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Materialdienst 5/2003
Werner Thiede

Suche nach Thrill oder nach Sinn?

Teil I: Zur Frage der (Be-) Deutung von Okkultismus unter jungen Menschen

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Seit bald einer Generation macht das Phänomen eines ausgesprochenen Jugendokkultismus im Abendland von sich reden2. Ein Höhepunkt war während der ersten Hälfte der 90er Jahre erreicht - übrigens auch auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Diskussion. Ende April 1994 konnten Kinder im Micky-Maus-Heft unter der Überschrift "Das magische Pendel" die Aufforderung finden: "Probier doch einfach mal selber aus, ob an der Sache etwas dran ist." Seither scheint diese merkwürdige "Modewelle" zwar abgeflaut zu sein; es ist zweifellos ruhiger um sie geworden. Aber verschwunden ist sie keineswegs. Sie hat sich vielmehr im Horizont wachsender Bildungsarmut nicht nur in allgemeiner, sondern gerade auch in religiöser Hinsicht gewissermaßen etabliert. 

Okkultes als Weltanschauungsfaktor

Das belegt ein Blick ins erste Micky-Maus-Heft des Jahres 2003: Dort stößt man auf eine Geschichte mit dem Titel "Spuk auf dem Raddampfer". In ihrem Mittelpunkt stehen vier Gespenster, gezeichnet als farblose, aber mit gelblicher Leuchtkraft ausgestattete Schwebefiguren. Sie erscheinen Micky und anderen, als ein alter Raddampfer wieder zusammengebaut wird. Eine der Figuren erkennt Micky als seinen Großonkel wieder. Anhand alter Familienfotos macht er daraufhin den Hintergrund des Spuks ausfindig: Die Jungfernfahrt jenes Raddampfers hatte nie stattgefunden, weil ein übler Manager sie vor 100 Jahren verhindert hatte. Erst als Micky die Jungfernfahrt nachholt und unter hilfreicher Erscheinung der vier Gespenster den ebenso bösen Enkel jenes Managers zum Eingeständnis der Bosheit seines Vorfahren sowie zur Entschuldigung bringt, können die Geister gleichsam erlöst gen Himmel fahren. Leitende Motive dieser Geschichte sind strukturell tatsächlichen Spukgeschichten abgeschaut. Das Erstaunliche ist aber insbesondere: Gespenster- und Geistergeschichten gab es in Comic-Heften für Kinder und Jugendliche schon seit jeher; früher indessen liefen die Handlungen in aller Regel auf Entlarvungen von Schabernak Treibenden hinaus, das Jenseits wurde quasi entmythologisiert. Die erwähnte Story hingegen nimmt die Möglichkeit von Spuk völlig ernst; nichts mehr deutet auf irgendeinen weltanschaulichen Zweifel in dieser Hinsicht hin.
 
Okkultgeschichten unter Kindern und Jugendlichen sind selbstverständlich geworden. Das zeigt sich nicht zuletzt in der neuerdings gestiegenen Begeisterung für das im Herbst zu begehende "Halloween"-Fest, das in Deutschland keinerlei gewachsenes Brauchtum besitzt: Die mit ihm einhergehenden schaurigen Geister-, Zauber- und Hexenspiele ranken sich ihrer keltischen Herkunft nach um den Seelenabstieg Verstorbener ins Reich der Toten und finden vor allem unter Jugendlichen immer mehr Anhänger3. Über die gleichzeitige und gleichartig gestimmte Harry-Potter-Begeisterung weiß jeder Bescheid. Dazu passend haben sich mittlerweile Fernsehserien wie "Charmed - Zauberhafte Hexen" (Pro7), "Dark Angel" (VOX), und "Buffy im Bann der Dämonen"4 (Pro7) etablieren können. Dementsprechend gehen heute okkulte Versatzstücke selbstverständlicher als früher in die Ausbildung von Weltanschauungen ein und bestimmen damit indirekt die Wahl von Leitprinzipien für die Wirklichkeitsdeutung.

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Anmerkungen

1 Referat auf dem 9. Kongress für Jugendmedizin in Weimar (8.3.2003); 2. Teil im nächsten Heft. Internetadresse des Verf.: www.werner-thiede.de.
2 Vgl. dazu Werner Helsper, Okkultismus - die neue Jugendreligion? Opladen 1992; Harald Wiesendanger, In Teufels Küche: Jugendokkultismus. Gründe, Folgen, Hilfen, Düsseldorf 1992; Eberhard Bauer, "Okkultpraktiken bei Jugendlichen", in: Andreas Resch (Hg.), Aspekte der Paranormologie, Innsbruck 1992, 445-468; Hartmut Zinser, Jugendokkultismus in Ost und West, München 1993; Werner Thiede, Esoterik - die postreligiöse Dauerwelle, Neukirchen/Vluyn 1995, bes. Kap. II; Heinz Streib, Entzauberung der Okkultfaszination. Magisches Denken und Handeln in der Adoleszenz als Herausforderung an die Praktische Theologie, Kampen 1996; Albrecht Schöll/Heinz Streib, Wege der Entzauberung. Jugendliche Sinnsuche und Okkultfaszination - Kontexte und Analysen, Münster/Hamburg/London 2000.
3 Vgl. Hansjörg Hemminger, Geister, Hexen, Halloween, Gießen 2002.
4 Vgl. Ulrich Schmidt, Buffy im Bann der Dämonen, in: entwurf. Religionspädagogische Mitteilungen 3/2002, 16-18; ferner Matthias Pöhlmann, "Magisch, mystisch, mädchenstark". Übersinnliches und neues Hexentum in aktuellen Teeny-Zeitschriften, in: Materialdienst der EZW 12/2001, 406-410; ders., Pentagramme in Pink. Die magische Welt der Girlie-Hexen, in: Zeitzeichen 10/2002, 51-53.

 

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