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Materialdienst 11/2009
Werner Thiede

Einblicke ins Jenseits?

Literatur-Rückblick zur Todesnähe-Forschung

Im Kontext der Spätmoderne hat sich eine regelrechte „Todesforschung“ etabliert. Das aus dem Griechischen stammende Fachwort dafür lautet „Thanatologie“ und wird – seit 1978 ein Lexikonbegriff – definiert als „interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit Fragen des Sterbens und des Todes befasst“, unter anderem mit „Sterbeerlebnissen“ und dem Glauben „an ein Leben nach dem Tod“. Solche Thanatologie erstreckt sich auf medizinische, psychologische, soziologische, religionswissenschaftliche und theologische Disziplinen. Ihre Befassung mit Sterbenden, vor allem mit deren häufig nachweisbaren Grenzerfahrungen, hat Furore gemacht, seit Medizinerinnen und Mediziner systematisch authentischen Berichten von Menschen nachgingen, die aus dem klinischen Tod oder aus unmittelbarer Todesnähe heraus „reanimiert“, also wiederbelebt werden konnten. Da solche Reanimationen dank des medizinischen Fortschritts immer häufiger gelingen, konnten in den letzten Jahrzehnten international viele Tausende solcher Erfahrungsberichte verglichen und ausgewertet werden. Erkenntnisse an diesem Punkt zu gewinnen, an dem jede innerweltliche Hoffnung enden muss, ließen sich zunehmend als eine Frucht derselben Wissenschaft betrachten, die bislang eher den Glauben an die reine Diesseitigkeit aller Dinge gefördert hatte.

Der 1991 verstorbene Altmeister der Parapsychologie in Deutschland, Hans Bender, sprach im Blick auf die begeisterte Rezeption der Sterbeforschung in vielen Ländern von einer regelrechten „thanatologischen Welle“. Zu Recht nahm er dabei die Bezüge zur neureligiösen und zur okkulten Welle wahr, mit denen sie einherging und deren gemeinsames Kennzeichen in einem wachsenden Streben nach Bewusstseinserweiterung bestand. Von daher erklärte er die Attraktivität der Thanatologie: Hinter diesem Bedürfnis nach Bewußtseinserweiterung stehe offenbar die Frage nach dem Sinn der individuellen Existenz, die notwendig das Menschheitsproblem ihrer physischen Begrenzung durch den Tod einschließe; es handle sich um Probleme, auf die die Religionen eine Antwort böten und die nun auch im Hinblick auf das wissenschaftliche Erkennen gestellt würden.

Das grundsätzliche Dilemma der Thanatologie war damit beim Namen genannt, und es steckt ja auch schon in ihrem Namen selbst: Als „Wissenschaft vom Tode“ geht es ihr um das, was sich wissenschaftlich über den Tod ausmachen und aussagen lässt. Der Tod hat aber verschiedene Aspekte, nämlich immanente, empirisch zugängliche, und transzendente, geheimnisvolle, die in den Bereich von Religion oder Metaphysik gehören. Thanatologie enthält insofern schon in ihrem Namen die Verlockung, empirische Wissenschafts- und geistige Weltanschauungsbereiche zu vermengen. Die zahlreich bekannt gewordenen Grenzerfahrungen in Todesnähe legen in der Tat vom Gehalt ihrer Aussagen her entsprechende Grenzüberschreitungen nahe. Man fragt sich, ob die zahlreichen subjektiven Behauptungen, jenseitige Erfahrungen gemacht zu haben, zur Grundlage einer empirischen Wissenschaft vom Tode in all seinen Aspekten, eben auch den transzendent-jenseitigen, gemacht werden können. Wenn in dieser Richtung überlegt werden darf, so liegt die mögliche Relevanz der Thanatologie für die Beantwortung umfassender, letztlich religiöser Sinn- und Hoffnungsfragen auf der Hand.

• Die eigentliche „thanatologische Welle“ hob gegen Ende der sechziger Jahre in den USA an, um sich von dort aus auf alle Kontinente zu erstrecken. Sterbeforschung war aufs Engste mit dem Namen der inzwischen verstorbenen Nahtodesforscherin Elisabeth Kübler-Ross verbunden. Ihr erstes Buch „Interviews mit Sterbenden“ (1968) machte sie als Leitfigur der modernen Sterbeforschung weltbekannt. Mit zahlreichen Ehrendoktoraten zollte man ihr schließlich von akademischer Seite her international Hochachtung. Als sie im Herbst 1990 im ehemaligen Ost-Berlin einen Vortrag mit dem bezeichnenden Titel „Leben – Sterben – Übergang“ hielt, war die dortige Marienkirche mit 1300 Menschen überfüllt. Auf die Frage eines Zuhörers, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaube, antwortete sie unter starkem Beifall: „Ich weiß, dass es ein Leben nach dem Tode gibt!“

• Während der ersten Jahre der thanatologischen Bewegung hatte der Medinziner Raymond Moody Material gesammelt und 50 Personen bezüglich ihrer Todesnähe-Erfahrungen interviewt. Den Anstoß dazu hatte seine Beobachtung gegeben, dass die Erfahrungsberichte über todesnahe Bewusstseinszustände ganz verschiedener und einander unbekannter Menschen frappante Ähnlichkeiten aufwiesen. Von daher kam er zu dem Plan, in einem Buch die gemeinsamen Elemente einschlägiger Erfahrungsberichte herauszustellen. Er fand etwa ein Dutzend solcher Elemente und verband sie in origineller, freilich nicht unbedenklicher Weise zu einer idealtypischen Todesnähe-Erfahrung, die in der Literatur und in den Massenmedien oft abgedruckt wurde. Stellvertretend für viele Einzelberichte sei sie hier leicht gekürzt zitiert: „Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einemmal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, daß er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor ... Wie er entdeckt, besitzt er immer noch einen ‚Körper’, der sich jedoch sowohl seiner Beschaffenheit als auch seinen Fähigkeiten nach wesentlich von dem physischen Körper, den er zurückgelassen hat, unterscheidet. Bald kommt es zu neuen Ereignissen. Andere Wesen nähern sich dem Sterbenden, um ihn zu begrüßen und ihm zu helfen. Er erblickt die Geistwesen bereits verstorbener Verwandter und Freunde, und ein Liebe und Wärme ausstrahlendes Wesen, wie er es noch nie gesehen hat, ein Lichtwesen, erscheint vor ihm. Dieses Wesen richtet – ohne Worte zu gebrauchen – eine Frage an ihn, die ihn dazu bewegen soll, sein Leben als Ganzes zu bewerten. Es hilft ihm dabei, indem es das Panorama der wichtigsten Stationen seines Lebens in einer blitzschnellen Rückschau an ihm vorüberziehen läßt. Einmal scheint es dem Sterbenden, als ob er sich einer Art Schranke oder Grenze näherte, die offenbar die Scheidelinie zwischen dem irdischen und dem folgenden Leben darstellt. Doch ihm wird klar, daß er zur Erde zurückkehren muß ... Trotz seines inneren Widerstandes – und ohne zu wissen, wie – vereinigt er sich dennoch wieder mit seinem physischen Körper und lebt weiter.“

Zu jedem der hier miteinander verbundenen Visions- und Auditions-Elemente lieferte Moodys Buch Einzelbeispiele aus den Interviews. Schnell wurde das Werk gleichsam selbst zum „Totenbuch“ für eine säkulare Welt. 

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