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Materialdienst 1/2009
Jürgen Schnare

Deeksha und das Wunder der Erleuchtung

"Oneness Blessing" in Hannover

„Du bist herzlich eingeladen, Oneness Blessing zu erleben, eine Energieübertragung, die dein Leben für immer verändern kann. Verpass nicht diese einmalige Gelegenheit ...“ Mit diesen Worten lud eine noch relativ junge Bewegung indischen Ursprungs Interessierte nach Hannover ein. Als Selbstbezeichnung taucht im Internet der Name „Oneness-Bewegung“ auf.1 Der Begriff „Oneness“ steht ganz im Zentrum der Verlautbarungen: Die niedersächsische Landeshauptstadt erlebte unter dem Motto „Erwachen des Herzens“ vom 4. bis 7. September 2008 „die bisher größte Oneness-Konferenz außerhalb Indiens“.2 Eingebettet in die Konferenz für die europäischen Anhänger der „Oneness-Bewegung“ war am Samstag, 6. September, der „Oneness Tag“ für die Öffentlichkeit, zu dem mit den eben zitierten Worten eingeladen wurde. Veranstalter war die „Oneness Akademie Deutschland e. V.“ mit Sitz in Elmshorn. „Oneness“ wird in der Bewegung mit „Einssein mit allem“ übersetzt.3 Im Hintergrund stehen hierbei Vorstellungen der hinduistischen Philosophie des Advaita-Vedanta. Ort des Geschehens war Hannovers beste Adresse für Veranstaltungen dieser Art, der Kuppelsaal des Congress-Centrums mit einem Fassungsvermögen von 3000 Personen. Gleichzeitig ging in einer benachbarten Halle die Esoterikmesse mit ihrem Gemischtwarenladen von Astrologie bis Wellness über die Bühne.

Die „Oneness-Bewegung“

Chronisten der Bewegung berichten, dass alles 1989 begann, als ein Mann mit besonderen Fähigkeiten Direktor an einer Schule im südindischen Bundesstaat Andrah Pradesh war. Es handelt sich um den am 7. März 1949 im Bundesstaat Tamil Nadu geborenen Vijay Kumar. Seine Anhänger nennen ihn Bhagavan. Damit benutzen sie eine Anrede, die im Hinduismus in Einzelfällen verehrten Personen (Lehrern) zuteil werden kann, in der Regel aber einem Gott vorbehalten ist. Konsequent bezeichnet Sri Bhagavan sich selbst als Avatar, also als Manifestation oder Inkarnation der Gottheit. Das gleiche soll für seine am 15. August 1954 geborene Frau gelten, die jetzt Amma genannt wird.4

Erstmalig konnte Sri Bhagavan 1989 seinen Sohn Krishna „zum Erwachen führen“.5 Er „erfuhr spontan kosmisches Bewusstsein und konnte sich in anderen ‚Lokas’ oder Dimensionen bewegen“.6 Auch anderen Schülerinnen und Schülern an seiner Schule widerfuhr damals dieses „Wunder der Erleuchtung“.7 Zurückgeführt wird das auf eine „von Bhagavan gelenkte Energieübertragung, die eine neurobiologische Veränderung im Gehirn hervorruft, die letztlich zur Erleuchtung führt“.8 Dieser Vorgang wird „Deeksha“ genannt. In der Regel geschieht die Übertragung durch Handauflegen. „Deeksha“ oder „Dikscha“ meint im Hinduismus ursprünglich die Initiation eines Schülers durch den Guru. So etwas ist traditionell erst nach einem langen Weg mit dem Guru möglich.

„Nach der Geburt der Bewegung wurde die Schule geschlossen.“9 Einige der Erleuchteten wurden zu Anhängern Sri Bhagavans und Sri Ammas und bildeten den Grundstock der Betreuer und Lehrer an der später gegründeten „Oneness University“ in „Golden City“ vor den Toren von Chennai in Südindien (Tamil Nadu). Der Aufbau erlebte 2007 mit der Einweihung eines Tempels für 8000 Personen einen vorläufigen Höhepunkt.10 2003, anlässlich des Geburtstags von Amma, fand die erste öffentliche „Deeksha“-Zeremonie statt. Ein Kurssystem für Menschen aus dem Westen wurde aus der Taufe gehoben, um „Deeksha-Geber“ oder „Oneness Blessing Geber“ auszubilden. Das soll nötig sein, um ein weltweites Erwachen herbeizuführen. „Seit 2003 befinden wir uns bereits im neuen Goldenen Zeitalter.“11 Der begonnene Transformationsprozess soll voraussichtlich 2012 enden, „wo die ganze Menschheit Erleuchtung erlangen wird“12. Dazu ist eine „kritische Masse“ von 64000 Erleuchteten notwendig. „Ab einem gewissen Zeitpunkt kann niemand der Erleuchtung widerstehen.“13 Auf dem „Oneness Tag“ in Hannover wurde von Teilnehmerinnen geäußert, es seien schon so viele Menschen in Golden City gewesen und zu „Deeksha-Gebern“ ausgebildet worden, dass der Prozess mittlerweile zwangsläufig und unumkehrbar sei.

Ursprünglich galt ein mehrfach modifizierter grundlegender „21-Tage-Prozess“, den man an der „Oneness University“ absolvierte. Hinzu kam ein „10-Tages-Vertiefungskurs“ am selben Ort. „Im Jahr 2008 gibt es keine 21-Tages-Prozesse und auch keine 10-Tages-Vertiefungskurse mehr. Stattdessen werden diese Kurse durch 9-tägige Prozesse ersetzt. Aus dem 21-Tages-Prozess wird der 9-tägige Level-1-Prozess. Aus dem 10-tägigen Vertiefungskurs wird der 9-tägige Level-2-Prozess.“14 In Hannover wurde per Videokonferenz von Sri Bhagavan ein „Level-3-Prozess“ angekündigt. Diese Prozesse sollen „in den einzelnen Ländern von Sri Amma und Sri Bhagavan persönlich durchgeführt werden“.15 Allein die Seminargebühren für einen 9-tägigen Kurs in Indien betragen 3.395 US-Dollar.16 Wer in „Golden City“ zum „Deeksha-Geber“ ausgebildet wird, erhält ein Zertifikat darüber, das zeitlich befristet ist und erneuert werden muss.17

Vor der Konferenz in Hannover hieß es: „Sri Amma und Sri Bhagavan haben sich seit Anfang August 2007 grösstenteils aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.“18 Angeblich soll damit einem Personenkult vorgebeugt werden. Neues Gesicht der Bewegung scheint der 1976 geborene Sri Anandagiri zu sein, ein ehemaliger Schüler Sri Bhagavans aus dessen Zeit als Schulleiter. Er war 1996 der erste Schüler, der die Botschaft in den Westen brachte. Mittlerweile ist er einer der führenden Lehrer an der „Oneness-University“ und Leiter des dort beheimateten männlichen Ordens. „Sich in seiner Gegenwart zu befinden, ist wie eine starke Deeksha/Segnung, welche alle, die mit ihm in Kontakt kommen, transformiert.“19 In Hannover war er die Hauptperson, er wurde als „eine unglaubliche Persönlichkeit“ vorgestellt.

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Anmerkungen

1 www.deeksha.de/mainpage/aktuell/033d6c9a7d0fabb01/index.html (8.10.2008).
2 www.onenessconference.de/conf_de/Bericht_Oneness-Konferenz.pdf (20.9.2008).
3 www.onenessconference.de/conf_de/chome.html.
4 Kiara Windrider, Deeksha, Energie des Erwachens, Bielefeld 32007, 225. – Beide Anredeformen sind ja aus anderen Zusammenhängen bekannt. Einerseits wurde die Anrede Bhagavan bzw. Bhagwan für den historischen Buddha oder auch für den Gründer des Rajneeshismus verwandt. Andererseits werden Hindugöttinen in Südindien Amma (Mutter) genannt. Dieselbe Anrede wird gegenwärtig auch für die Amma mit Ashram in Amritapuri benutzt. Man kann Sri Bhagavan unterstellen, dass er sich als Avatar Vishnus sieht, denn er soll eine Zeit lang auch die Bezeichnung Kalki getragen haben (Windrider, 275). Das ist der Name der erwarteten zehnten Inkarnation Vishnus. Sri ist ein hinduistischer Ehrentitel.
5 Windrider, a.a.O., 165.
6 Ebd.
7 Ebd.
8 Ebd., 273.
9 www.deeksha.de/mainpage/deeksha/onenessuniversity/index.php (22.9.2008).
10 www.deeksha.de/mainpage/aktuell/internationalenews/index.php (8.10.2008). – Am 22. März 2008 wurde von der Bewegung ein Campus auf den Fidji-Inseln eröffnet (www.deeksha.de/mainpage/aktuell/
033d6c9a6e10ab209/index.php, 8.10.2008).
11 Windrider, a.a.O., 225.
12 Ebd., 228.
13 Ebd., 229.
14 www.deeksha.de/mainpage/goldencity/index.php (8.10.2008).
15 www.onenessconference.de/conf_de/Bericht_Oneness-Konferenz.pdf (20.9.2008).
16 www.deeksha.de/mainpage/printable/goldencity/levelone/index.php (22.9.2008).
17 Ebd.
18 www.dikscha.ch/html/wsd.html (1.7.2008).
19 www.onenessconference.de/conf_de/anandagiri.html (9.9.2008).

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