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Materialdienst 3/2009
Peter R. Gerke

Gibt es einen Gotteswahn?

Gedanken zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube

Das Thema Naturwissenschaft und christlicher Glaube sorgt in der Öffentlichkeit für Diskussionsstoff – und weiterhin für weltanschauliche Kontroversen. Die Wissenschaft kann nicht alles erklären und kann deshalb keinen Totalanspruch auf die Erklärung der Welt erheben. Diese Ansicht vertritt Peter R. Gerke in seinem Diskussionsbeitrag, den wir nachfolgend dokumentieren. Vor dem Hintergrund der neueren Hirnforschung nimmt er darin eine Verhältnisbestimmung zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben vor.


Viele Philosophen und Hirnforscher bejahen die Titelfrage, und der Erfolgsautor Richard Dawkins bestätigt das in seinem Buch „Der Gotteswahn“, weshalb er sich auch zum „Gegner der Religion“ erklärt hat. Zwar sei unsere Welt ziemlich kompliziert, doch werde objektive Wissenschaft schließlich auch die letzten Fragen des Universums beantworten können. – Stimmt das?

Der Mensch kann denken, das heißt, er hat dank seiner Sprache die Möglichkeit geschaffen, Zusammenhänge beliebiger Art zu überlegen. Er kann Bücher lesen, Reden halten, seinen Urlaub planen. Er hat unsere Welt erforscht und ihre Naturgesetze gefunden. Doch einst fühlte er sich allein und verlassen in einer ungezähmten Natur, und er wandte sich um Schutz an Übermenschliches – an Gott. Ist Gott nun Teil dieser Welt? Dann sollte auch er den Naturgesetzen gehorchen, dann wäre er überflüssig. Oder steht er außerhalb, also über dieser Welt? Wie aber sollte er dann in diese Welt eingreifen können? Er müsste ja die Naturgesetze außer Kraft setzen, um wirksam zu werden. Oder hat sich der Mensch getäuscht, und seine Naturgesetze, die auf den Gesetzen der Logik (bzw. der Mathematik) aufbauen, sind noch gar nicht vollständig? Oder gibt es auf Erden sogar Phänomene außerhalb unserer Naturgesetze, außerhalb menschlicher Logik und menschlicher Forschung? Diese Frage ist hier zu diskutieren.

Das Qualia-Problem

Menschliches Denken findet im Gehirn statt, von dort wird auch menschliches Handeln gesteuert. In diesem Gehirn gibt es um die 100 Milliarden Nervenzellen (Neurone), deren Tätigkeit darin besteht, in kleineren oder größeren Gruppen aktiviert („gefeuert“) zu werden und dabei schwache elektrische Impulse (ca. 80 Millivolt) auszusenden. Die Impulse werden über Nervenfasern (Axone) an andere Nervenzellen weitergegeben, um diese unter bestimmten Umständen zu feuern. Eine Nervenzelle kann über sog. Synapsen von um die 10000 anderen Nervenzellen elektrische Impulse als Signale empfangen, so dass sich ein eng verflochtenes Netzwerk insbesondere in der menschlichen Großhirnrinde ergibt. Sprachliche Gedanken werden dort also durch Muster schwacher elektrischer Impulse von gefeuerten Nervenzellen repräsentiert. Ähnliches geschieht übrigens auch im Computer: Auch er funktioniert auf der Basis schwacher elektrischer Impulse. Hier spricht man aber nicht von Gedanken, sondern von Information!

Ich denke also und befehle mir: „Hol’ einen Apfel aus dem Keller!“ Ich steige die Stufen hinab. Schickt mich nun der Gedanke in den Keller, oder sind es die Nervenzellen, die diesen Gedanken erzeugt haben? Natürlich müssen dann weitere feuernde Nervenzellen meinen Körper in den Keller befördern; wie sollten ihn denn allein Gedanken bewegen können? Denn Gedanken sind nichts Physikalisches wie elektrische Impulse. Wie soll etwas Nicht-Physikalisches etwas Physikalisches wie meine Beine in Bewegung setzen? Philosophen haben ein sog. „Trilemma“ erdacht: 1. Gedanken sind nicht etwas naturgesetzlich Physikalisches. 2. Gedanken sind im Bereich des Physikalischen kausal wirksam. 3. Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen, d. h. physikalische Wirkungen sind nur durch physikalische Ursachen möglich.

Natürlich ist der zweite Satz unzutreffend! Die Aufforderung zum Kellergang erfolgt durch Nervenzellen, die mich den Gedanken „in den Keller gehen“ fassen lassen, aber damit zugleich den Kellergang durch weitere Nervenzellen veranlassen. Philosophie und Hirnforschung reihen das Gedankenproblem in eine Gehirnkategorie „Qualia“ ein, deren Mitglieder zwar existieren, aber nichts bewirken, da sie nicht den Naturgesetzen angehören. (Gedanken sind nichts Chemisches und nichts Elektrisches!) In diese Kategorie fallen damit also nicht nur Gedanken, sondern auch alles, was wir wahrnehmen und fühlen, also gesehene Bilder, gehörte Geräusche, geschmeckte Weintrauben, sowie auch Freude und Leid, also unsere Emotionen. Nicht das gehörte Geräusch bewirkt etwas, sondern die Nervenzelle, die das Geräusch erzeugt hat. Wie allerdings diese Nervenzelle (oder eine Anzahl von Nervenzellen gemeinsam) für uns Menschen ein Geräusch erzeugen kann, ist naturwissenschaftlich unerklärlich. Die Antwort auf die zuvor gestellte Frage lautet also: Ja, es gibt etwas außerhalb der Naturwissenschaften Existierendes, das aber selbst naturgesetzliches Geschehen nicht beeinflussen kann. Ist diese Schlussfolgerung richtig?

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