publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 7/2009
Stefanie Pfister

Messianische Juden

Zur gegenwärtigen messianisch-jüdischen Bewegung in Deutschland

In bestimmter Hinsicht ist das Phänomen „Messianische Juden“ keineswegs neu. So heißt es in der EKD-Studie „Christen und Juden III“: „Seit den Anfängen der christlichen Kirche hat es immer wieder Juden gegeben, die sich dem Glauben an Jesus geöffnet haben und sich taufen ließen. Die Urgemeinde in Jerusalem bestand ausschließlich aus solchen, die anfängliche Ausbreitung des christlichen Glaubens im Lande Israel geschah gleichfalls unter ihnen.“ Andererseits hält die Studie fest: „Der religiöse Status der Messianischen Juden und ihrer Gemeinden ist weithin ungeklärt. Von Seiten der klassischen christlichen Kirchen und Konfessionen werden sie meist nicht wahrgenommen ... Von den jüdischen Autoritäten werden sie nicht als Juden anerkannt, sie gelten höchstens als abtrünnige Juden. In das christlich-jüdische Gespräch sind die Messianischen Juden infolgedessen in der Regel nicht einbezogen. Die Messianischen Juden selbst betonen jedoch, wenn auch in unterschiedlicher Akzentuierung und Intensität, dass sie sich dem jüdischen Volk zugehörig fühlen und sich zugleich als Teil der Gemeinschaft aller Christusgläubigen sehen“ (Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum. Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2000, 62 und 64-65).

Im Folgenden berichtet Stefanie Pfister, Autorin einer jüngst veröffentlichten Dissertation zum Thema (s. Anm. 1), über Formen messianisch-jüdischen Lebens in Deutschland. Über dieses Phänomen wird es auch in Zukunft kontroverse Debatten geben. Dennoch gilt es von einer eigenständigen religiösen Bewegung gleichsam zwischen Judentum und Christentum Kenntnis zu nehmen, die sich in dem genannten Spannungsfeld entwickelt hat und in den letzten Jahren gewachsen ist.


1

Messianische Juden glauben an Jesus als den Messias Israels. Sie haben sich seit 1995 als feste Bewegung im deutschen Raum etabliert und treffen sich in knapp 40 Gemeinden und Gruppen mit etwa 1000 regelmäßigen Besuchern, so dass der renommierte Experte für den jüdisch-christlichen Dialog, Hans Hermann Henrix, 2007 von einer „überraschenden Wirklichkeit des gegenwärtigen messianischen Judentums“2 sprach.

Historische Spuren

Die ersten Christen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels sei. Sie taten dies als innerjüdische Gruppe und lebten weiter im jüdisch-religiösen Kontext. Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde. Verschiedene Faktoren wie die Aufnahme der (unbeschnittenen) Heidenchristen, neue religiöse Riten und die Distanz der Judenchristen zu den jüdischen Freiheitskämpfen führten zu Trennungsprozessen zwischen den Judenchristen und der jüdischen Gemeinschaft.

Da sich die heidenchristliche Kirche ab dem frühen 2. Jahrhundert aufgrund der aufkommenden Substitutionstheologie selbst als das wahre Israel betrachtete, verwehrte sie es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten. Das führte dazu, dass die Judenchristen als eigenständige Gruppierung „verschwanden“. Dennoch konnten sie bis ins 5. Jahrhundert und in einigen Kirchen sogar darüber hinaus religiöse „Spuren“ wie Bräuche oder Symbole hinterlassen. In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden erlitten Verfolgungen und Pogrome, und somit gab es lange keine judenchristliche Bewegung mehr.

Puritaner und die Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert interessierten sich besonders für das Judentum und suchten das Gespräch mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit, und es entstanden die Pfingst-, die charismatische und die evangelikale Bewegung. Die Erweckungsbewegung förderte das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals seit Jahrhunderten Juden wieder freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, dabei aber in die jeweiligen Kirchen aufgenommen wurden und dort blieben. Manche judenchristlichen Gruppierungen waren nur von kurzer Dauer. Erst im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich die an Jesus Christus glaubenden Juden, die sich nun „Hebräische Christen“ nannten, zu Verbindungen zusammen. Die bedeutendsten waren die „Hebrew Christian Union“ (HCU, 1865 entstanden) und die „Hebrew Christian Alliance of America“ (HCAA, 1915 entstanden). Die HCAA wurde später Teil der 1925 gegründeten „International Hebrew Christian Alliance“ (IHCA), deren erster Vorsitzender Leon Levinson wurde. Dieses internationale Netzwerk vereinigte erstmals die bis dahin gegründeten nationalen Allianzen in Europa und Amerika.

Innerhalb der hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich zu Beginn der 1970er Jahre einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Angeregt durch die amerikanischen evangelikal-charismatischen Aufbruchsbewegungen und durch ein neues jüdisches Identitätsbewusstsein entstand 1975 auf einer hebräisch-christlichen Konferenz in Amerika die Bewegung messianischer Juden. Seitdem nennen sich die Verbindungen messianisch-jüdische Allianzen.

Messianische Juden weltweit und in Deutschland

Mittlerweile hat sich das messianische Judentum weltweit verbreitet, wobei sich die stark divergierenden Schätzungen auf 50000 bis 332000 messianische Juden in 165 bis 400 Gemeinden belaufen.3 In den Vereinigten Staaten lebt die größte Zahl messianischer Juden (40000 bis 60000).4 Die Gottesdienstformen amerikanischer messianischer Gemeinden enthalten viele jüdische Elemente, obwohl über die Hälfte der Besucher Nichtjuden sind. Für Israel geben B. Skjøtt und K. Kjær-Hansen 1999 eine Zahl von knapp 5000 messianischen Juden an.5 Das messianische Judentum in Israel ist durch eine außerordentlich große sprachliche und kulturelle Vielfalt gekennzeichnet, und messianische Juden müssen ihre jüdische Identität weniger rechtfertigen als anderswo, da ihnen diese weniger abgesprochen wird. Die messianisch-jüdische Bewegung in den GUS-Staaten ist noch sehr jung, da sie mithilfe verschiedener evangelikaler Werke nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstanden ist. Die Theologie der Gemeinden in Israel, den USA und den GUS-Staaten wird meist als evangelikal bezeichnet.6

In Deutschland führte der Zweite Weltkrieg zu einem kompletten Abbruch nicht nur jüdischen Lebens, sondern auch der judenchristlichen Bewegung, so dass es bis Mitte der 1990er Jahre keine hebräisch-christliche bzw. messianisch-jüdische Bewegung in Deutschland gab. Ohne die Einwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion im Rahmen des Kontingentflüchtlingsgesetzes wäre es weder zu einer Wiederbelebung jüdischer Gemeinden noch zu der Entwicklung einer aktiven messianisch-jüdischen Bewegung gekommen. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wanderten zwischen 1993 und 2006 insgesamt 198189 jüdische Zuwanderer ein7, die von mindestens einem jüdischen Elternteil abstammen. Jüdische Gemeinden in Deutschland erkennen allerdings die patrilineare Weitergabe der jüdischen Identität nicht an, da laut traditionell-halachischer Definition nur die Personen Juden sind, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden oder zum Judentum konvertierten. Dadurch wird vielen Zuwanderern die Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde erschwert. Angesichts sprachlicher und kultureller Unterschiede sowie religiöser Unkenntnis der Zuwanderer stehen die jüdischen Gemeinden bis heute vor enormen Herausforderungen der Integration.8 Von den Einwanderern war bis Ende 2006 erst knapp die Hälfte Mitglied in einer jüdischen Gemeinde geworden (99671 von insgesamt 107794 Mitgliedern).9

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vgl. auch Stefanie Pfister, The Present Messianic Jewish Movement in Germany, in: Mishkan 58 (2009), 6-20; dies., Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik Bd. 3, Münster 2008.
2 Hans Hermann Henrix, Schweigen im Angesicht Israels? Zum Ort des Jüdischen in der ökumenischen Theologie, in: Salzburger Ringvorlesung, Salzburg 2007.
3 Die verschiedenen Schätzungen sind zusammengefasst in S. Pfister, Messianische Juden, a.a.O., 93.
4 Vgl. Tuvya Zaretsky, Das Evangelium – auch für Juden. Impulse aus der messianischen Bewegung, Basel / Gießen 2006, 41.
5 Vgl. Kai Kjær-Hansen / Bodil Skjøtt (Hg.), Facts & Myths about the Messianic Congregations in Israel, Jerusalem 1999, 18, 70, 72.
6 Vgl. Kai Kjær-Hansen / Ole Kvarme, Messianische Juden. Judenchristen in Israel, Erlangen 1983; K. Kjær-Hansen / B. Skjøtt (Hg.), Facts & Myths, a.a.O.; Daniel Cohn-Sherbok, Messianic Judaism, London / New York 2000; zusammengefasst in: S. Pfister, Messianische Juden, a.a.O., 76-97.
7 Mit Aufnahmezusagen von 1991 und 1992: max. 226 651, inklusive Familienangehörige; Jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, in: Bundesministerium des Innern / Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.), Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung, Berlin 2007, 83-87.
8 Vgl. Karen Körber, Juden, Russen, Emigranten. Identitätskonflikte jüdischer Einwanderer in einer ostdeutschen Stadt, Frankfurt a. M. 2005; Judith Kessler, Jüdische Migration aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990, www.berlin-judentum.de/gemeinde/migration.html, Abschnitt 4.2.2, 21.3.2009.
9 Vgl. Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschlang / ZWST (Hg.), Mitgliederstatistik der jüdischen Gemeinden und Landesverbände in Deutschland für das Jahr 2007 (Auszug), Frankfurt a. M. 2008, 2.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!