultismus insgesamt als tragend herausgestellt. "In der Antihaltung zur Welt und zum sozialen Umfeld wird die Person scheinbar gestärkt. Das wirkt auf Jugend liche attraktiv. Indem man sich provozierend von seiner Umwelt abgrenzt, weiß man, wer man ist. Daraus resultiert vielfach ein Gefühl der eigenen Überlegenheit."11 Elemente entsprechenden Rebellentums treten auch auf dem Sektor des Jugend-Satanismus deutlich hervor.12  Ein Satanist der Black Metal-Szene erklärt: "Im Grunde genommen ist der Satanismus ein Protest gegen die Zivilisation als solche, ob nun die griechische oder die christliche Zivilisation. Er richtet sich gegen die Existenz moralischer Gesetze…"13 Und ein 27-jähriger Kenner des Kultur-Satanismus unterstreicht: "Die religiöse Botschaft des Black Metal ist das Niederreißen von alten Werten, das Sich-Auflehnen gegen alte Religionen… Der moderne Satanist lehnt sich auf gegen diese Moralvorstellungen; er steht über dem so genannten Mittelmaß, er sieht sich selber als elitär an, als eine höhergestellte Rasse, als ein intelligenterer Mensch, als ein stärkerer Mensch, der auf jeden Fall die Schwachen unterdrücken möchte… Er möchte sich selbst zum Gott erheben - natürlich auch auf Kosten der Schwächeren, der Beeinflussbaren."14

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Anmerkungen

1 Vgl. zuletzt Massimo Introvigne/Eckhard Türk, Satanismus. Zwischen Sensation und Wirklichkeit, Freiburg i.Br. 1995; Hans-Jürgen Ruppert, Satanismus. Zwischen Religion und Kriminalität (EZW-Texte 140), Berlin 1998; Ingolf Christiansen, Satanismus. Faszination des Bösen, Gütersloh 2000; Sylvia Mallinkrodt-Neidhardt, Satanische Spiele. Die Renaissance von Teufel & Co. Eine kritische Analyse, Neukirchen-Vluyn 2002; Bernd Harder, Die jungen Satanisten, Augsburg 2002; Joachim Schmidt, Satanismus, Marburg 2002; Hansjörg Hemminger, Satanismus - Erscheinungsformen und Deutungsperspektiven, in: Materialdienst der EZW 4/2003, 123-131.
2 Matthias Pöhlmann, Neuheiden, Hexen, Satanisten, in: Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hg. R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2001, 282-293, hier 289.
3 "Satan war meine Droge", aufgezeichnet von Sabine Böhme, in: Cosmopolitan 11/1991, 236-242.
4 Vgl. Johannes Mischo, Okkultismus bei Jugendlichen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, Mainz 1991, 68.
5 Vgl. näherhin Frank Nordhausen / Liane von Billerbeck, Satanskinder, Berlin 1994; Michael Moynihan/Didrik Søderlind, Lords Of Chaos. Satanischer Metal: Der blutige Aufstieg aus dem Underground, Zeltingen-Rachtig 2. Aufl. 2002, 285ff und 298f.
6 Dem Münchener Institut für Jugendforschung zufolge wissen um Satanisten 91 % der 13-22-Jährigen (vgl. Materialdienst der EZW 4/2003, 145).
7 Vgl. Jürgen Herrmann, Jugendliche sind vom Bösen fasziniert, in: entwurf. Religionspädagogische Mitteilungen 3/2002, 10-13, bes. 10. Vgl. bereits B. Haunhorst, Erfahrungen mit dem Satan, rhs 30, 5/1987, 298-302; Bernhard Wenisch, Satanismus, Stuttgart/Mainz 1988; Massimo Introvigne, Auf den Spuren des Satanismus, in: Materialdienst der EZW 6+7/1992, 161-178 und 193-202.
8 Vgl. auch
www.daimonen.de.  Kritisch informiert www.relinfo.ch/satanismus.
9 Nur bedingt hilfreich zu diesem Thema sind Gerald Messadié, Teufel, Satan, Lucifer. Universalgeschichte des Bösen, Frankfurt a.M. 1995; Uwe Wolff, Der gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens, Freiburg i.Br. 1995; Klaus Berger, Wozu ist der Teufel da?, Gütersloh 1998; Peter Stanford, Der Teufel. Eine Biographie, Frankfurt a. M. und Leipzig 2000.
10 Vgl. Werner Helsper, "Okkultwelle" unter Jugendlichen? Kritische Thesen und Diagnosen, in: A. Kremer und L. Stäudel (Hg.), "Entzaubert", Marburg 1991, 83-113.
11 M. Pöhlmann, a.a.O., 191f.
12 Vgl. Mischo, Okkultismus, 69f.
13 Zit. nach Moynihan, a.a.O., 249.
14 Tonband-Interview des Verf. mit Markus Endres am 27. Februar 2003.
 

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