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Materialdienst 12/2003
Ulrich Eibach

Krise der Ziele des biomedizinischen Fortschritts (I)

Ist der biomedizinische Fortschritt automatisch ein moralischer und humaner Fortschritt?*

* Erweiterte Fassung eines Vortrags im Rahmen der "Woche für das Leben" 2003 am Universitätsklinikum Bonn

Friedrich Nietzsche (1844-1900), ein über jeden christlichen Fortschrittspessimismus erhabener antichristlicher und in vieler Hinsicht "prophetischer" Geist, schrieb bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Naturwissenschaft der Welt ihren Untergang bereiten wird. "Dabei geschieht es allerdings, dass die nächste Wirkung die von kleinen Dosen Opium ist: Steigerung der Weltbejahung".1 Der Mensch, der Gott "getötet" habe, sei dazu freigesetzt und verurteilt, sein eigener Gott und Schöpfer zu sein und sich als sein eigenes "Kunstwerk" hervorzubringen. Er müsse das mit einer Gewalt und wachsenden Geschwindigkeit tun, die keine Zeit mehr lasse, dass er sich besinnt auf das, was er tut, ja der auf sich selbst geworfene Mensch ohne Gott habe geradezu Furcht davor, inne zu halten und sich zu besinnen. Der Grund dafür sei - und das heute noch viel mehr als damals - vor allem darin zu suchen, dass man nicht mehr wisse, was die Ziele des wissenschaftlich-technischen Fortschritts sind. In dieser Krise der Ziele erklärt man den Weg, den "Fortschritt" zum Ziel selbst, der nicht durch eine ethische Besinnung in seiner Geschwindigkeit gehemmt werden soll. Erste Aufgabe einer solchen Besinnung ist es jedoch, ein kritisches Bewusstsein für die ethischen Probleme, die dieser wissenschaftlich-technische Fortschritt aufwirft, zu wecken und zu fragen, ob wir überhaupt wissen, wohin uns der biomedizinische "Fortschritt" führen soll.

I. Welchen Fortschritt wollen wir? - Humanistische und wissenschaftlich-technische Fortschrittsidee

Die Neuzeit kennt zwei wesentliche Vorstellungen von Fortschritt, einmal die humanistische Fortschrittsidee und zum anderen den wissenschaftlich-technischen Fortschrittsglauben. Beide beeinflussen sich zwar gegenseitig, sind aber doch zu unterscheiden. Unter Fortschritt verstand man aus humanistischer Sicht in erster Linie die stetig wachsende geistig-moralische Höherentwicklung des Menschen durch Bildung, bis hin zur Vervollkommnung des Menschengeschlechts und die so erreichbare Überwindung des Bösen in der Welt durch das "gute Prinzip" und die dementsprechende Aufrichtung eines von allem moralisch Bösen freien innerweltlichen "Reich Gottes auf Erden".2 Im wissenschaftlich-technischen Fortschrittsglauben bezeichnete man die stetig zunehmende Unterwerfung der als unvollkommen gedachten Natur unter die Herrschaft des Menschen mittels wissenschaftlich-technischer Methoden als Fortschritt. Die Väter dieses Wissenschaftsverständnisses, René Descartes (1596-1650) und insbesondere Francis Bacon (1561-1626), haben das Ziel des naturwissenschaftlichen Fortschritts in der Wiederherstellung des verlorenen "Paradieses" und das Ziel des medizinischen Fortschritts in der Besiegung aller Krankheiten und des Todes gesehen. Dieser Gedanke ist bis heute eine wesentliche Motivation des medizinischen Forschens.

Das Verhältnis beider Forschrittsideen zueinander bedarf heute mehr denn je der Klärung. Bis in die Gegenwart ging man davon aus, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt im Dienste der humanistischen Fortschrittsidee stehen und durch sie gesteuert werden soll. Für Immanuel Kant (1724-1804), den herausragenden Vertreter der humanistisch-moralischen Fortschrittsidee, war Fortschritt primär ein Prozess der Selbstbestimmung des Menschen hinsichtlich seiner geistigen Natur gemäß den Forderungen des allgemeinverbindlichen "Sittengesetzes". Dass der Mensch auch die natürlichen Grundlagen seines Lebens gemäß seinen Plänen und Wünschen manipulieren kann, das war ihm noch undenkbar. Der Mensch muss sie als weitgehend unabänderliches Schicksal hinnehmen, muss sich diesem "Reich der Notwendigkeit" einordnen, ohne dass das für Kant ein moralisches Übel ist. Der Mensch ist als "Vernunftwesen" nur frei, sich als geistig-kulturelles Wesen selbst zu gestalten. Vor allem ist er aufgerufen, sich selbst gemäß den Forderungen des allgemeinverbindlichen Sittengesetzes zu bestimmen, aber auch, sein wissenschaftliches und technisches Handeln gemäß den sittlichen Forderungen zu gestalten und damit dem moralischen Fortschritt zu dienen. Er ist das unhinterfragte Ziel des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Die Möglichkeit, dass der Mensch durch Eingriffe in das Leben (z.B. ins Genom oder ins Gehirn) auch die biologischen Grundlagen seines eigenen, auch seines geistigen Lebens verändern und damit mehr oder weniger Schöpfer seiner selbst werden kann, das lag außerhalb dessen, was Kant sich als Möglichkeit menschlicher Beherrschung der Natur vorstellen konnte und was von seinem ethischen Ansatz her kritisch hinterfragt werden muss, weil dies letztlich dazu führen kann und wird, dass nicht mehr der menschliche Geist sich selbst und die von ihm hervorgebrachten wissenschaftlich-technischen Errungenschaften bestimmt, sondern dass sich eine Umkehrung dahingehend vollzieht, dass der menschliche Geist und mit ihm die Ethik "ohnmächtig" gegenüber dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt wird, ihn nur noch nachträglich legitimieren, bestenfalls etwas "bremsen", aber nicht mehr wirklich nach ethischen Gesichtspunkten so lenken kann, dass er dem "humanen" Fortschritt dient.

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Anmerkungen

1 Friedrich Nietzsche, Werke, Großoktavausgabe, Leipzig 1895-1904, Bd. 10, 207, vgl. Werke in drei Bänden, hg. von K. Schlechta, 1960, Bd. 3, 643.
2 I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1793/94, Drittes Stück.

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