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Materialdienst 2/2009
Rainer Waßner

Jugend und Religion

Eine Bestandsaufnahme aus religionssoziologischer Sicht

Welche Rolle spielen heute Religion und Kirchen für die Jugend? Auf diese Frage geben die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen des letzten Jahrzehnts zwar keine ganz eindeutige Antwort. Zu vielfältig sind ihre Forschungsabsichten und Problemstellungen, die eingesetzten Erhebungsmethoden, die leitenden theoretischen Muster, die Auswahl der Altersgruppen und Probanden, die Interpretationsschemata. Ein ungefähres Bild der aktuellen Situation kann man sich gleichwohl machen.

Sinn ja, Religion weniger, Kirche am wenigsten

Einen guten Einstieg bietet die Untersuchung von Ziebertz u. a.1 Sie ist international angelegt, methodisch durchdacht, ohne den Anspruch, statistisch repräsentativ zu sein. Die Altersspanne reicht von 14 bis 18 Jahren. Die Blickrichtung der Autoren ist pädagogisch: Wie kann man sich einen Religionsunterricht vorstellen, der die Jugendlichen trotz der bekannten Schwierigkeiten mit dem Christentum vertrauter macht? Man müsse sie, so die Überzeugung, bei ihren Bedürfnislagen und ihrem Verständnis von sich und ihrer Mitwelt und Umwelt abholen, statt ihnen, meist erfolglos, eine zunächst fremde Unterrichtsmaterie aufzupfropfen. Als theoretischer Bezugsrahmen dient dazu der strukturelle Wandel in den Beziehungen von Religion und Gesellschaft. Herausgekommen sind keine spektakulären, dafür plausible Ergebnisse. Religion rückt nicht mehr ins generelle Feindbild ein (wie noch bei den 68ern und ihren Zöglingen). Skepsis und Distanz, mitunter Desinteresse an ihr kennzeichnen zwar die Einstellungen, doch gehört Religion allseits zu den akzeptierten Bestandteilen einer pluralistischen Gesellschaft.

Schwieriger gestaltet sich das Verhältnis zur Kirche, die weithin als verkrustet gilt. Die Autoren definieren abschließend eine Typologie des Abstandes zu ihr, die von Ablehnung bis zu Sympathiewerten reicht. Eine totale Ausrichtung auf Kirche hat Seltenheitswert – wie allgemein in der Gesellschaft, wäre hinzuzufügen: Ein Aufgehen mit Haut und Haaren in einer Institution, einer Organisation oder einer Lehre praktiziert nur eine sehr kleine Minderheit. Der Zugriff auf Religion geschieht nur noch punktuell, fragmentarisch und instrumentell: Was bringt sie mir in einer bestimmten Konstellation? Kompakte Weltanschauung ist out, deren Kohärenz unerheblich. Ein Verständnis von Religion, das andere Religionen nicht ausschließt, bedeutet aber nicht automatisch Dialogbereitschaft. Jeder Jugendliche besteht eher auf „seiner“ Religiosität. Der Anspruch auf Autonomie, Individualität, Subjektivität dominiert alle Facetten der Untersuchung, auch in den durchaus vorhandenen Gottesvorstellungen, die dennoch nicht völlig willkürlichen Linien folgen, sondern an Überliefertes anknüpfen. Auffällig sind die hohen Zustimmungswerte zur rituellen Feier der Lebenswenden (Taufe, Hochzeit, Beerdigung) bei nahezu allen ermittelten Typen.

Ein Werteverfall ist also per se nicht auszumachen. Die Religion ist nur zu einer Orientierungsquelle unter vielen geworden. Wer sie bejaht, pflegt dann sichtlich eine sozial verträgliche Selbstverwirklichung, die bei den „Areligiösen“ – jedenfalls in der Untersuchung – nicht anzutreffen war.

Ich möchte noch einen Punkt unterstreichen. Die Interviewer bemängeln ein Unvermögen, mit metaphorischer Sprache umzugehen. Mit anderen Worten, die Jugendlichen sind sich eines „religiösen“ Problems nicht bewusst, weil sie es gar nicht auf den Begriff bringen können. Entsprechend merkwürdig wirkt die Bibel auf sie. Die Autoren führen dies auf den Einfluss der naturwissenschaftlichen Fächer zurück, in denen das Kausalitätsdenken waltet. Meines Erachtens greift das zu kurz. Generell ist unsere Zivilisation dabei, die sprachliche Tuchfühlung zu einer letzten Realität einzubüßen. Man bewegt sich, bildlich gesprochen, nur in der Horizontale von Raum, Zeit und Kausalität; die Vertikale hingegen bleibt kategorial unzugänglich. Als ehemaliger Hochschuldozent (für Religionssoziologie) kann ich ein Lied davon singen. Es ist ein kulturelles Defizit, um das es hier geht und das jede Vermittlung, nicht nur bei Jugendlichen, erschwert.

Misstrauen gegenüber Kirchen und Politik

Die erste Adresse für jugendsoziologische Untersuchungen ist seit 1953 die sog. Shell-Jugendstudie. 2006 ist sie zum 15. Mal durchgeführt worden und widmet sich diesmal auch dem Verhältnis von Jugend und Religion – im Rahmen der allgemeinen Fragestellung nach Werten und Einstellungen.2 In der repräsentativen Stichprobe von 2500 Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren und den qualitativen Interviews3 wird eine Generation sichtbar, die trotz gestiegener Lebensrisiken noch optimistisch, aber ganz pragmatisch auf ihre heutigen Probleme und Herausforderungen reagiert. Allgemeine Gesellschaftsveränderung ist kein Thema mehr. Auch beim weiblichen Teil hat das Prinzip „Aufstieg“ das Prinzip „Ausstieg“ endgültig abgelöst. Eine weit verbreitete Skepsis gegenüber Organisationen und Institutionen drückt sich sinnfällig in einem Satz der Zusammenfassung aus, in dem es heißt: „mäßig ist das Vertrauen in die Bundesregierung und in die Kirchen“4. Das mangelnde Vertrauen in die Kirchen wird aber noch vom Misstrauen gegenüber Unternehmerverbänden und Parteien getoppt. – Im Wertesystem der Jugendlichen spielt die Religion eine Randrolle.

Der religionsbezogene Teil5 beginnt nach dem Gesagten mit einer Überraschung. Fast drei Viertel der Jugendlichen (im Westen 80 Prozent) stehen der Kirche an sich wohlwollend gegenüber, sind formell konfessionsgebunden (inkl. fünf Prozent Muslime), im Osten sind umgekehrt 80 Prozent konfessionslos. Das könnte, meint der Autor Thomas Gensicke, „in den noch stärker kirchlich-religiös geprägten alten Bundesländern dazu führen ..., dass [glaubensferne] Jugendliche in eine gewisse Opposition zur herrschenden Leitkultur geraten“6. Erstaunliche Feststellungen für eine angeblich säkulare Gesellschaft! Doch handelt es sich nur um eine positive, keine intensive Beziehung. Dem Autor geht es um „Religiosität“, soweit sie aus den Antworten der Jugendlichen ablesbar ist. Indikator ist ihm die Frage nach dem „Glauben“ an einen „persönlichen Gott“ oder „überirdische Mächte“, wobei nach meinem Eindruck Glaube semantisch (wie überhaupt immer üblicher) an „Meinen“ im Sinne einer Wahrscheinlichkeit heranrückt – so wie man z. B. fragt: „Glauben Sie, dass die Klimakatastrophe noch abwendbar ist?“ Wer von den Befragten nun für die „Überirdischen“ (Schicksal, Vorbestimmung, Engel, Satan, Sterne, Geister) stimmte, erhielt das Etikett einer „Para-Religiosität“ mit Tendenz zum „Aberglauben“. Der Alternative Glaube an einen „persönlichen Gott“ oder „übersinnliche Mächte“ ist etwa die Hälfte des Samples zuzuordnen, die andere Hälfte bilden „Glaubensunsichere“ und „Glaubensferne.“

„Hat Gott die Welt geschaffen, greift er in die Welt ein, müssen wir uns nach dem Tode rechtfertigen?“ Die nicht durchgehenden Bejahungen auf diese Fragen bei den etwa 30 Prozent der Jugendlichen, die an Gott glauben, sollen die große Distanz zur Kirchenprogrammatik belegen sowie den „tiefen Graben der institutionalisierten Religion zum Wertesystem der großen Mehrheit der Jugendlichen“7; „von einem wirklichen moralischen Einfluss der Kirchen auf die Jugendlichen sind diese, zumindest im Sinne ihrer religiösen Lehren, auch heute weit entfernt“8. Als gäbe es ein Depot feststehender Lehrsätze, einen klar definierten Katechismus, von dessen Aussagen abzuweichen für Kirchendistanz spräche! Damit will ich die jugendliche Skepsis nicht wegreden – im Gegenteil. Die Kirche müsse sich ändern, sie habe keine Zukunft, treffe nicht ihre Probleme, das sind schwerwiegende Vorwürfe der Jugendlichen. Für Gensicke ist die Folgerung recht einfach und bedarf keiner Erläuterung: Es liegt an der Kirche. Der naheliegende Vergleich mit dem politischen System unterbleibt leider.

Die Zahlen spiegeln eine religiöse Dreiteilung Deutschlands wider (nicht nur bei Jugendlichen, ist anzunehmen): „Religion light“ im Westen, „ungläubiger Osten“ und „echte Religiosität“ bei den Migranten – Christen eingeschlossen. Mit anderen Worten: leichte Bindung, keine Bindung und starke Bindung an ein religiöses Wertesystem. Die Unterschiede schließen keinesfalls Gemeinsamkeiten in anderen Wertkomplexen aus, z. B. in puncto Materialismus und Hedonismus. Im konkreten Lebensvollzug, hieße das, schrumpfen die ideellen Differenzen wieder zusammen.

Unverändert stark bleibt die Weichenstellerfunktion der Eltern im religiösen Sozialisationsprozess. Gerade der Osten Deutschlands bestätigt das in umgekehrter Richtung. Die nicht-christliche Haltung bei den Probanden beginnt hier schon in der Elterngeneration. Wie auch in der Ziebertz-Untersuchung deutlich wird, werden vor allem rituelle und soziale Leistungen der Kirche geschätzt und genutzt. Sie bleiben selbst in der Krise die Schnittstellen zwischen ihr und ihrem Umfeld.

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Anmerkungen

1 Hans-Georg Ziebertz / Boris Kalbheim / Ulrich Riegel / Andreas Prokopf, Religiöse Signaturen heute. Ein religionspädagogischer Beitrag zur empirischen Jugendforschung, Gütersloh 2003. Die Daten stammen aus dem Jahr 2000. Die ausländischen Regionen sind die Steiermark, Wales und Mittelholland, die deutschen Teilnehmer kamen aus einer 9. Gymnasialklasse in Unterfranken. Keiner der Teilnehmer gehörte einer nichtchristlichen Religion an.
2 Shell Deutschland Holding (Hg.), Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck, Bonn 2006.
3 Quantitativ-statistische Methoden der Sozialforschung stehen dem naturwissenschaftlichen Modell des Erklärens nahe, qualitative Methoden dem hermeneutischen Modell des Verstehens. Beide Verfahren werden ergänzend eingesetzt.
4 Shell Deutschland Holding (Hg.), Jugend 2006, 19.
5 Ebd., 203-240.
6 Ebd., 238.
7 Ebd., 218.
8 Ebd., 221.

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