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Materialdienst 1/2009
Hermann Brandt

Zur Bedeutung von Epiphanias für Mission und Apologetik

Ein Anstoß von außen

Im Jahr 2008 mit dem ungewöhnlich frühen Ostertermin war der erste Sonntag nach Epiphanias gleichzeitig schon der letzte. Im Jahr 2009 hingegen ist es anders: Da haben wir kalenderbedingt immerhin vier Sonntage nach Epiphanias. Schon dies mag ein äußerer Anlass sein, der Bedeutung des Epiphaniasfestes und der Epiphaniaszeit nachzugehen. Für mich gibt es aber hierfür noch einen weiteren Anlass, der mich ganz überraschend an den Sinn von Epiphanias erinnert hat – überraschend deshalb, weil es nicht selten eine Erfahrung des Fremden ist, die uns das Eigene nahebringt, das wir vielleicht vergessen hatten: Bei Besuchen der Evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania und ihrer Theologischen Fakultät in Makumira1 fiel mir etwas im Gesangbuch dieser afrikanischen Kirche auf. Wie in vielen Gesangbüchern gibt es auch in dem tansanischen Gesangbuch zwischen den Weihnachts- und den Passionsliedern eine Abteilung mit Epiphaniasliedern. Aber die Überschrift lautet nicht „Epiphaniaszeit“ oder ähnlich, sondern ist ein Satz in suahelischer Sprache, der wörtlich übersetzt lautet: „Die Güte Jesu begegnet / erscheint denen, die die Ahnen verehren“ (also der alten Religion angehören, d. h. den Nichtchristen / Heiden), und darunter steht in Klammern die Zuordnung zum Kirchenjahr: „(Epifania, Mission)“.2 Das Auffällige, ja Provozierende ist also: Epiphanias wird mit Mission in Beziehung gesetzt. Soll vielleicht gesagt werden: Epiphanias zeigt, was Mission ist, und umgekehrt?

Jedenfalls habe ich sonst in den Inhaltsverzeichnissen (evangelischer) Gesangbücher nirgends einen Beleg dafür gefunden, dass Epiphanias und Mission so in Beziehung gesetzt wurden wie in dem Gesangbuch aus Tansania. In manchen fehlt sogar das Thema Epiphanias ganz. Dass in ihnen überhaupt Missionslieder erwähnt und unter einer eigenen Überschrift „Mission“ aufgeführt werden, ist die große Ausnahme. Und falls dies geschieht (wie im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche), wird nirgends wie in Tansania eine Verbindung zwischen Epiphanias und Mission hergestellt, sondern es gibt eine eigene Gruppe von Liedern unter der Überschrift „Mission“ und eine andere zu „Epiphanias“; die Epiphaniaslieder gehören dann z. B. zum „Kirchenjahr“, die „Mission“ zum „Gottesdienst“.3

Anders sieht freilich das Ergebnis aus, wenn man die unter „Epiphanias“ aufgeführten Lieder auf die in ihnen enthaltenen missionarischen Elemente hin untersucht. Davon wird noch die Rede sein. Zunächst aber soll angedeutet werden, inwiefern es instruktiv sein könnte, Mission von Epiphanias her zu verstehen.

Defensives oder offensives Christentum?

Generell und undifferenziert betrachtet gibt es zwei Typen von Außenwirkungen einer Religion, wobei ich mich im Folgenden auf das Christentum beschränke: entweder die Verteidigung oder den Angriff. Entweder wirkt es defensiv oder offensiv. Entweder wehrt es sich „apologetisch“ (wie Platos Sokrates sich in seiner „Apologie“ gegen die Vorwürfe verteidigte, er frevle gegenüber den Göttern und verderbe die Jugend). Oder aber es kämpft gegen die konkurrierenden Religionen, Ideologien und Weltanschauungen. Im Blick auf die Wirkungsgeschichten von christlicher Apologetik und Mission lassen sich Beispiele dafür finden, wie die Außenwirkungen des Christentums zwischen defensiver Apologetik und offensiver Mission pendeln. Dabei gibt es auch Formen offensiver Apologetik und defensiver Mission.

Vor diesem nur grob skizzierten Hintergrund lässt sich das Besondere einer Begründung der Außenwirkung des Christentums von Epiphanias her erkennen. Epiphanias ist der Name des christlichen Festes, das die öffentliche Erscheinung bzw. Darstellung Jesu Christi vor der „Welt“ begeht. Mit dieser Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, dass sich Christen mit ihrem Glauben in ihre Privatsphäre zurückziehen, so dass nichts nach außen dringen kann. Eine solche Selbstisolierung wird durch Epiphanias aufgebrochen. Nimmt man das für das Epiphaniasfest ebenso grundlegende Motiv des Lichtes hinzu, das in der Finsternis scheint, so wird deutlich, dass dieses nach außen ins Dunkel scheinende Licht die Alternative von defensiver und offensiver Außenwirkung überwindet. Ein scheinendes Licht verteidigt nichts und kämpft auch nicht. Insofern ist das „Licht“ ein Korrektiv gegenüber offensiv oder defensiv praktizierter Mission und Apologetik.

Vor fast 40 Jahren hat Christoph Jahn einen Text veröffentlicht unter dem Titel „Hilfe! Noch ein Feiertag“.4 Er ist eines der seltenen Beispiele für eine Reflexion über die Beziehung zwischen Epiphanias einerseits und Mission und weltweiter Ökumene andererseits. Er greift die Praxis auf, dass in manchen Kirchen am Epiphaniastag für die Mission gesammelt wird, und macht eine Fülle von Vorschlägen, wie eine Gemeinde dieses Fest gestalten könnte. Epiphanias „bleibt ein Anlaß zum Nachdenken darüber, wie das Licht in unsere Welt hinein leuchten und wirken kann. Gerade wenn die Christbaumkerzen heruntergebrannt sind und die Lametta weggeräumt, wird Platz für das, was weiter wirken muß.“

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Anmerkungen

1 Vgl. Hermann Brandt, Wenn Religion – dann Theologie! „Christian Religion Contains Theology!“ Religion und Theologie im Spiegel afrikanischer Examensarbeiten, Erlangen 2000.
2 Titel des Gesangbuchs: Mwimbieni Bwana, Kanisa la Kiinjili la Kilutheri, Tansania, 1988; darin unter der Überschrift „Wema wa Yesu unatokea wamizimu (Epifania, Mission.)“ die Epiphanias- und Missionslieder, Nummern 53-74. Ich danke meinem Kollegen Johannes Triebel für sachdienliche Auskünfte.
3 Ähnlich z. B. im Gesangbuch für die Evang.-protestantische Kirche des Großherzogtums Baden von 1916. Dort gehören die Epiphaniaslieder zum Kirchenjahr, und im Anhang finden sich „Lieder besonders für Jugendgottesdienste und Christfeiern“, darunter auch solche zum Thema „Ausbreitung des Evangeliums“. Im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine stehen die Epiphaniaslieder unter „Menschwerdung und Erhöhung Jesu Christi“, die Missionslieder unter „Sammlung und Sendung der Gemeinde“ und hier unter „Sendung in alle Welt“ (mit Hinweis auf Apg 1,8).
4 In: Leipziger Mission ’70, Erlangen 1970, 61-70. Wer bei einer Internet-Suchmaschine „Epiphanias, Mission“ eingibt, erhält immerhin nicht wenige Belege für das auch heute noch vorhandene Bewusstsein, dass Epiphanias und Mission zusammengehören.

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