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Materialdienst 11/2009
Gunther Wenz

Feuerbach, Marx, Nietzsche und Freud

Vier Beispiele radikaler Religionskritik in der Moderne

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Über das Phänomen des neuen Atheismus ist an dieser Stelle ausführlich berichtet worden (MD 1/2008, 3f, 1/2009, 3-16). Dabei stellte sich auch die Frage, inwiefern der „neue“ Atheismus von Richard Dawkins („Der Gotteswahn“), Christopher Hitchens („Der Herr ist kein Hirte“) und anderen an die atheistische Christentumskritik der Neuzeit anknüpft. Der Münchner Systematiker Gunther Wenz skizziert die klassischen Vertreter radikaler Religionskritik und bringt ihre Absichten und Interessen in Erinnerung. Für die Auseinandersetzung mit atheistischen Gegenwartsströmungen ist diese Erinnerung nicht nur naheliegend, sondern unerlässlich, um die Überzeugungskraft atheistischer Argumentationen zu prüfen.


Traditionelle und neuzeitspezifische Religionskritik

Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie; aus Kandidaten des Himmels sollen daher Studenten der Erde werden:2 Was Ludwig Feuerbach (1804-1872) am Ende des deutschen Revolutionsjahrs 1848 in Heidelberg über „Das Wesen der Religion“ vortrug, wurde von vielen als Befreiung und purgatorische Läuterung empfunden. „(K)larer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher“ empfinde er seither alles, schrieb der Schweizer Dichter Gottfried Keller (1819-1890) an einen Freund.3 Ohne das Zwielicht überweltlichen Scheins erstrahle die immanente Welt unendlich viel schöner, und ein befristetes Leben, das von jeder Jenseitshoffnung über die Todesgrenze hinaus Abschied genommen habe, werde ungleich intensiver und inniger erlebt als ein solches, das auf Transzendenz schiele, statt den vergänglichen Tag auszukosten und dem reinen Augenblick zu frönen, dessen raumzeitliche Flüchtigkeit mehr verheiße als alle Ewigkeiten zusammen. „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, / von dem goldnen Überfluß der Welt!“4

In seinem Roman „Der grüne Heinrich“ hat Keller den Eindruck, den Feuerbach auf ihn machte, literarisch reflektiert.5 Der Philosoph tritt mit Vollbart und grünem Jagdkleid in der edlen Gestalt eines Grafen auf – hohe Stirn, freier Blick, naturwüchsig und wild entschlossen, kurzum: das genaue Gegenteil stubenverhockten Zopfgelehrtentums. Genauso war der Heidelberger Feuerbach dem Dichter erschienen, als ein – um mit dem Grünen Heinrich zu reden – uriger Vogel, der „mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt“.6 Heinrich, sein literarischer Schöpfer und mit ihm viele Zeitgenossen und Spätgeborene wurden dadurch an der Religion irre. Feuerbach gilt bis heute als der Religionskritiker schlechthin. Warum? Weil er die Religion nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus kritisierte und sie durch Verständnis ihres Wesens zum Verschwinden bringen wollte.

Lange bevor von Religionskritik explizit die Rede war, lassen sich vielfältige Formen derselben identifizieren, und zwar auch und gerade im Kontext der Religion, zu der die Möglichkeit partiellen oder prinzipiellen Dissenses elementar hinzugehört. Je dezidierter die eigene religiöse Position bestimmt ist, desto deutlicher fallen in der Regel die Abgrenzungen gegen Häretiker und Schismatiker aller Art aus. Insofern ist Religionskritik seit alters ein religionsinternes Phänomen. Sie wird primär im Interesse affirmativer Begründung und Bestätigung wahrer Religion geübt und vollzieht sich auf der ideellen Basis von Unterscheidungen wie etwa derjenigen zwischen Faktizität und Normativität. Die mittelalterliche Religionskritik gehört weithin in diesen Zusammenhang, und auch für die antiken Ansätze, an die im Renaissance-Humanismus angeknüpft werden konnte, trifft zu, dass sie philosophische Kritik der Religion zumeist im Sinne von deren Reinigung z. B. von widervernünftigen Mythologemen oder unstatthaften Anthropomorphismen übten. Dieser Rahmen wird grundsätzlich auch von der Religionskritik der Stoa nicht gesprengt, wenn diese zwischen kontingent erworbenen religiösen Vorstellungen einerseits und einem vernunftfundierten Wesen humaner Religiosität andererseits differenziert.

Im Unterschied zur religionsinternen bzw. auf das reine Wesen der Religion gerichteten Religionskritik von Antike und Mittelalter stellt die neuzeitliche Religionskritik ein Genus eigener Art dar, insofern sie in ihren radikalen Gestalten konsequent darauf abzielt, Religion durch Aufweis ihrer Genese zu destruieren und restlos zum Verschwinden zu bringen. In ihrer radikal-genetischen Form ist Religionskritik ein neuzeitspezifisches Phänomen und eine Erscheinung, die erst in der Moderne offen zutage tritt.

Feuerbachs Projektionsthese

Die entscheidende Pointe der Feuerbachschen Religionskritik besteht in der Annahme, Religion beruhe auf einer Projektion, durch die sich das menschliche Bewusstsein die Unendlichkeit seines eigenen Wesens gegenständlich zur Anschauung bringe. Nicht Gott habe den Menschen, sondern der Mensch habe Gott nach seinem eigenen Bilde erschaffen. In der Schrift über „Das Wesen des Christentums“ von 1841 wird dies im Einzelnen entfaltet, wobei seit der zweiten Auflage von 1843 u. a. Luther als Gewährsmann der Projektionsthese angeführt wird: Habe er doch ausdrücklich den Glauben zum Schöpfer der Gottheit erklärt. Obschon sich auch eine Reihe sonstiger religionskritischer Argumente findet, wie etwa das Anthropomorphismus-Argument bzw. die überkommene – im 19. Jahrhundert namentlich durch das sog. Dreistadiengesetz Auguste Comtes revitalisierte – Annahme, die Religion sei dem Kindheitsstadium der Menschheitsgeschichte zuzurechnen, bleibt die Grundannahme Feuerbachscher Religionskritik stets die gleiche: In der Religion wird dem menschlichen Bewusstsein die eigene Unendlichkeit vorstellig, wobei als Subjekt unendlichen Bewusstseins nicht der Einzelmensch, sondern die Menschheitsgattung zu gelten hat. Der Mensch, der sich nach Feuerbach im religiösen Verhältnis lediglich zu sich selbst verhält, verhält sich demnach im Bewusstsein der Religion zu sich selbst nicht qua Individuum, sondern qua Gattungswesen. Wo das menschliche Wesen der Gattung als Wahrheit der Religion erkannt wird, löst sich deren falscher Schein, das irdische Menschenwesen als transzendente Gottheit zu betrachten, von selbst auf.

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Anmerkungen

1 Hierbei handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrags, der im Rahmen des Curriculums Religions- und Weltanschauungsfragen der EZW am 15.9.2009 in Berlin gehalten wurde.
2 Vgl. Ludwig Feuerbach, Sämtliche Werke, hg. von Wilhelm Bolin / Friedrich Jodl, Bd. VI: Das Wesen des Christentums, Stuttgart 1960, 325.
3 Brief an Wilhelm Baumgartner vom Winter 1849, in: Gottfried Keller, Gesammelte Briefe. In vier Bänden hg. von Carl Helbling, Bd. I, Bern 1950, 275.
4 „Abendlied“ (1879), in: Gottfried Keller, Sämtliche Werke in sieben Bänden, Bd. I: Gedichte, hg. von Kai Kauffmann, Frankfurt a. M. 1995, 407.
5 Vgl. Gunther Wenz, Der Himmel auf Erden. Gottfried Keller als literarischer Adept Feuerbachscher Religionskritik, in: Jan Rohls / Gunther Wenz (Hg.), Protestantismus und deutsche Literatur, Göttingen 2004, 197-214.
6 Gottfried Keller, Sämtliche Werke in sieben Bänden, Bd. II: Der grüne Heinrich. Erste Fassung, hg. von Thomas Böning / Gerhard Kaiser, Frankfurt a. M. 1985, 850.

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