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Materialdienst 7/2009
Friedmann Eißler

Vom Dialog zum Trialog?

Der christlich-muslimische Dialog im Angesicht des Judentums

Auf die Frage, ob es auf dem 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen auch neue Elemente gebe, kündigte Kirchentagspräsidentin Karin von Welck im Vorfeld an, es gebe erstmals einen direkten Trialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. In diesem Jahr werde das bilaterale Gespräch zwischen Christen und Juden „erweitert zu einem Trialog der Religionen“. Auch wenn dies so nicht ganz stimmt,1 ist die Ankündigung durchaus als Zeitansage zu hören. Der Trialog wird als Gebot der Stunde empfunden. Der Osnabrücker katholische Bischof Franz-Josef Bode schließt sich dem grundsätzlich an, wenn er im selben Zusammenhang den Trialog als Zielvorgabe für das Gespräch mit den monotheistischen Religionen sieht. Er räumt allerdings ein, dass dies von der „theologischen Substanz“ her „sehr schwierig“ sei. Außerdem dürfe der Dialog mit den Juden „nicht einfach eingeebnet werden in ein allgemeines Gespräch der Religionen“.2 Damit ist ein Themenfeld eröffnet, das aktuell auf der Tagesordnung des Dialogs der Religionen weit oben steht, und zugleich auf die Ungeklärtheit einiger seiner theologischen Grundlagen hingewiesen. Der Trialog gibt Fragen hinsichtlich Form und Inhalt auf, die für die reflektierte Praxis einer Klärung bedürfen. Einige der jüngst besonders diskutierten Fragen sollen im Folgenden angesprochen werden. Ausgangspunkt ist dabei der christlich-muslimische Dialog, von dem aus das christlich-jüdische Verhältnis in den Blick kommt.

Begriff und Praxis des Trialogs

Als Trialog wird „das trilaterale Gespräch, die Begegnung zwischen Juden, Christen und Muslimen auf den verschiedensten Ebenen“ bezeichnet.3 Semantisch ein Unwort4, zeigt sich der Begriff in der Praxis als durchsetzungsfähig. In Vortragstiteln und Tagungsprogrammen wird er immer seltener mit einem Fragezeichen versehen. Trialog findet in vielfältiger Weise statt.5 Allenthalben werden Einzelveranstaltungen, aber auch längerfristige Bildungsprogramme angeboten, an vielen Orten geschieht dauerhaft praktische Trialogarbeit.

Wenn man nicht schon weit in die Geschichte zurückgehende Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen als Trialog bezeichnen möchte, so sind dessen Anfänge doch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu sehen. Das besonders traditionsreiche Begegnungsforum von Juden, Christen und Muslimen, das in Bendorf seinen Anfang genommen hat, wurde 1972 gegründet und hält jährliche Konferenzen ab.6 Breitere Aufmerksamkeit erhielt der Trialog ab den 1990er Jahren.7 Äußere Anlässe bildeten auch politische Konflikte. So führte der Irak/Kuwait-Krieg 1990/91 zu gemeinsamen Friedensgebeten im Sinne einer praxis pietatis, die nach einer theologischen Reflexion verlangte, welche sich dann in verschiedenen kirchlichen Arbeitshilfen niederschlug. Der Akzent wurde außer auf die interreligiöse Verständigung auf interkulturelle Begegnung gelegt (Quandt-Stiftung), meist spielen beide Elemente eine Rolle. Viele Trialogaktivitäten verbinden sich aus naheliegenden Gründen mit dem Namen Abraham (Abrahamische Häuser oder Lehrhäuser, Abrahamische Foren und Teams u. a.), gilt doch Abraham allen drei Religionen als Vater – als das oder zumindest ein Ur-Bild des Glaubens.8

Voraussetzungen, Methoden, Ziele des Trialogs

Trialoginitiativen verstehen sich nicht als Alternative oder Konkurrenz zu den weiterhin als notwendig erachteten bilateralen Dialogen, sondern als deren notwendige Ergänzung. Es wird u. a. auf die Veränderung der religionsgeographischen Situation hingewiesen und damit ein quantitatives Argument vorgebracht: Noch nie gab es eine so große religiöse Minderheit wie heute, wo neben einem wiedererstarkten Judentum bis zu 3,5 Millionen Muslime in Deutschland leben.9 Es liegt auf der Hand, als Aufgabe des Trialogs gemeinsame gesellschaftliche Herausforderungen zu sehen, die nur solidarisch zu bewältigen sind. Dies allein macht nach Karl-Josef Kuschel allerdings noch keinen Trialog. Darüber hinaus begründe dieser sich „aus Wurzeln in den jeweiligen Religionen selbst“. „Dass Juden, Christen und Muslime nicht nur zusammen leben, sondern auch zusammen glauben und zusammen beten können, hat seinen Grund in den Heiligen Schriften. Das Christentum ist ohne die Hebräische Bibel so undenkbar wie der Islam ohne die Tora und das Neue Testament. Juden, Christen und Muslime teilen ein grandioses Erbe.“ Es ist an eine Vernetzung der vorhandenen bilateralen Dialoge gedacht. Ein Schritt kann dabei sein, dass die bilaterale Agenda einen impliziten Trialog ermöglicht durch Einladung der jeweils dritten Religion, zumindest durch die Rücksichtnahme auf die jeweils anderen bilateralen Dialogkonstellationen. Parallel dazu ist der gezielte Aufbau regionaler und überregionaler „abrahamischer Institutionen und Strukturen“ anvisiert.10 Es geht indes nicht (nur) um eine institutionelle Vernetzung, vielmehr vor allem um ein neues, „vernetztes Denken“, das sich trialogisch in wechselseitiger Wertschätzung zuerst und vor allem auf die Ur-Kunden der jeweiligen Religionen bezieht.11 Von daher gilt es, in konstitutiv theozentrischer Dimension eine „trilaterale Methodik“ (Hans Küng) zu entwickeln, die zu einem stärkeren wechselseitigen Wahrnehmen, Einladen und Teilnehmen führt. „Juden, Christen und Muslime sind füreinander nicht Fremde, Ungläubige ..., sondern Geschwister im Glauben an den Gott Abrahams.“12 Kuschel spricht konsequent von der Ökumene der Kinder Abrahams, die als einen ihrer zentralen Werte die gewährte Gastfreundschaft kennt.13

Wird in diesem Zusammenhang die spirituelle Dimension praktisch mit einbezogen, kann unmittelbar zum gemeinsamen Beten eingeladen werden. Die sogenannte „spirituelle Gastfreundschaft“ gehört sicher zu den besonders problematischen Aspekten des Trialogs, vor allem wenn an die Stelle ihrer theologischen Reflexion der bloße Hinweis auf die Faktizität der „empirisch anzutreffenden Formen von Gebetsfeiern“ tritt.14

Als ein Ziel des Trialogs wird mit wenig Variation angegeben, dass Menschen in die religiösen und kulturellen Traditionen der drei großen abrahamischen Religionen eingeführt werden und dass der Austausch unter Juden, Christen und Muslimen zum friedlichen Zusammenleben in gegenseitiger Wertschätzung gefördert werden soll. In dieser Allgemeinheit sollte das nun sicherlich ein Ziel aller Religionen sein. Die Plausibilität der Beschränkung auf die drei gründet wesentlich in einer Grundvoraussetzung des Trialogs: „Die grundlegende Gemeinsamkeit von Juden, Christen und Muslimen dürfte der Glaube an den einen Gott sein.“15 Damit sind wir bei einem ersten Themenbereich, den wir mit drei weiteren exemplarisch beleuchten wollen, um den Dialog über notwendige, jedem Dialog angesichts des besonderen Verhältnisses von Christen und Juden unabweisbar aufgegebene theologische Differenzierungen anzustoßen.

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Anmerkungen

1 Trialog ist schon seit vielen Jahren ein Thema, auch auf Evangelischen Kirchentagen. So machte schon in Stuttgart 1999 ein „Trialog dreier Religionen“ von sich reden, dessen zentrale Bedeutung im Blick auf die europäische Einigung „und damit auch für die Leitung des Protestantentreffens“ damals hervorgehoben wurde. In Hannover 2005 gab es einen „Abrahamitischen Trialog“ („Wenn deine Tochter dich morgen fragt“) und in Köln 2007 immerhin einen „Musikalischen Trialog der Weltreligionen“. – Auf dem Bremer Kirchentag vom 20.-24.5.2009 fand ein Halbtag Trialog statt, der eine Bibelarbeit und ein Podiumsgespräch umfasste.
2 Interview: www.katholisch.de/Nachricht.aspx?NId=1196 (alle Internetseiten abgerufen am 30.5.2009).
3 Martin Bauschke, Der jüdisch-christlich-islamische Trialog, in: Michael Klöcker / Udo Tworuschka (Hg.), Handbuch der Religionen. Religionen und Glaubensgemeinschaften in Deutschland, Landsberg a. L. 1997ff (Lieferung 2004), II-4.2.17; ders., Der jüdisch-christlich-islamische Trialog. Wissenschaftliche Studie, München 2007. Bauschke lässt das Phänomen bis auf die convivencia von Juden, Christen und Muslimen im maurisch-andalusischen Spanien zurückgehen und nimmt den Terminus „der Kürze halber und dem weithin eingebürgerten Sprachgebrauch entsprechend“ schon 2001 selbstverständlich auf (s. den gleichen Artikel des Handbuchs in der Fassung von 2001, 1).
4 Dialog heißt „Gespräch“ (von griech. dialégesthai), die Vorsilbe diá hat semantisch nichts mit zwei zu tun – auch wenn mit Dialog „insbesondere“ ein Zwiegespräch gemeint sein kann –, so dass dem ein Trialog (Vorsilbe tri von griech. treis, tria) als dreiseitiges Gespräch zur Seite gestellt werden könnte. Allerdings bringt das Wort das Gemeinte so prägnant auf den Punkt, dass eine Einbürgerung des Begriffs im gewünschten Sinne auch gegen die Philologie in der Praxis stattfindet. Man sollte die Sprachentwicklung an der Stelle sicher gelassen sehen. S. aber das Fazit unten.
5 Zu einer problem- und strukturorientierten Darstellung des Trialogs s. M. Bauschke, in: Handbuch der Religionen, a.a.O.
6 Ständige Konferenz von Juden, Christen und Muslimen in Europa („Bendorfer Konferenzen“), www.jcm-europe.org; dazu M. Bauschke, in: Handbuch der Religionen, a.a.O., 21.
7 Erwähnenswert ist für die Zeit davor eine der ersten Trialogpublikationen auf Deutsch: Isma’il Raji al-Faruqi (Hg.), Judentum, Christentum, Islam. Trialog der Abrahamitischen Religionen, Frankfurt a. M. 1986 (amerik. Orig. Trialogue of the Abrahamic Faiths, 1982); sie dokumentiert eine Tagung mit Beiträgen von Michael Wyschogrod, Krister Stendahl, Muhammad Abdul ar-Ra’uf u. a.
8 Die Literatur dazu ist inzwischen unüberschaubar gewachsen. Vgl. insbesondere Karl-Josef Kuschel, Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt – und was sie eint, Düsseldorf 42006; ders., Juden – Christen – Muslime. Herkunft und Zukunft, Düsseldorf 2007, 548-623 (673f Lit.!); zu diesem Grundlagenwerk des Trialogs auch meine Rezension in: ThLZ 4/2009, 414-418.
9 Karl-Josef Kuschel, Muss der jüdisch-christliche Dialog zum Trialog mit dem Islam werden? Pro (Contra von Christian Staffa), in: Jüdische Allgemeine vom 17.3.2005, zit. nach www.lomdim.de/md2005/03/05.html. Dort auch die folgenden Zitate.
10 M. Bauschke, in: Handbuch der Religionen, a.a.O., 18f.
11 K.-J. Kuschel, Juden – Christen – Muslime, a.a.O., 23-29.
12 K.-J. Kuschel, Muss der jüdisch-christliche Dialog zum Trialog mit dem Islam werden? A.a.O.
13 Kuschel schon 2002: „Die Glaubensexistenz von Christen ist vom Kern her trialogisch strukturiert. Christen können ihr Glaubenszeugnis nicht ohne das jüdische und muslimische und umgekehrt Juden und Muslime nicht ihr Glaubenszeugnis ohne die jeweils anderen reflektieren. Die trialogische Grundstruktur des Glaubens gilt für alle drei Kinder Abrahams“ (www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2002/imp020802.html).
14 Martin Bauschke / Walter Homolka / Rabeya Müller (Hg.), Gemeinsam vor Gott. Gebete aus Judentum, Christentum und Islam, Gütersloh 2004, 19. Vgl. dazu meine Rezension in: Jud 1/2005, 87-89.
15 M. Bauschke, in: Handbuch der Religionen, a.a.O., 2. S. dazu auch unten: Zwischenfrage an die Trialoglogik.

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