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Materialdienst 10/2009
Heidi Josua

Spaß-Islam und Geschlechtertrennung

Der Islam des Pierre Vogel

Spaß und Islam? Manche halten das für unvereinbar – nicht so Pierre Vogel (Jahrgang 1978). Der „Superstar einer neuen Welle radikaler islamischer Frömmigkeit“1, ein ehemaliger Boxer2, der vor acht Jahren zum Islam konvertierte und nach einem Aufenthalt am Spracheninstitut der Umm al-Qura Universität in Mekka3 seit drei Jahren als Wanderprediger überall in Deutschland unterwegs ist, füllt mit seinem Charisma ganze Hallen mit Hunderten von Jugendlichen. Die Zuhörer und Zuschauer per Internet sind ein Vielfaches davon, nach eigenen Angaben bis zu 20 000 Besucher pro Tag. Die Auswirkungen dieser Tätigkeit werden nicht nur in Info-Ständen, Kundgebungen und Protestaktionen in vielen Städten sichtbar, sondern zeigen sich bei Schülern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in teils massiv verändertem Verhalten.
Im Folgenden geht es um einige einführende Beobachtungen zu dieser neuen Da’wa-Bewegung, die bei Veranstaltungen in Baden-Württemberg4 sowie auf der Internetseite der Bewegung (www.einladungzumparadies.de) gemacht wurden.

Heterogenes Publikum

Pierre Vogels Veranstaltungen sind beileibe keine innerislamische Angelegenheit: Die streng nach Geschlechtern segregierten Besucherinnen und Besucher5 – sie sitzen säuberlich getrennt durch den Mittelgang, Kleinkinder wechseln auf der Suche nach ihren Eltern verstört zwischen beiden Seiten – wirken wie eine Mischung aus Diskogängern (Szeneklamotten, Tattoos, schrille Frisuren), Konfirmandengruppe und saudischen Moscheebesuchern (Kopfbedeckungen und Schleier in allen Variationen, Tschadore, für die Männer weiße, knielange Hemden, Häkelmützen und Vollbart). Es lassen sich drei Besuchergruppen ausmachen: die eigene Klientel, die das Treffen organisiert, oft aus unterschiedlichen Moscheegemeinden vor Ort, die durchweg dem ultrakonservativen religiösen Spektrum zuzuordnen sind; säkularisierte muslimische Jugendliche der zweiten oder dritten Generation, häufig auf der Suche nach klarer Identität und der wahren Religion; Nichtmuslime unterschiedlicher Nationalität.

Veranstaltungsorte sind meist nicht Moscheen, sondern Hallen (Gemeindehallen, private Festhallen), wodurch zum einen die Schwelle für Nichtmuslime niedrig gehalten wird und zum anderen über die organisierten islamischen Gruppen hinaus gewirkt werden kann.6

Kumpeltyp und Prediger

Mit rheinischem Zungenschlag und in der Sprache Jugendlicher, kumpelhaft-charismatisch und missionarisch-predigend zugleich, widerlegt Pierre Vogel alias Abu Hamza, im roten und nach der Sunna handbreitlangen Vollbart, stets mit knielangem Gewand oder Mantel und Häkelmütze gekleidet, scheinbare Vorurteile gegenüber dem Islam: „Im Islam ist Spaß erlaubt. Verboten ist nur verbotener Spaß.“ Was dieser verbotene Spaß ist, bleibt zunächst unklar. Geschickt kokettiert Vogel mit dem negativen Image des Islam und führt es ad absurdum: Schläfer, das seien doch nicht die Muslime, sondern schlafende Lkw-Fahrer auf der Autobahn, auf deren Konto so viele Todesfälle gingen. Und die wahren Selbstmordattentäter seien ebenfalls keine Muslime, sondern die Menschen, die an den Folgen des Rauchens sterben. Muslimische Frauen gehen drei Schritte hinter dem Mann? Das sei nicht Frauendiskriminierung, sondern geschehe, weil Frauen immer durch Schaufenstergucken aufgehalten würden. Mit solchen „Richtigstellungen“ hat Vogel die Lacher auf seiner Seite und dem Islam sein böses Image genommen. Da er weiß, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wird, grüßt er die anwesenden Schlapphüte und distanziert sich regelmäßig und geschickt von Aussagen, die strafrechtlich relevant werden könnten, etwa von Gewalt oder Holocaustleugnung. Freundlich grinsend kann er dann innehalten und sein Publikum fragen: „War das grad eine Hasspredigt?“

Im Plauderton holt er die Jugendlichen in ihrer Situation ab, zerstreut Zweifel und wirbt für den Islam: „Glücklich ist man, wenn man zum wahren Islam zurückkehrt.“ „Mit dem Koran wirst du glücklich sein, weil das deine Natur ist.“ Deshalb solle jeder dem Vorbild Jesu folgen, der vor Gott niederfiel – Jesus in Gethsemane wird zum Vorbild für das islamische Gebet. Im Laufe der Veranstaltung wird dann der Ton schärfer. Vogel bietet einen Rundumschlag gegen Journalisten, die ihn angreifen und Lügen über ihn verbreiten würden, gegen Kommunalpolitiker, die ihm Hallen verweigern, sowie gegen die Islamverbände, die allesamt feige und verlogen seien, weil sie im Dialog behaupteten, auch Juden und Christen kämen ins Paradies. Sie seien verschlafen, weil sie selbstgenügsam nur in ihren Moscheen wirken, und sie würden ihn nicht mögen, weil er ihre Lügen entlarve.

Inzwischen ist der Ton schneidend und scharf geworden, und die Koranverse prasseln wie Schwerthiebe auf die nieder, die angeblich vom Buch Gottes abgewichen sind. Mit einem Mix aus Bibel- und Koranzitaten „beweist“ Vogel, dass die Bibel nicht von Gott ist, sondern Ergebnis der Recherche von Menschen (Lk 1,1-3); er „widerlegt“ Trinität und Gottessohnschaft Jesu. Zugleich sagt er: Wenn ein Christ Muslim werde, könne er alles mitnehmen, etwa seine Liebe zu Jesus und Maria, er müsse lediglich einige wenige „Korrekturen“ vornehmen. Jedoch sage Sura 3,85 eindeutig, dass nur der Islam rette, Juden und Christen aber ins Höllenfeuer gingen. Die Rettung sei ganz einfach: Gott ist ein einziger, er hat keinen Sohn. Die Art und Weise der Verwendung von Bibelstellen, um die naturwissenschaftlichen und theologischen Widersprüche in dieser „verfälschten Offenbarungsschrift“ aufzuzeigen, erinnern an das Vorgehen der Zeugen Jehovas und an den kürzlich verstorbenen südafrikanischen Propagandisten Ahmad Deedat, dessen Schriften unter den Anhängern lobende Zustimmung erfahren. Immerhin räumt der Ex-Boxer mit einer oft gehörten Fehlinformation auf: Islam bedeute nicht Frieden, wie alle Islamverbände sagten, sondern Hingabe, Ergebung.

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Anmerkungen

1 Julia Gerlach, Die lässigen Gehirnwäscher, in: Die Zeit vom 4.10.2007.
2 Vgl.
www.boxrec.com.
3 Er studierte am Institute of Arabic Language for Non-Native Speakers.
4 19.7.2008 in der Stadthalle Rudersberg, 26.7.2008 in Stuttgart-Wangen.
5 Am 25.11.2007 in der städtischen Hepper-Halle in Tübingen mussten Frauen sogar einen separaten Eingang benutzen. Einzig eine Gruppe von Terre des Femmes demonstrierte vor der Halle. Als Nachspiel wurden die Veranstalter zu einem Gespräch mit dem Oberbürgermeister der Stadt, Boris Palmer, zitiert. Der Städtetag protestierte gegen die „islamische Apartheid“.
6 Im Fall Rudersberg war die Stadthalle von einer türkischstämmigen Frau zu einer „Informationsveranstaltung über den Islam“

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