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Materialdienst 2/2009
Harald Lamprecht

Christlicher Schöpfungsglaube zwischen Anti-Evolutionismus und "neuem" Atheismus

Ein Tagungsbericht

Der Kampf um die Weltdeutung ist neu entbrannt. Konnte man eine Zeit lang meinen, die Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaft um die Weltentstehung sei im Wesentlichen überwunden und beide hätten ihre Gebietsansprüche friedlich untereinander aufgeteilt, so kann man in jüngster Zeit ein neues, heftiges Aufflammen der Kämpfe beobachten. Guerillakämpfer auf beiden Seiten preschen vor. Sie wollen die ausgehandelte Gebietsaufteilung offenbar nicht akzeptieren und dringen immer wieder in fremde Bereiche vor.

Auf der einen Seite stehen die Vertreter des Kreationismus, die den ersten biblischen Schöpfungsbericht als eine naturwissenschaftlich exakte Darstellung ansehen und die Evolutionstheorie bekämpfen. Der biblische Text enthält für sie eine genaue Beschreibung der historischen Entwicklung, die sie auch mit naturwissenschaftlichen Methoden belegen wollen. Es wird versucht, „biblische Schöpfungslehre“ als „Alternative“ zur Evolutionstheorie mit im Lehrplan des Biologieunterrichts unterzubringen.

Auf der anderen Seite steht der so genannte „neue“ Atheismus, der im Unterschied zum „alten“ Atheismus weniger philosophisch geprägt ist, sondern mit einer starken Inanspruchnahme der Naturwissenschaften, vor allem der Biologie, die Existenz Gottes bestreitet. Vertreter dieser Richtung wie z. B. Richard Dawkins mit seinem Buch „Der Gotteswahn“ bleiben nicht bei naturwissenschaftlich beschriebenen Zusammenhängen stehen, sondern schlussfolgern daraus die Nichtexistenz Gottes.

Vertreter beider Richtungen kamen zu einer ökumenischen Tagung für Weltanschauungsbeauftragte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, die vom 22. bis 24. September 2008 in Nürnberg stattfand.

Trostloser Atheismus aus intellektueller Redlichkeit

Joachim Kahl aus Marburg referierte über den „neuen“ Atheismus aus der Sicht des „alten“. Obwohl er sich selbst als Vertreter eines „weltlichen Humanismus“ (entsprechend lautet der Titel seines neuesten Buches) versteht, lieferte er eine vernichtende Kritik zu Dawkins „Gotteswahn“. Kahl charakterisierte Dawkins als Beispiel für „intellektuellen Caesarenwahn“, der durch triumphalistische Selbstüberschätzung und Realitiätsblindheit geprägt sei. Seine Illusion einer von Anfang an religionslosen Welt sei von Feuerbachschen Prämissen her als ahistorisch zu entlarven. Sein Unfehlbarkeitsdünkel übertreffe den des Papstes bei weitem, denn während der Papst ihn auf seltene ex-cathedra-Entscheidungen begrenze, immunisiere sich Dawkins systematisch gegen Kritik von religiöser Seite, die aus seiner Sicht nur von Dummheit zeugen könne. Ausdrücklich gutgeheißen wurde von Kahl jedoch das Anliegen eines Grundrechts von Kindern auf positive und negative Religionsfreiheit. Demnach gebe es keine christlichen oder muslimischen Kinder, sondern nur Kinder christlicher oder muslimischer Eltern. Gleiches gelte natürlich auch für Atheisten, auch diese hätten nur Kinder atheistischer Eltern.

In einem zweiten Teil entfaltete Kahl sein Verständnis des Atheismus, den er als eine metaphysische Hypothese betrachtet, die von einem innerweltlichen Standpunkt aus formuliert wird. Die beiden Säulen, auf denen sein Atheismuskonzept ruht, lauten: 1. Es gibt keinen Gott, der die Welt erschaffen hat. Die Welt ist keine Schöpfung, sondern unerschaffen und unerschaffbar.2. Es gibt keinen Gott, der Tiere und Menschen aus ihren Leiden erlöst. Die Welt ist unerlöst und unerlösbar. Die Theodizeefrage wird zum Schlüssel der Begründung des Atheismus: Das Leid in der Welt verbiete die Annahme eines guten und allmächtigen Gottes. Jede erträumte Erlösung komme immer zu spät, meinte Kahl, denn keine spätere Erlösung könne das geschehene Leid zurücknehmen. Die Unumkehrbarkeit der Zeit spreche gegen die Existenz Gottes. Durch die Leugnung der Schöpfung tritt in Kahls Argumentation die Welt selbst an die Stelle Gottes, die dann einige der philosophischen Gottesattribute erbt (ewig, erste Ursache). Als praktische Konsequenz präsentierte Kahl sein Konzept einer „weltlich-humanistischen Spiritualität“ als Alternative zur Religion. Dazu gehöre, dass durchaus auch meditative Formen (Kerzenlicht, Wohlgeruch, Rotwein, Lyrik, Fasten, Yoga, Meditation) Anwendung finden, die aber dennoch mit „taghellem Bewusstsein und intellektueller Klarheit“ benutzt werden könnten.

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