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Materialdienst 2/2009
Islam

Antisemitismus - Islamfeindlichkeit - Islamophobie

Eine Tagung des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin am 8.12.2008 hat gezeigt, wie tiefgreifend die Differenzen in der Beurteilung des Verhältnisses und der Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind. Schon im Vorfeld wurde Wolfgang Benz, renommierter Leiter des ZfA, in den Medien teilweise vehement attackiert; hier werde Antisemitismus relativiert und (berechtigte) Islamkritik nivelliert. Die Themenstellung „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ ließ einerseits offen, ob und inwiefern der Gedankenstrich ein Binde- oder ein Trennungsstrich sei, andererseits stimulierte sie eine Diskussion, die dringend zu führen ist. Das Programm vermied zwar den ebenso umstrittenen wie polarisierenden Begriff „Islamophobie“, doch ist er nicht nur Thema im aktuellen 17. Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2008, sondern war auch auf der Tagung präsent als Bezeichnung für antiislamische, rassistische Ressentiments gegen „die Muslime“, die seit 2001 Konjunktur haben und sich spätestens seit dem Mord an dem niederländischen Künstler Theo van Gogh im November 2004 aus dem Spektrum der allgemeineren Fremdenfeindlichkeit gelöst und auf den Islam fixiert haben.

Der Ausdruck Islamophobie wurde 1996 in Großbritannien durch eine selbst ernannte „Kommission für britische Muslime und Islamophobie“ lanciert. Er steht in Anlehnung an Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit) und analoge Wortbildungen für generelle ablehnende Einstellungen gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islam und wird als „rassistisches Instrument des westlichen Imperialismus“ charakterisiert. Der immer häufigere Gebrauch des Begriffs, auch im wissenschaftlichen Kontext, scheint diesen zwar allgemein salonfähig zu machen, kann jedoch über seine polemische Instrumentalisierung ebenso wenig hinwegtäuschen wie darüber, dass sein Anwendungsbereich bisher nur höchst unbefriedigend geklärt ist. Ekmeleddin Ihsanoglu, Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), konnte in der englischsprachigen türkischen Tageszeitung „Today’s Zaman“ behaupten, Islamophobie sei quer durch die europäische Gesellschaft akzeptiert und werde extrem und unverhohlen geäußert, ihre Dimensionen erreichten diejenigen des Antisemitismus der 1930er Jahre.

Kritiker der Konferenz hoben die tiefgreifenden historischen, weltanschaulichen und realpolitischen Unterschiede zwischen Antisemitismus und Rassismus gegen Muslime hervor und betonten, dass eine Gleichsetzung die islamisch motivierte Judenfeindlichkeit wie auch die gerade neuerdings unverhohlen geäußerten Vernichtungsdrohungen gegen Israel nivelliere und verharmlose. Die Befürworter verwiesen demgegenüber auf die paradigmatische Funktion der Vorurteilsforschung, die auf die Mechanismen der Ausgrenzung durch Vorurteile und Feindbilder ausgerichtet sei und durchaus Parallelen in Antisemitismus und Islamfeindlichkeit erkennen ließe. Um eine Gleichsetzung solle und könne es nicht gehen, so die Veranstalter. Dennoch wurde die Tagung dezidiert als Schritt zur Gleichstellung gesehen und dies auch in Referaten zum Ausdruck gebracht.

Dabei wurde der sozial- und politikwissenschaftliche Zugang ausdrücklich unter Ausblendung der religionsbezogenen Aspekte favorisiert. So wird dann nicht von einem „islamischen“ (oder auch islamistischen), sondern von einem „islamisierten Antisemitismus“ gesprochen, der damit als europäisches Phänomen, gleichsam als Missions- und Handelsexport behandelt wird, ohne die religiösen Wurzeln zu thematisieren. Auch der Begriff der Islamophobie wird auf diese Weise problematisch, weil er die unerlässliche Unterscheidung rassistisch motivierter Diskriminierung von Muslimen von der notwendigen Kritik an islamistischen Tendenzen unterläuft, wenn nicht gar verhindert.

Wie folgenreich eine einseitige Einschätzung ist, führt die teilweise mit breiter bürgerlicher Unterstützung vorgetragene antisemitische Propaganda in verschiedenen europäischen Metropolen vor dem Hintergrund der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen seit dem 27.12.2008 erneut vor Augen. In diesem Zusammenhang stellt Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs, in einem Interview fest: „Antisemitismus kennen wir im Mittleren Osten überhaupt nicht“ – und spricht fast im selben Atemzug von der Vernichtung Israels als „Utopie“. Zumal in der Perspektive solcher Entwicklungen wird auch von akademischer Seite erhöhte Wachsamkeit und Kritikfähigkeit gefordert sein. Die von muslimischer Seite auf internationaler Ebene vorangetriebene Parallelisierung von Islamophobie und Antisemitismus sollte sich jedenfalls nicht wohlfeiler wissenschaftlicher Unterstützung rühmen können.

Friedmann Eißler

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