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Materialdienst 1/2009
Wolf Krötke

Das Wesen des christlichen Glaubens an Gott und der "neue Atheismus"

„Der Atheismus ist auch nicht mehr, was er einmal war“. So hat Eberhard Jüngel in einer Besprechung für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 12.12.2000 seinen Eindruck von der „Geschichte des Atheismus“ zusammengefasst, die aus der Feder von Georges Minois stammt.1 Er beklagt mit dieser ironischen Feststellung, dass hier ein Historiker zwar jede Menge Material zu atheistischen Überzeugungen in Vergangenheit und Gegenwart zusammengetragen hat, damit aber seinen eigenen atheistischen Intentionen nur unzureichend Ausdruck zu geben vermag. Den Gebildeten unter den Verächtern des Atheismus ringt er nur ein müdes Lächeln ab: keine Ahnung von Nietzsche; keine Ahnung von Luther, keine Ahnung vom Vorwurf des Atheismus gegen die junge Christenheit. Mit solchem Atheismus lässt es sich bei einiger Bildung in der europäischen Geistesgeschichte leicht ins Gericht gehen.

Das ist dann in ganz anderer Weise, als Jüngel es gemeint hat, in unseren Tagen tatsächlich auch geschehen und irgendwie ein Indiz dafür, dass man in den christlichen Kirchen meint, sich nicht allzu viel Mühe mit dem Atheismus geben zu müssen. Der Kölner katholische Psychiatrieprofessor Manfred Lütz hat sich z. B. – bewaffnet mit dem Buch von Minois – in einen Urlaub begeben und unter seiner Leitung Stück für Stück darzulegen versucht, dass es mit dem Atheismus letztlich nichts auf sich habe. In dem Buch „Gott. Eine kleine Geschichte vom Größten“2, das mit seiner locker-launigen Schreibweise zum „Bestseller“ avanciert ist, lässt Lütz sich vom Atheisten Minois vielfältige Vorlagen für das Breittreten der Einsicht geben, dass der Atheismus die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann. Was Atheisten kritisieren, das sei die menschliche Religion in ihrer Art und Unart. Darüber könne man mit ihnen reden. Was sie aber unter der Leitung eines in religiöser Tumbheit oder im Unglauben begründeten Vorurteils über die Nichtexistenz Gottes in Bezug auf das Zustandekommen von Religion und Gottesglauben konstruierten, könne man getrost vergessen.

Ludwig Feuerbachs Projektionsargument zum Beispiel, das sich auch Karl Marx zu eigen gemacht hat, sei nicht mehr als die „Möblierung des atheistischen Wohnzimmers“.3 Daraus, dass Menschen sich etwas wünschen und diesen Wunsch „an den Himmel projizieren“, folge noch lange nicht, dass das Gewünschte nicht existiert. Was Sigmund Freud sich über den Ursprung der Religion als Verarbeitung der Mordes der „Urhorde“ an einem „Urhordenvater“ zusammengereimt habe, erledige sich dadurch, dass man nach der Erkenntnis heutiger Psychologie „Seelenvorgänge“ nicht allein „auf zugrunde liegende neurologische, materielle Seelenkräfte“ zurückführen kann.4 Der „Übermensch“, den Friedrich Nietzsche in letzter atheistischer Konsequenz dem Gott der Liebe im Christentum entgegensetzte, sei in „Hitler, Stalin oder Mao Tse Tung“ schauerlich Lügen gestraft worden.5 Darüber hinaus hätten die Entwicklungen in der modernen Naturwissenschaft dem „real existierenden Atheismus“, wie Lütz das ausdrückt, den „Super-GAU“ verpasst.6 Die atheistische Behauptung, dass die Annahme eines Gottes „den Naturgesetzen widerspreche“, sei nicht aufrechtzuerhalten. Wenn die Natur gemäß der Quantentheorie nicht von „deterministischen Gesetzen beherrscht wird“, sondern es „nur noch statistische Wahrscheinlichkeiten“ gibt, könne die Möglichkeit des Eingreifens eines Gottes in den Naturzusammenhang nicht mehr ausgeschlossen werden.7

Atheismus ist nach Lütz also das allergrößte Fiasko: Dass Gott nicht existiert, kann er nicht beweisen. Die atheistischen Theorien, wie der Gottesglaube zustande kommt, sind nichtig. Seitdem der Atheismus aufgrund der verloren gegangenen Macht des Marxismus-Leninismus auch noch seine Großorganisation eingebüßt hat, liegt er in „Agonie“.8 Organisationen von Atheisten sind, wie auch Minois zugeben muss, „zu kleinen sektenartigen Zirkeln“ zusammengeschrumpft.9

In der Tat wird man sagen müssen: So, wie sich der Atheismus im 20. Jahrhundert einmal in den Äußerungen seiner markantesten Vertreter dargestellt hat, tritt er heute nicht mehr in Erscheinung. Das gilt ganz unabhängig von seinen theoretischen Begründungen, über die unser katholischer Apologet des Christentums doch wohl ein allzu flottes Scherbengericht vollzieht. Vorbei aber sind die Zeiten, in denen ganze Völker der östlichen Hemisphäre unter Anwendung von Zwang und Gewalt mit der „allein wissenschaftlichen“, atheistischen Weltanschauung indoktriniert wurden. Vorbei sind freilich auch die Zeiten, in denen die evangelische Theologie achtsam auf Atheisten wie Ernst Bloch, Milan Machovec, Vitezslav Gardavsky oder Roger Garaudy gehört hat.

Die Atheisten jedoch, die sich nach 1989 im mehr oder weniger wissenschaftlichen Diskurs zu Wort gemeldet haben, sind von der wissenschaftlichen Theologie, geschweige denn in der Kirche, so gut wie nicht zur Kenntnis genommen worden. Franz Buggles Streitschrift von 1992 „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“10 oder Burkhard Müllers „Schlußstrich“ von 199511 sucht man in der Rechenschaft über den christlichen Glauben in unserer Zeit vergebens. Nur wenn bestimmte Magazine zu den kirchlichen Feiertagen einigen Altachtundsechzigern Gelegenheit gegeben haben, ihren Missmut über die christlichen Kirchen abzulassen, hat unsere Kirche abwehrend gezuckt. Ein gewisser Höhepunkt in dieser Richtung waren die wütenden Attacken, die mein Berliner philosophischer Kollege Herbert Schnädelbach in der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Jahre 2000 gegen das Christentum als „Fluch der Menschheit“ geritten hat. Unterdessen ist das wie alles, was von der Presse befördert wird, eine „Nachricht von gestern“. Keine Nachricht von gestern aber ist das, was die neueste Erhebung des „Religionsmonitors“ der Bertelsmann-Stiftung zu Tage gefördert hat.

Atheismus als bleibende Herausforderung für die Kirche

Nach dieser Erhebung versteht sich fast ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands als „nicht religiös“ und damit als praktisch atheistisch. Wie wir auch ohne „Religionsmonitor“ wissen, sind es im Osten Deutschlands noch viel mehr: Über 75 Prozent der Bevölkerung wollen mit Gott, mit der Religion und der Kirche nichts zu tun haben; in Berlin-Marzahn sind es sogar 98 Prozent. Für sie hat sich das Thema erledigt. „Atheismus“ ist bei ihnen nicht irgendeine Theorie, sondern eine selbstverständliche Realität. Sie haben sich an das Leben ohne Gott einfach gewöhnt. Das ist schon seit Generationen so. Schon die Großeltern, ja sogar die Urgroßeltern, hatten mit dem Glauben an Gott nichts zu tun.

Bei fast einem Drittel der Bevölkerung weiter westlich stellt es sich ähnlich dar, obwohl die Menschen hier von keiner Staatsmacht dazu genötigt wurden, sich den Glauben an Gott abzugewöhnen. Wir müssen sogar konstatieren, dass atheistische Überzeugungen auch in unserer volkskirchlichen Wirklichkeit ziemlich verbreitet sind. Denn die fast 30 Prozent atheistisch gesinnter Menschen in unserem Lande sind nicht nur jenseits von festen Kirchenmauern beheimatet. Sie befinden sich auch in der Volkskirche, der sie aus irgendwelchen Gründen angehören. Mehr noch: Die Probleme und Zweifel am Gottesglauben, die mit den atheistischen Argumenten gegen den Gottesglauben zusammenhängen, setzen auch sehr vielen Gliedern der Gemeinde erheblich zu.

„Atheismus“ – das ist deshalb nicht nur eine Angelegenheit von ein paar sektiererisch wirkenden Splittergruppen in unserer Gesellschaft. Das ist aufgrund seiner massenhaften Verbreitung unter den Menschen eine Herausforderung allererster Güte für die christlichen Kirchen in unserem Lande. Obwohl das offensichtlich ist und obwohl all die Probleme damit zusammenhängen, die unsere Kirchen vor allem im Osten Deutschlands haben, ihren Dienst im ganzem Lande aufrechtzuerhalten, findet die Frage, wie sich das christliche Zeugnis von Gott spezifisch auf die atheistische Herausforderung einzulassen hat, erstaunlich geringe Aufmerksamkeit. Zukunftspapiere der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Landeskirchen und sonstige Analysen der religiösen Lage unserer Zeit reden vielmehr optimistisch davon, dass sich der praktische Atheismus im Zuge der so genannten „Wiederkehr der Religion“ von alleine aufzulösen beginnt. Vom „Gewohnheitsatheismus“ seien nur noch „Rudimente“ übrig geblieben, lesen wir z. B. in der „Systematischen Theologie“ von Gunther Wenz.12

Sicherlich ist nicht zu bestreiten, dass sich in den letzten Jahren das gesellschaftliche Klima in Bezug auf Themen, die zur Religion im weitesten Sinne gehören, gewandelt hat. Ich gehe jetzt nicht der Frage nach, ob und wie dieser Wandel – vor allem, was den Glauben an Gott betrifft – den Kirchen zugute kommt. Dazu gäbe es viel zu sagen. Dass jener Wandel die Nebelwand des uns umgebenden Gewohnheitsatheismus aber gelichtet hätte oder auch nur dabei sei, das in irgendeiner bemerkenswerten Weise zu tun, wird man beim besten Willen nicht behaupten können. Der Eindruck, dass sie nur noch in Rudimenten vorkommt, mag jedoch vielleicht dadurch entstehen, dass aus ihr heraus keine starken öffentlichen Stimmen erschallen. Denn der Atheismus, der hier herrscht, ist mehr ein Milieu als ein Programm, mehr ein Ressentiment als eine argumentative Kraft.

Seine stumme, fraglose Abstinenz vom Gottesglauben stellt für unsere Kirche und unsere Gemeinden, die sich auf die nachhaltig von allem Gottesglauben entfremdeten Menschen einlassen wollen, das eigentliche Problem dar. Was lässt diesen Atheismus eigentlich so selbstgewiss in sich ruhen? Auf welche unausgesprochenen Argumente muss unbedingt Bezug genommen werden, und wie sollte das geschehen, damit statt gegenseitiger stummer oder verstummender Abweisung ein Dialog zwischen atheistischen Überzeugungen und Gottesglaube möglich werden kann? Wie sollten sich Christinnen, Christen und Gemeinden in einem atheistisch grundierten, konfessionslosen Umfeld darstellen und artikulieren, damit sie jenem ressentimentgeladenen Milieu nicht geradezu Auftrieb geben?

Angesichts solcher Fragen könnte es durchaus hilfreich sein, wenn atheistische Positionen mit guten Argumenten nachdrücklich und stark in der Öffentlichkeit vertreten werden. Das könnte dem stummen, ohne erkennbare Perspektive vor sich hin dümpelnden Atheismus wieder eine Stimme geben und ihn zur ernst zu nehmenden argumentativen Kraft in der Gesellschaft machen. Das könnte auch der Christenheit hierzulande dienlich sein, die in Auseinandersetzung mit den Argumenten des Nichtglaubens durchaus dazu herausgefordert ist, ihren Glauben im 21. Jahrhundert in größerer Klarheit zu verstehen und zu artikulieren. Es klingt deshalb verheißungsvoll, dass sich in unseren Tagen tatsächlich ein Atheismus lautstark zu Wort meldet, der sich selbst „neu“ nennt. Ob dieser Atheismus zu leisten vermag, was ich hier in einem abstrakten Szenario von ihm erwarte, ist allerdings die Frage. Gespannt darf man zunächst darauf sein, was hier eigentlich „neu“ heißt.

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Anmerkungen

1 Georges Minois, Geschichte des Atheismus. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Weimar 2002.
2 Manfred Lütz, Gott. Eine kleine Geschichte vom Größten, München 2007.
3 Ebd., 29.
4 Ebd., 13.
5 Ebd., 62.
6 Ebd., 65.
7 Ebd.
8 Ebd., 68.
9 Ebd.
10 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann, Reinbek 1992.
11 Burkhard Müller, Schlußstrich. Kritik des Christentums, Springe 1995, 22004.
12 Gunther Wenz, Studium Systematische Theologie, Band 1, Religion, Göttingen 2005, 47.

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