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Materialdienst 12/2003
Gesellschaft

Rath gegen den Rest der Welt

(Letzter Bericht: 9/2003, 351f) Erneut hat Dr. Matthias Rath im Rahmen einer groß angelegten Vortragsreihe im Oktober 2003 seine "Zellular-Medizin" als den "Durchbruch zu einem neuen Gesundheitssystem" angepriesen. In bekannter Weise stellte der von manchen als "Menschheitsretter" bezeichnete Arzt die Pharma-Industrie als Unterdrückerin der Gesundheit hin, weil unter deren Strategie - dem Verbot hochdosierter Vitaminpräparate - die Volksgesundheit zugrunde gehe. Seitenfüllende Werbekampagnen in großen Tageszeitungen zeugen von einem klar umrissenen Feindbild und einer abenteuerlichen Verschwörungstheorie, die den Nutzen der pharmazeutischen Medizin Lügen straft. Natürlich stimmt es, dass manche herkömmlichen Medikamente unter bestimmten Umständen dramatische - ja sogar tödliche - Nebenwirkungen aufweisen können. Wo aber wären wir heute ohne Kortison, Aspirin oder Insulin, Herr Dr. Rath?

Unbeirrbar wirbt der Schüler des großen Chemikers und späteren "Vitaminpapsts" Linus Pauling (1901-1994) um Anhänger - sowohl um Kunden als auch um Mitarbeiter für sein Vertriebssystem. Gezielte Beraterschulungen sollen nun den Verbrauch ankurbeln - etwa von "Vitacor Plus", 90 Tabletten für 42 Euro, Verzehrempfehlung dreimal täglich eine Tablette. Den offensichtlichen Widerspruch, die gesamte Pharma-Industrie nun mit eigenen, angeblich neuartigen Pillen in Frage zu stellen, scheinen die Anhänger und Berater auszublenden.
 
Seit Jahren können die Präparate via Internet bestellt und aus den Niederlanden bezogen werden. Dieser Umweg ist nötig, weil sie wegen der hohen Dosierung hierzulande unter das Arzneimittelgesetz fallen würden. Die für eine Zulassung nötigen Daten und klinischen Studien wurden aber bisher nicht vorgelegt. Angebliche Wirksamkeitsnachweise wurden von Fachzeitschriften aufgrund des fehlenden wissenschaftlichen Aussagewertes in Frage gestellt. Die in seinen Werbeprospekten angeführten "klinischen Beweise" beziehen sich nicht, wie suggeriert wird, auf die von Rath entwickelten Vitamin-Präparate, sondern nur auf einzelne Inhaltsstoffe wie Vitamin C oder Folsäure.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Menschen, die sich abwechslungsreich und vollwertig ernähren, generell für überflüssig. Verbraucherzentralen empfehlen darüber hinaus, Produkte nicht zu kaufen, wenn gezielt Ängste geschürt werden oder der Verkauf vom Ausland aus erfolgt. Grundsätzlich warnt das Bundesgesundheitsministerium davor, Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet oder dem Direktvertrieb zu beziehen, weil sich diese Produkte einer staatlichen Kontrolle zur Sicherung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes entzögen. Raths Firmennetzwerk überspringt diese Hürde - das deutsche Vertriebssystem für seine umstrittenen Produkte aus den Niederlanden wächst.

Michael Utsch

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