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Materialdienst 12/2003
Werner Thiede

Rudolf Steiner vor dem "Mysterium von Golgatha"

Eine historisch-kritische Perspektive - 100 Jahre danach

Die Anthroposophie Rudolf Steiners hat sich als Alternative zur modernen Gestalt der Esoterik, der Theosophie etabliert. Bevor Ende 1912 die "Anthroposophische Gesellschaft" gegründet wurde, war Steiner über zehn Jahre lang Leiter der deutschen Sektion der "Theosophischen Gesellschaft" gewesen. Während dieser Zeit hatte er in Absetzung vom Trend dieser internationalen Gesellschaft, aber noch auf ihrem Boden eine explizit "westliche" Esoterische Schule ins Leben gerufen. Sie stellte in okkulter Manier die Christusgestalt in ihrer Einmaligkeit in den Mittelpunkt, während von der theosophischen Präsidentin Annie Besant prinzipiell eine Pluralität von messianischen Gestalten für real gehalten wurde.

Dass es bei Rudolf Steiner zu dieser Zuspitzung einer christlich-abendländischen Esoterik innerhalb der Theosophischen Gesellschaft kommen konnte, war alles andere als selbstverständlich. War doch deren geistige Mutter, die Deutschrussin H. P. Blavatsky, geradezu antichristlich eingestellt und 1880 zum Buddhismus übergetreten! Und ihre Schülerin Annie Besant, die in ihrer Jugend immerhin eine begeisterte Christin gewesen war, hatte bereits 1893 den Wechsel zum Hinduismus vollzogen. Auch Steiner selbst, geborener Katholik, hatte in seiner philosophischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende keine Nähe zum christlichen Glauben entwickelt.
 
Im Rückgriff auf ihre spirituelle Vergangenheit hatte allerdings Mrs. Besant 1901 in London das Buch "Esoteric Christianity" veröffentlicht. Darin hatte sie versucht, die Gestalt Jesu Christi in das Schema moderner Theosophie zu integrieren. Erstmals entwickelte sie hierbei die bis dahin in der Kirchen- und Dogmengeschichte ungebräuchliche Begriffskreation "kosmischer Christus" (dazu mein Buch "Wer ist der kosmische Christus? Karriere und Bedeutungswandel einer Metapher", 2001). Im Hintergrund stand eine Astralmythologie, die die Kreuzessymbolik in einem allerdings nichtchristlichen Sinn aufgriff. Besant war und blieb bei alldem offen für eine plurale Christologie.

Rudolf Steiner war um diese Zeit zu den Theosophen gestoßen. Als er nämlich nach dem Tod Friedrich Nietzsches 1900 mehrere Gedenkreden auf den Philosophen hielt, wurde er gebeten, seinen Vortrag in einem theosophischen Kreis um Sophie Gräfin Brockdorff zu wiederholen. Inhalt und Art des Vortrags empfand man in der Theosophischen Bibliothek zu Berlin als so anregend, dass daraus eine regelmäßige Vortragsreihe wurde. In einem ersten Zyklus sprach Steiner über die neuzeitliche Mystik des Abendlandes; die 1901 publizierten Vorträge ließen allerdings immer noch nichts spezifisch Christliches erkennen. Wie also kam es, dass dann der zweite Zyklus, 1902 unter dem Titel "Das Christentum als mystische Thatsache" veröffentlicht, plötzlich einen Jesus und dem Kreuz von Golgatha zugewandten Steiner präsentierte?

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