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Materialdienst 12/2009
Dirk Evers

Apologetische Theologie im "Weltanschauungskampf"

Der Streit um Theologie und Naturwissenschaften vor und nach 1900

Apologetik als theologische Disziplin in der Neuzeit

Dass zwischen Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens und dem Zeitgeist eine tiefgreifende Spannung empfunden wird, ist eine Erscheinung der Neuzeit und seit der Aufklärung ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Die aufklärerische Vernunftkritik an Religion und Christentum brachte eine Fülle an Literatur zur Verteidigung eines der Vernunft entsprechenden Christentums hervor. Das geschah zunächst dadurch, dass die Kongruenz zwischen Offenbarung und Vernunft, zwischen Christentum und Naturerkenntnis erwiesen werden sollte. Besonders in Schottland und England führte dies alsbald zu Veröffentlichungen mit Titeln wie „Christianity not mysterious“, „Christianity as old as creation“, „The excellency of theology, compared with natural philosophy“. Vor allem hier wurde eine „Apologetik Massenware“1, die die Wahrheit, Natürlichkeit und Vernünftigkeit des Christentums zu verteidigen suchte. Doch auch Teile der deutschen Aufklärung schickten sich an, ein Bündnis zwischen Christentum und Vernunft zu schmieden. Unter Aufnahme naturkundlicher Erkenntnisse entstand im 17. und 18. Jahrhundert z. B. die so genannte Physikotheologie, die aus den Werken der Natur auf den Schöpfer schließen wollte, wie überhaupt eine Verbindung von naturwissenschaftlichem Denken und religiös gefärbtem Weltbild für fast alle Naturwissenschaftler dieser Zeit kennzeichnend ist. Gott als der große Werkmeister schien sich aus der Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit der Natur erweisen zu lassen, wie zugleich im Mittelpunkt der aufgeklärten christlichen Religion der Neuzeit das natürliche und vernünftige Sittengesetz stand, dessen Geltung sich in der teleologisch interpretierten Weltsicht der Naturwissenschaften zu erweisen schien.

Entscheidend aber war, dass nun unter der Voraussetzung und gegenüber dem Anspruch einer universalen Vernunft argumentiert wurde, die nicht mehr von vornherein auf Offenbarung bezogen war, sondern als das einer religiösen Begründung nicht bedürftige Allgemeine das Forum darstellte, vor dem sich zu rechtfertigen hatte, was überhaupt Wahrheit für sich in Anspruch nehmen wollte. Die Theologie sah sich in der Philosophie der Aufklärung einer ihr äußeren, unabhängige Autorität beanspruchenden Instanz von Rationalität gegenüber. In dieser Situation wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Apologetik als eigene theologische Disziplin eingeführt. Als erster hat wohl Gottlieb Jakob Planck 1794 versucht, die Apologetik in die Enzyklopädie der theologischen Wissenschaften einzugliedern.2 Bei ihm ist sie Teil der Exegese und soll vor allem mit den Mitteln der Historie den Nachweis der göttlichen Autorität der biblischen Bücher führen, auch wenn ein strenger Beweis dabei nicht möglich ist.

Der enzyklopädische Ort der Apologetik blieb allerdings unklar. In Schleiermachers „Kurzer Darstellung des theologischen Studiums“3 bildeten Polemik und Apologetik die beiden Teile der philosophischen Theologie, wobei die Apologetik jedoch im Unterschied zu Planck nicht die Wahrheitsfrage stellt, sondern das eigentümliche Wesen des christlichen Glaubens nach außen zur Darstellung bringen soll: Es soll „für das eigentümliche Wesen des Christentums eine Formel aufgestellt und mit Beziehung auf das Eigentümliche anderer frommen Gemeinschaften unter jenen Begriff subsumiert werden“4. Die Wahrheitsfrage wird ganz bewusst nicht gestellt, weil sich die Wahrheit und Notwendigkeit des christlichen Glaubens den Glaubenden allein von innen her erschließt. In der Glaubenslehre Schleiermachers heißt es deshalb: „Auf jeden Beweis für die Wahrheit oder Notwendigkeit des Christentums verzichten wir vielmehr gänzlich, und setzen dagegen voraus, daß jeder Christ, ehe er sich irgend mit Untersuchungen dieser Art einläßt, schon die Gewißheit in sich selbst habe, daß seine Frömmigkeit keine andere Gestalt annehmen könne als diese.“5 Es kann der Theologie einzig darum gehen, das eigentümliche Wesen des Christentums authentisch zur Darstellung zu bringen, dabei dann aber alles Widervernünftige „durch die Vernunftmäßigkeit der Darstellung“6 auszuscheiden.

Diese als Befreiung verstandene Selbstbegründung der Theologie mit einer Beschränkung der Apologetik auf die nach außen kommunizierbare Darstellung des Wesens des Christentums unter Sistierung der Wahrheitsfrage zeigte sich aber als unzureichend angesichts der bevorstehenden und von Schleiermacher selbst in seinen Sendschreiben an Friedrich Lücke hellsichtig geahnten Auseinandersetzungen zwischen Theologie und den modernen Naturwissenschaften. Zwar war Schleiermacher selbst noch zuversichtlich, „daß jedes Dogma, welches wirklich ein Element unseres christlichen Bewußtseyns repräsentirt, auch so gefaßt werden kann, daß es uns unverwickelt läßt mit der Wissenschaft“7. Doch sollte sich bald zeigen, dass die Trennung von frommem Selbstbewusstsein und wissenschaftlicher Erkenntnis nicht durchzuhalten war. Diese Entwicklung lässt sich an einem Begriff aufzeigen, den ebenfalls Schleiermacher in prägnanter Form in die theologische Debatte eingebracht hat, dem der Weltanschauung.

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Anmerkungen

1 Karl Gerhard Steck, Art. Apologetik II. Neuzeit, in: TRE 3, Berlin / New York 1978, 411-424, 413.
2 Gottlieb Jacob Planck, Einleitung in die Theologische[sic!] Wissenschaften I, Leipzig 1794.
3 1. Aufl. 1811, 2. Aufl. 1830.
4 Friedrich Schleiermacher, Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen, hg. von Heinrich Scholz, 31910, unveränd. Neudruck Berlin 1993, 19 (§ 44).
5 Friedrich Schleiermacher, Der christliche Glaube, Bd.1, hg. von Martin Redeker, Berlin 71960, 83 (§ 11).
6 Ebd., 94 (§ 13).
7 Friedrich Schleiermacher, Über die Glaubenslehre. Zwei Sendschreiben an Lücke (1829), KGA I.10, hg. von Hans-Friedrich Traulsen, Berlin / New York 1990, 345-347, 351.

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