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Materialdienst 12/2003
Matthias Pöhlmann

Fabulierlust ohne Grenzen - Der neue Kult um Nostradamus

Zum 500. Geburtstag des französischen Arztes und Astrologen

Das Wunder bei Nostradamus ist nicht sein Text, sondern die Auslegekunst seiner Erklärer.
Max Dessoir1


Am 14. Dezember 2003 jährt sich zum 500. Mal der Geburtstag des Arztes und Astrologen Michel de Notredame (1503-1566), der sich dem humanistischen Zeitgeschmack folgend den latinisierten Namen Nostradamus zulegte.2 Nostradamus' literarische Hinterlassenschaft, insbesondere Weissagungen und Prophezeiungen in Versform, hat wie keine zweite den Forschergeist angetrieben und die Phantasie von Nostradamus-Auslegern beflügelt. Im einschlägigen Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens heißt es lapidar: "Nostradamus ist ebenso als Seher gepriesen, wie als Schwindler beschimpft worden."3 Sein Hauptwerk "Les Propheties" (Die Prophezeiungen) erschien 1555 in gedruckter Form in Frankreich und besteht aus rund 1000 Vierzeilern (Quatrains), die in Gruppen von jeweils 100 in zehn Zenturien (Centuries) zusammengefasst sind. Das Werk hat eine schier unglaubliche Wirkungs- und wechselvolle Interpretationsgeschichte erlebt.4 Ebenfalls unter seinem Namen kursierten zahlreiche Fälschungen.5 Angeblich enthalte - davon sind die meisten der schreibenden Nostradamus-Experten überzeugt - sein Werk fortlaufende Weissagungen über das Schicksal der Menschheit bis in das vierte Jahrtausend. Besonders in wirtschaftlichen und politischen Krisenzeiten mehren sich die Publikationen, die beanspruchen, die ultimative Deutung der Schriften des Nostradamus gefunden zu haben. Eine historisch-kritische Auslegung der Texte ist weniger gefragt - im Gegenteil: Die jeweilige Nostradamus-Interpretation wird zur 'Eis-egese', zur 'Hinein-Deutung', - je nach weltanschaulichem Standpunkt des Interpreten. Die Enthüllungsliteratur über die wahre Bedeutung, den tieferen Sinn, die letzten Geheimnisse und Vorhersagen für das 21. Jahrhundert hat nach wie vor Konjunktur. Rund 170 verschiedene lieferbare Titel listet ein Internet-Buchhändler auf. Auf über eine Viertel Million Treffer weltweit stößt man beim Suchbegriff "Nostradamus" im Internet. Derzeit existieren rund 400 Interpretationen, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch, die sich um das Deutungsmonopol der Schriften bemühen.6

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Anmerkungen

1 Zitiert nach Eberhard Bauer, Art. Prophetie, in: Gerald L. Eberlein (Hg.), Kleines Lexikon der Parawissenschaften, München 1995, 149.
2 Die Datierung auf den 14. Dezember folgt dem alten julianischen Kalender. Folgt man dem gregorianischen Kalender, so ist von der Geburt Nostradamus' neun Tage später, am 23. Dezember, auszugehen; zur Datierung vgl. Elmar R. Gruber, Nostradamus. Sein Leben, sein Werk und die wahre Bedeutung seiner Prophezeiungen, Bern 2003, 32. - Der Nostradamus-Biograph Frank Rainer Scheck, Nostradamus, München 1999, 11, datiert den Geburtstag hingegen nach neuer Zeitrechnung auf den 24. Dezember 1503.
3 E. W. Peukert, Art. Nostradamus, in: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Bd. 6, Berlin / New York 1987 (= Nachdruck der Ausgabe von 1938), 1127.
4 Zur Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte der "Prophezeiungen" vgl. Elmar R. Gruber, Nostradamus, 18-23.
5 Vgl. Frank Rainer Scheck, Nostradamus, 144ff, sowie Gottfried Holtz, Die Faszination der Zwänge. Aberglaube und Okkultismus, Göttingen 1984, 221f. - Zu Einzelheiten vgl. Elmar R. Gruber, Nostradamus, 405ff.
6 Irmgard Oepen u.a. (Hg.), Lexikon der Parawissenschaften. Astrologie, Esoterik, Okkultismus, Paramedizin, Parapsychologie kritisch betrachtet, Münster - Hamburg - London 1999, 202.

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