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Materialdienst 11/2009
Franz Winter

Mehr als nur große Augen

Religiöse Themen in der Manga-Literatur

Der Ausdruck „Manga“ (wörtlich „absonderliche Bilder“) ist die gängige Bezeichnung für ursprünglich in Japan produzierte Comics, die sich in einem immer größeren Ausmaß auch auf dem westlichen Markt behaupten. Dabei ist neben dem englischen, französischen, italienischem und spanischen Markt, wo dieses Genre schon länger große Beachtung gefunden hat, mit einer gewissen Verspätung auch der deutschsprachige Raum relevant geworden. Zwar gab es erste deutsche Manga bereits in den 80er Jahren, jedoch ist von einer wirklich größeren Verbreitung erst seit den 90er Jahren auszugehen, was sich auch in gesteigerten Verkaufszahlen spiegelt.1 So berichtet beispielsweise der für den deutschen Sprachraum wichtige Verlag „Carlsen Comics“ im Jahr 1995 von einem Verkaufsertrag für Manga von knapp 400 000 Euro, der sich im Jahr 2000 bereits auf über 4 Millionen Euro, 2002 auf über 16 Millionen Euro steigerte.2 Zurzeit erscheinen allein bei den größeren deutschen Manga-Verlagen3 jährlich mehr als 800 Manga-Bände; für 2005 wurde ein Bruttoumsatz von 70 Millionen Euro angegeben, was den Mangasektor zum am stärksten wachsenden Bereich des deutschen Buchmarktes machte.4 Das ist zwar immer noch nichts im Vergleich zum japanischen Raum, wo rund ein Drittel aller Druckerzeugnisse (Bücher und Zeitschriften zusammengenommen) auf Manga entfallen5, jedoch zeugt es von der wachsenden Beliebtheit dieses Genres auch in unseren Breiten. Dazu kommen die Filmversionen der Manga, „Anime“ genannt, die von verschiedenen deutschsprachigen Sendern (z. B. RTL 2) ausgestrahlt werden und den Boom unterstützen.6 Hinzuzuzählen ist auch das weite Feld der Videospiele, die oft entweder direkt mit diversen Mangaserien im Zusammenhang stehen oder davon inspiriert sind.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die offenkundige Präsenz von Themen hingewiesen, die im weitesten Sinne religiöse und weltanschauliche Fragen berühren. Es soll im Folgenden auf einige Aspekte eingegangen werden, ohne natürlich dem Gesamtkomplex gerecht werden zu können.7 Dabei ergibt sich eine Beschränkung auf Produkte, die für den deutschsprachigen Raum relevant sind. Die meisten der ins Deutsche übersetzten Manga sind dem Bereich der so genannten shojo- und shonen-Manga zuzurechnen, d. h. ihr bevorzugtes Zielpublikum sind Mädchen und Jungen (etwa zwischen 8 und 18 Jahren). Damit bleibt ein sehr großer Teil der japanischen Mangakultur hier unbekannt.8

Verschiedene Themenbereiche

Da das Medium Manga sich in vielfältiger Weise präsentiert, ist es nicht möglich, von einem generell zu konstatierenden „Weltbild“ der Mangakultur zu sprechen. Es finden sich jedoch in vielen und gerade den äußerst populären Mangaserien mit ihren komplexen Handlungsabläufen gewisse Muster, die eine zusammenfassende Darstellung erlauben.

Hervorstechendes Merkmal ist der Gedanke einer von verschiedenartigen Geistwesen oder „Energien“ beherrschten irdischen Wirklichkeit, die Teil eines multidimensionalen Universums mit vielen Welten und Ebenen ist. Die Protagonisten sind meist als durchschnittliche Jugendliche mit ihren vielen Alltagsproblemen porträtiert, die im Zuge einer wie auch immer gezeichneten Begegnung mit einem Vermittlerwesen oder durch ein ungewöhnliches Ereignis mit der Tatsache konfrontiert werden, dass sich hinter dieser Realität eine andere auftut. Diese übergeordnete Wirklichkeit ist von einem Antagonismus zwischen Gut und Böse beherrscht, d. h. es wird das Bild eines Kampfes gezeichnet, der meist schon seit ewigen Zeiten andauert und das Schicksal der gesamten Menschheit, wenn nicht des Universums, entscheidet. Die Hauptfiguren werden zu Kämpfern gegen die böse Macht, sie sind dazu durch eine übergeordnete kosmische (gute) Instanz bestimmt bzw. „erwählt“. Zentral ist meist auch der Gedanke einer Erlöserfigur, um deren Rettung oder Hervorrufung sich viele der Kämpfe entwickeln.

Wichtiges Element der Handlung sind die „übernatürlichen“ Kräfte, mit denen die Protagonisten ausgestattet sind und die meist durch bestimmte Gerätschaften oder Gegenstände hervorgerufen werden. Die Hauptfiguren werden durch diese Kräfte über die anderen erhoben, sie laufen aber auch Gefahr, die Kräfte falsch zu gebrauchen oder gar zu missbrauchen. Wichtiger Teil des Handlungsverlaufs ist es meistens, den Umgang damit in Form eines regelrechten Trainings zu erlernen. Die Handlung selbst spielt sich auf mehreren Ebenen ab, beispielsweise auch in einer „Geistwelt“ oder auf anderen Planeten, die Teile eines umfassenden kosmischen Ordnungssystems sind. In Bezug auf die Ausgestaltung des Szenarios sind der Kreativität und Phantasie der Mangaka (Manga-Zeichner) keine Grenzen gesetzt.

Auffällig ist die oft bunte Mischung von Elementen aus unterschiedlichen religiösen oder mythologischen Traditionen.

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Anmerkungen

1 Allgemeine Darstellungen zum Phänomen Manga im deutschsprachigen Raum: Sebastian Keller, Der Manga und seine Szene in Deutschland von den Anfängen in den 1980er Jahren bis zur Gegenwart, Regensburg 2008; Lea Treese, Go East! Zum Boom japanischer Mangas und Animes in Deutschland. Eine Diskursanalyse, Berlin u. a. 2006.
2 Eigenangaben des Carlsen-Verlags in einem Artikel von Andreas Dierks über die Frankfurter Buchmesse 2003 (www.comic.de/buchmesse2003/bericht2.html).
3 Carlsen Comics, Egmont Manga und Anime/EMA, Tokyopop, Planet Manga / Panini Comics und Heine.
4 Vgl. Bastian Knümann, Deutsche Mangabranche boomt weiterhin, in: Handelsblatt vom 5.4.2006 (www.handelsblatt.com).
5 Vgl. Frederik L. Schodt, Dreamland Japan. Writings on Modern Manga, Berkeley 1996, 19-21, mit Angaben zur steten Zunahme der Bedeutung des Mangasegments seit den 80er Jahren. Neuere Zahlen bei Paul Gravett, Manga. Sixty Years of Japanese Comics, London 2004, 10-17.
6 Überblick bei Michelle Bichler, Japanische Zeichentrickserien im deutschen Fernsehen. Der Trend geht in Richtung Ökonomisierung, in: Medien + Erziehung 1/2004, 66-68. Zur hohen Wichtigkeit des Fernsehens für die Entwicklung des Mangas in Deutschland vgl. auch S. Keller, Der Manga und seine Szene in Deutschland, a. a. O., 34-37.
7 Es gibt bislang keine ausführlicheren Auseinandersetzungen mit dem Problemfeld „Religion und Manga“ in nichtjapanischsprachiger Literatur. Einen guten ersten Einblick bietet: Michael Pye / Katja Triplett (unter Mitarbeit von Monika Schrimpf), Streben nach Glück. Schicksalsdeutung und Lebensgestaltung in japanischen Religionen, Berlin 2007, 59ff. Äußerst interessant ist auch der Beitrag von Jolyon Baraka Thomas, Shukyo Asobi and Miyazaki Hayao’s Anime, in: Nova Religio 10, 2007, 73-95, in dem es um die Frage einer in Animefilmen transportierten Religiosität/Spiritualität geht.
8 Eine Ausnahme bildet wohl das statistisch nicht näher erfasste Segment der pornographischen Manga (meist als „Hentai“ bezeichnet), die – in erster Linie in ihren Filmversionen – ebenfalls einen hohen Verbreitungsgrad haben.

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