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Materialdienst 7/2003
Michael Utsch

Hellingers Gnadenlehre

Zur verborgenen "Theologie" der Familienaufstellungen*

* Eine gekürzte Fassung dieses Textes ist erschienen in C. Goldner (Hg.), Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger, Ueberreuter Verlag, Wien 2003, 169-177. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Die Erwartungen vieler Humanisten, Marxisten, Existentialisten und Positivisten auf ein baldiges Ende der Religion haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Religiöse Grundmotive schimmern heute in vielfältigen Facetten und an überraschenden Orten hindurch. Manche erkennen darin die Ausbreitung eines neureligiösen Zeitalters, das mit dem New Age-Denken in den achtziger Jahren begonnen haben soll und gegenwärtig deutlichere Konturen gewinnt. Offensichtlich ist die religiöse Lage zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch eine große Ambivalenz geprägt: dem sinkenden Einfluss der institutionalisierten Religion in Westeuropa steht ein "unausrottbares" Bedürfnis nach religiöser Erfahrung und transzendenter Bindung gegenüber, dass individuelle Experimente und Suchbewegungen hervorbringt.
 
Unter der Maßgabe der Individualisierung hat sich die offizielle Religion ins Privat-Religiöse verflüchtigt. Sie tritt heute eher maskiert und zerstreut in Erscheinung - in der Werbung, im Sport, im Kino oder in der Popmusik. Angebote der Freizeit- und Erlebnisgesellschaft haben die religiöse Funktion der Selbstvergewisserung übernommen. Auch die unermessliche Anzahl von Selbstverwirklichungskursen der esoterischen Psychoszene zählen dazu. Religion ist heute weniger bei den kirchlichen Organisationen als vielmehr in der Privatsphäre vorzufinden. Kurzlebige Organisationsformen prägen die privatisierte Religion, wie etwa Selbsthilfegruppen, Cliquen oder andere kleine sinnstiftende Gemeinschaften.

Hellinger als Exponent der Psychoszene

Der Gesundheitsmarkt stellt einen fruchtbaren Boden für diesbezügliche, religiös verbrämte Angebote bereit. Woran lässt sich ein Gesundheitsangebot der alternativen Psychoszene erkennen? Während es bei einer wissenschaftlich begründeten Psychotherapie um eine präzise eingegrenzte Störungsbehandlung unter den anerkannten Bedingungen geht - dazu zählen eine überprüfbare Gesundheits- bzw. Krankheitslehre sowie die differenzierte Diagnose, ein Behandlungsplan und eine Heilungsprognose -, versprechen Seminaranbieter der Psychoszene schnelle und umfassende Persönlichkeitsänderungen durch universell wirksame Heilkräfte. Psychotherapeutische Prozesse lassen sich in weiten Bereichen rational erklären, während alternative Konzepte weltanschaulich begründet werden und zunehmend auch entsprechende Rituale aus verschiedenen Kulturen einsetzen (Utsch 2001).

Typisch für die Psychoszene sind die Angebote Bert Hellingers und seiner Schüler. Trotz ihres eher lockeren Verbunds bilden sie eine expandierende Richtung des alternativen Psychomarkts. Reden und Heilungen des Meisters - heutzutage häufig in audiovisueller Direktheit und Wucht - finden dort einen reißenden Absatz. Über 100 Bücher und zahllose Videos von und über das "Phänomen" Hellinger sind im Angebot. Die geheimnisvolle, neuartige Lehre und Vorgehensweise hat viele in ihren Bann gezogen. Was früher noch als ein Geheimtip galt, wird heute fast europaweit in Volkshochschulen, kommerziellen Seminaren und Kirchengemeinden angeboten. Der Anwendungsbereich beschränkt sich längst nicht mehr auf persönliche Konflikte, sondern wurde auf ethnische und politische Krisenbewältigung ausgedehnt. Immer häufiger werden systemische Aufstellungen nach Hellinger heute auch in der Personal- und Organisationsentwicklung angewandt.
 
Auf Neulinge wirkt die Vorgehensweise der Aufstellungsarbeit oft rätselhaft und mysteriös. Zu einfach erscheint das Setting, zu karg die therapeutischen Handlungsanweisungen, zu umfassend deren angebliche Auswirkungen. Beeindruckende Berichte und die Begeisterung früherer Teilnehmer übertönen jedoch Zweifel und Skepsis. Manche erzählten von tiefen religiösen Erfahrungen während einer Aufstellung. Das macht sie interessant, aber auch verdächtig. Vertreter des Ansatzes bemühen sich deshalb seit kurzer Zeit, die Dynamik der Aufstellungsphänomene wissenschaftlich zu erklären - ein wahrhaftiger Spagat.

Obwohl das Familienstellen in vielerlei Hinsicht ein typisches Angebot des Psychomarktes verkörpert, unterscheidet es sich zumindest in zweierlei Hinsicht fundamental von seinen Konkurrenten: Zum einen greift Hellinger ohne Scheu Gedanken und Konzepte seiner katholischen Herkunft auf, allerdings nicht ohne sie zu verfremden. Das bringt seinen Ansatz in die Nähe zu neuen religiösen Bewegungen. Über ein unspezifisches esoterisches Interesse hinaus berichten Gruppen wie die Anthroposophen, die Osho-Bewegung oder Vertreter des westlichen Neoschamanismus ausdrücklich und differenziert, dass sie von Hellingers Methode wichtige Anregungen erhalten hätten (Dalichow 2000; Harisharan 2000, Kampenhout 2001, Kleber/Seiberth 2002). Zum anderen geht es dem Familienstellen im Unterschied zu vielen anderen alternativen Gesundheitsangeboten um die Wiederherstellung von zerbrochenen Beziehungen an stelle grenzenloser Selbstverwirklichung, die in diesem Milieu so häufig anzutreffen ist (Weis 1998). Damit setzt die Aufstellungsarbeit einen wohltuenden Gegenakzent zur prinzipiell endlosen Suche nach dem ominösen "wahren Selbst" (Vitz 1995, Martin 1996, Gross 1999, Remele 2001).

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