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Materialdienst 12/2009
Ansgar Martins

Streitfall Anthroposophie. Leitmotiv "Zertrümmerung"

Das zweibändige, knapp 1900 Seiten umfassende Werk „Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945“ (Göttingen 2008) des Berliner Wissenschaftshistorikers Helmut Zander, das wir an dieser Stelle bereits vorgestellt haben (MD 9/2008, 354-357), hat bei Anthroposophen zum Teil heftige Gegenreaktionen hervorgerufen. In diesem Jahr ist im Berliner Wissenschafts-Verlag aus der Feder des anthroposophischen Publizisten Lorenzo Ravagli eine 440 Seiten umfassende Entgegnung mit dem polemischen Titel „Zanders Erzählungen. Eine kritische Analyse des Werkes ,Anthroposophie in Deutschland’“ (Berlin 2009) erschienen. Die darin geäußerte Kritik an Zanders Studie wird jedoch nicht von allen Anthroposophen geteilt. Vor kurzem fand sich in der zum anthroposophischen Umfeld zählenden Zeitschrift „Info 3“ (9/2009, 51-54) eine bemerkenswerte Rezension zum Buch Ravaglis. Ihr Verfasser ist der Waldorfschüler Ansgar Martins (Jahrgang 1991), der sich in seinem Internetblog http://waldorfblog.wordpress.com konstruktiv-kritisch mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik auseinandersetzt. Wir dokumentieren im Folgenden den Beitrag und danken für die Abdruckgenehmigung.


Ansgar Martins, Mainz

Leitmotiv „Zertrümmerung“

Dass sein Werk Anthroposophie in Deutschland AnthroposophInnen Schwierigkeiten bereiten würde, war Helmut Zander anscheinend schon während der Zeit der Niederschrift bewusst. In einem eigenen Nachwort formulierte er seinen „Wunsch“, „dass Anthroposophen und Anthroposophinnen diese Arbeit nicht als Schwert des Scharfrichters, sondern als wissenschaftliche Analyse lesen“. Er sei sich bewusst, dass seine „historische Kontextualisierung“ von vielen als „Ignoranz gegenüber den geistigen und praktischen Impulsen Steiners“ missverstanden würde. „Aber“, so Zander, er sei trotzdem „der Meinung, dass man Steiners Grenzen und eben auch Leistungen nur im gesellschaftlichen Kontext versteht“. Dahinter stehe seine Überzeugung, „dass man historisch-kritische Forschung nicht gegen spirituelle Weisheit ausspielen darf“. Aber Zander weiß auch: „Wer im intellektuellen Diskurs westlicher Gesellschaften ernst genommen werden will, muss sich dieser radikal kritischen – und das heißt im Wortsinn weiterhin: prüfenden – Analyse stellen“ (S. 1719).

Zanders Œuvre stellt umfassend Gesellschaft und Weltanschauung im 19. und frühen 20. Jahrhundert dar, beschreibt Vereins- und Sozialstruktur der Theosophischen Gesellschaften, zeitnahe Reformbestrebungen in Kunst und Religion, Pädagogik, Landwirtschaft oder Medizin. Innerhalb dieser heute oft kaum mehr bekannten Kontexte schildert Zander Rudolf Steiner, der hier mit „kreativer Intelligenz“ und „mutigen Brüchen“ den anthroposophischen Weltanschauungskosmos ausformte. Zander betont trotz dieser kontextualisierenden Textkritik und kritischen Quellensuche, dass „über den theologischen Stellenwert“ von Steiners „Deutungstheorien, die sich anderer Methoden als der historisch-kritischen bedienen, ... damit kein Urteil gefällt“ sei, vielmehr sei Respekt vor dem „forum internum“ von Steiners „persönlicher Spiritualität“ geboten (S. 855). Bei allem Verständnis bringt er aber auch dessen antidemokratischen und autoritären Töne, seine Verleugnung und „Verdrängung seiner theosophischen Initiationsphase“ und die deterministischen Konsequenzen seiner Äußerungen über „Rassen“ mit Deutlichkeit zur Sprache.

Nicht erst hier brodelte es im mutmaßlich so „freien Geistesleben“ der anthroposophischen Szene gewaltig. Schon der Versuch, Steiner vor dem Hintergrund seiner Zeit zu sehen, stieß bei vielen wortgläubigen AnthroposophInnen auf heftigste Anfeindungen, ja: scheinbar auf Rachsucht.

Deutungshoheit durch Doppelgänger

In diesem Kontext ist auch die kürzlich erschienene Publikation Zanders Erzählungen des Erziehungskunst-Journalisten Lorenzo Ravagli zu verstehen. Ravagli stellt seinen LeserInnen schon auf dem Klappentext Zanders Arbeit als den Versuch einer „Zertrümmerung“ vor, dem durch „Zertrümmerung des Zertrümmerers“ begegnet werden müsse – im Fortgang des Buches bekommen wir dafür viele farbenfrohe Synonyme zu hören, da soll Zander wahlweise „entkräftet“, „dekonstruiert“, „revidiert“, „disqualifiziert“ oder „negiert“ werden.

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