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Materialdienst 2/2009
Stefanie Schwarz

Die Jesus Freaks - eine religiöse Jugendkultur

Jugend und Religion – heute ein Widerspruch?

Die derzeitige religiöse Kultur in Deutschland ist sehr vielseitig und ausgeprägt. Die Menschen sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach spirituellen Erfahrungen, dabei steigt die Nachfrage nach Religion. Wenn man den Blickwinkel verändert, könnte man also sagen, dass nicht die Religion, sondern die organisierte Religion nicht mehr gefragt ist. Jeder möchte frei entscheiden, was gut für ihn selbst ist und seine eigene Wahrheit finden, mit der er glücklich ist. Diese Individualisierung der Religion ist ein Phänomen, das traditionelle Sozialformen der Religion an Bedeutung verlieren lässt.1

In Jugendszenen findet man diese Loslösung von organisierter Religion hin zu einer Begegnungsmöglichkeit mit Gott. Obwohl jeder „seine“ Religion finden möchte, sind Jugendliche auf der Suche nach sozialer Verortung und Erfahrung von Geborgenheit, Gewissheit und Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Die Szene schafft es Orientierung zu geben, sie schafft eine „Gegenwelt“ zur Rationalität der Realität und zur institutionellen Religion, eine Welt, in der Transzendenz und Gemeinschaftsgefühl religiöses Erleben bieten.2

Die Jesus Freaks sind eine Jugendkultur, die diese postmoderne Richtung aufgreift und die Erfahrung mit Gott radikal in den Mittelpunkt stellt. Aktiv gelebter Glaube, individuelles Erleben und Erfahren von Gott in der Gruppe sind für die Jesus Freaks zur Basis ihrer Religiosität geworden.3 Sie sind ein Beispiel dafür, dass sich die „,Wiederkehr’ von Religiosität und Religion keineswegs nur außerhalb christlich-religiöser Orientierungen zeigt“4.

Wer sind die Jesus Freaks und wie verstehen sie sich selbst?

Ein Jesus Freak versteht sich als jemand, der „verrückt“ nach Jesus ist, eine Beziehung mit ihm führt, d. h. mit ganzem Herzen mit ihm lebt. Dabei ist es völlig egal, wo man herkommt und wie man aussieht, denn bei Gott ist jeder Mensch willkommen. Es ist eine Herzenssache, eine innere Angelegenheit, die mit Äußerlichkeiten nichts zu tun hat.5

Als sich 1991 drei Jugendliche, darunter Martin Dreyer, in einem Wohnzimmer in Hamburg trafen, weil sie „Bock“ auf Jesus hatten, dachten sie noch nicht daran, dass aus diesen Treffen innerhalb kurzer Zeit eine Bewegung werden würde. Sie hatten die Nase voll von bürgerlicher Kirchlichkeit, die für Leute wie sie, Punks mit abgewetzten Klamotten, Alkohol- und Drogenproblemen, nichts als missbilligende Blicke übrig hatte. Was mit drei Leuten begann, wuchs von 1991 bis 1993 auf über 250 Leute an und ging schnell über die Grenzen Hamburgs hinaus. In mehreren Städten gründeten sich Jesus-Freak-Gruppen, die Anziehungspunkt für „Christen, Atheisten, Buddhisten, Nihilisten, Punks, Schlicker, Hippies, Normalos, Drogies“6 wurden. Eine Art Gemeinde entsteht, in der getauft und getraut wird und in der viele Jugendliche zum Glauben an Jesus kommen.7

1994/95 gründete sich der Verein „Jesus Freaks International“ und wird zum Dachverband der Bewegung. Der „Ä-Kreis“8 hat die Leitung und wird durch den Vorstand kontrolliert. Die Missionsgesellschaft der Jesus Freaks International „World Wide Pizza Service“ sendet ausgebildete Mitarbeiter in den Dienst für Jesus. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 100 Gruppen mit ca. 5000 Jesus Freaks. Die Gemeinden sind netzwerkartig miteinander verbunden. Freundesbriefe informieren über aktuelle Entwicklungen und verbinden die Freaks, die beim jährlichen „Freakstock“ auf dem Boxberg bei Gotha zusammenkommen. Fast jede Freakgruppe hat eine Homepage, so dass man Jesus Freaks in seiner Nähe schnell finden kann.9 Das Internet ist das wichtigste Kommunikationsmittel. Die Seiten der lokalen Gruppen, Blogs von Jesus Freaks, der „Freakstyle-Shop“ oder die Website der Jesus Freaks International präsentieren die Bewegung und dienen dem Austausch.10

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Anmerkungen

1 Vgl. W. Gebhardt, Jugendkultur und Religion, 7ff.
2 Vgl. ebd., 15ff.
3 Vgl. K. Farin, Freaks für Jesus, 10.
4 R. Hempelmann, „Jesus sitzt im Chefsessel“, 29.
5 Vgl. dc Talk / The Voice of the Martyrs (Hg.), Jesus Freaks, 9ff.
6 R. Hempelmann, „Jesus sitzt im Chefsessel“, 29.
7 www.Jesusfreak.de, Unsere Geschichte.
8 „Ä“ steht für Älteste oder auch Ärsche, wie die Jesus Freaks sie selbstironisch nennen.
9 Vgl. R. Hempelmann, „Jesus sitzt im Chefsessel“, 30.
10 www.religionswelten.de, Kommunikationswege.

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