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Materialdienst 12/2009
Claudia Knepper

Kraftlos gewordene Utopien

Der Roman "Archanu" und sein Hintergrund in Auroville

Der Roman „Archanu“ von Ulla Lenze (Zürich 2008) erzählt die Geschichte von Marie und dem Weltanschauungsbeauftragten Ganto. Marie begibt sich auf den Weg in die utopische Stadt Archanu, auch Morgenstadt genannt, die auf einer Insel in einem namenlosen Winkel der Welt liegt. Für das Experiment eines besseren Lebens in der dort seit 40 Jahren bestehenden Gemeinschaft hat sie kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen. Zehn Tage bleibt sie dort, dann wird sie von ihrer Enttäuschung und den sich überschlagenden Ereignissen auf der Insel fortgespült zurück nach Hause.

Die Tage auf der Insel dienen der Erzählung als äußerer Rahmen. Wir erfahren nicht nur, was Marie in Morgenstadt erlebt, sondern die Autorin nimmt uns vor allem hinein in Maries Gedankenwelt und ihre Erinnerung an die Gespräche mit Ganto. Zu dem Weltanschauungsbeauftragten hatten Maries Eltern ihre Tochter geschickt. Regelmäßig besucht Marie ihn in der „Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“. „Zentralstelle“ und „Weltanschauungsbeauftragter“ sind im Roman weltanschaulich neutral. Marie entdeckt, dass Ganto selbst einmal zu einer „Jesus-Sekte“ gehörte, einer Gruppe junger Menschen, die für Jesus tanzten. Jetzt ist Ganto von aller Religiosität geheilt. Im Gegenüber zur 20 Jahre jüngeren Marie und ihrer religiösen Suche wirkt er traurig und hilflos. Es ist, als erinnere sie ihn an etwas für immer Verlorenes. Ganto habe, so Ulla Lenze im Gespräch, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Das halte Marie ihm vor. „Marie hält daran fest, dass es etwas gibt, das hoffen lässt“, so die Autorin. Marie ist mit Intelligenz und einem unbändigen Widerspruchsgeist ausgestattet. Mit Formeln und vorgestanzten Antworten gibt sie sich nicht zufrieden. Letztlich scheint sie das, was sie in der religiösen Gemeinschaft gesucht hat, bei Ganto zu finden, in den sie sich verliebt. Ihre Beziehung zu ihm gewinnt jedenfalls im Roman immer größeres Gewicht gegenüber ihrer Auseinandersetzung mit Archanu. Doch Ganto ist der jungen Frau nicht gewachsen. Er reagiert verwirrt auf ihre unausgesprochenen Gefühle und hüllt sich in männliches Schweigen. Immerhin nimmt er Marie und ihre Fragen ernst. Und das ist etwas, das sie weder bei ihren hoch gebildeten Eltern findet, die mit sich selbst beschäftigt sind, noch in der Schule beim Lehrer, der sich durch Maries eigenständiges und forderndes Denken provoziert fühlt.

Und Archanu? Die Vorstellungen des religiösen Gründers von Morgenstadt bleiben im Roman seltsam blass. Obwohl es heißt, dass Marie sich mit seinen Schriften auseinandersetzt, erfährt man kaum etwas über die Inhalte, ganz so, als sei das nicht das, was sie eigentlich nach Archanu zieht. Im Gespräch sieht die Autorin hinter dem Interesse an Archanu eher einen Protest Maries, die der elterlichen Akademikerschickeria ein intellektuell anspruchsloses Kommunenleben entgegensetzen möchte.

Was Marie in Morgenstadt erlebt, ist enttäuschend. Besonders kritisch stellt sich für sie das Verhältnis zwischen westlich verwöhnten Sinnsuchern und der relativ armen einheimischen Bevölkerung dar. „Auf der ganzen Insel, Marie, ist der Kolonialismus Vergangenheit, nur nicht in Morgenstadt, diesem etwas zu groß geratenen Bioladen im Dschungel, diesem Pseudo-Utopia, in dem das Morgen ungestört am Gestern hängen kann“, lässt die Autorin Ganto zu Marie sagen. Überdeutlich wird dies an einem dramatischen Konflikt, den die Autorin selbst ganz ähnlich wie Marie an dem Ort erlebt hat, der ihr als Vorbild für Archanu diente: Auroville in Indien.

Maries Auseinandersetzung mit Archanu erfolgt fast durchweg in abgeklärtem, kritisch-distanziertem Ton. Marie ist in den Augen von Ulla Lenze eine alterslose Figur und untypisch für das Klientel, das es bei ihrer religiösen Suche an Orte wie Auroville verschlägt. Wenn Ulla Lenze Marie als wahrheitsliebend und kritisch beschreibt, die aber nicht von vornherein etwas verurteilt, dann teilt die Autorin diese Stärken mit ihrer Protagonistin.

Schon Ulla Lenzes erster Roman „Schwester und Bruder“ (Köln 2003) hatte zwei junge Menschen nach Indien geführt und religiöses Suchen untrennbar mit einer engen, schwierigen geschwisterlichen Beziehung verknüpft. Ihren zweiten Roman „Archanu“ begann die Autorin in Auroville zu schreiben, wo sie sich drei Monate aufhielt. Sie sei nach Auroville gereist, weil sie dem Konzept eine Chance geben wollte, dass viele Nationen als Großgemeinschaft mit vielen individuellen Freiheiten zusammenleben. Was sie fand, war jedoch eine zu große Kluft zwischen Anspruch und Realität. Sie vermisste bei den Aurovillianern die Bereitschaft darüber zu sprechen. Statt Offenheit gebe es „einen Zwang, die Idee aufrecht zu erhalten mit dem Segen Der Mutter, dass alles seine Richtigkeit hat“. Dies verhindere jedoch zu sehen, was der Fall ist. Unterscheidungs- und Kritikfähigkeit würden geopfert. „Die Lehren werden missbraucht, um eine verbesserungswürdige Situation aufrecht erhalten zu können, sich nicht in Frage stellen zu lassen.“ Auroville hat sie als geschlossenes System erlebt, in dem es sich die Bewohner gemütlich eingerichtet haben.

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