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Materialdienst 10/2009
Liane Wobbe

Meditation, Harmonie und Gemeinschaft

Die neohinduistische Reformbewegung Yogi Divine Society und ihre Bedeutung im Westen

Ein hinduistisches Neujahrsfest in Berlin

An einem Samstagabend im Oktober1 versammeln sich im Gemeindesaal der Pauluskirche in Berlin-Zehlendorf indische, sri-lankische und deutsche Frauen und Männer zu einem indischen Neujahrsfest. Als Veranstalter des Festes fungiert weder die indische noch die sri-lankische Hindugemeinde, sondern eine Gemeinschaft von Leuten, die in Kleinmachnow zu Hause ist. Sie nennt sich „Yogi Divine Society“. Der Name des Festes ist Annakut und bezeichnet eine Ansammlung von Speisen, die zu einem Berg aufgehäuft werden, um sie in dieser Form den Göttern zu opfern. Das Neujahrsfest, das vor allem aus Speiseopfern für die Götter besteht, wird am Neujahrstag im nordwestindischen Bundesstaat Gujarat im hinduistischen Monat Kartik (Oktober/November) begangen.

Auf einer erhöhten Bühne stehen sechs lebensgroße Pappfiguren, die eine Reihe von Gurus darstellen. Unter ihnen befinden sich Swaminarayan, der Begründer, und H. H. Hariprasad, der derzeitige Guru der hinduistisch orientierten Gemeinschaft. Vor diesen Figuren sind auf sechs Stufen Speisen in vielen kleinen Behältern bergförmig angehäuft. Am Eingang des Raumes werden die Gäste von deutschen Frauen in einem indisch anmutenden Outfit (lange Haare, Saris, roter Punkt2 auf der Stirn) begrüßt. Nach und nach füllt sich der Raum mit deutschen, indischen und sri-lankischen Gästen. Indische wie deutsche Männer und Frauen staunen nicht schlecht, als sie von den Platzanweiserinnen gebeten werden, getrennt voneinander Platz zu nehmen: Männer im vorderen, Frauen im hinteren Bereich.
Das Fest beginnt mit einer Ansprache des Vorsitzenden der Yogi Divine Society. Ein besonderer Gruß gilt zwei Swamis3, die aus Indien stammen und auf einer Reise durch die USA und Europa auch auf diesem Fest vorbeischauen. Nach einem Bhajan-Singen4 für den verstorbenen und heute wie einen Gott verehrten Guru Lord Swaminarayan erfolgt durch einen der Swamis eine Präsentation zum Thema „Channel your potention“. Den Gästen wird anhand kleiner Filme eine Art Trainingsprogramm für ein spirituell geführtes und erfolgreiches Leben serviert. Als hilfreiche Aspekte auf dem Weg zum Erfolg sollen unter anderem das Fokussieren auf ein Ziel, harte Arbeit, Meditation, Harmonie und eine positive Einstellung gegenüber allen Menschen dienen. Dann wird das Programm fortgesetzt mit einem Vortrag eines Mitgliedes der Yogi Divine Society aus Chicago und einer Aufführung eines indischen Tanzes, dargeboten von deutschen und indischen Männern.

Den Schluss der abendlichen Veranstaltung bildet eine Arti-Zeremonie5: Messingteller mit Blüten und Teelichtern werden durch die Stuhlreihen gegeben und immer von jeweils zwei Frauen oder zwei Männern im Uhrzeigersinn geschwenkt. Nach dieser Lichtzeremonie begeben sich die Männer zur Bühne, um ein kleines Ritual vor den Gurustatuen zu zelebrieren, während die Frauen den „heiligen Platz“ noch nicht betreten dürfen. Erst nachdem alle rituellen Tätigkeiten erledigt sind, mischen sich Frauen und Männer. Die Mitglieder der Yogi Divine Society bauen nun die von den Gästen gespendeten und den Göttern geweihten Speisen, von Hindus auch als „Prasad“6 bezeichnet, auf einer langen Tischplatte auf und laden zum Essen ein.

Die Swaminarayan-Bewegung

In London-Neasden befindet sich das Swaminarayan Hindu Mandir, ein Tempel der Swaminarayan-Bewegung, der gegenwärtig als der größte Hindu-Tempel in ganz Europa gilt und sich unter Hindus wie Nichthindus größter Popularität erfreut. Selbst in Reiseführern zu London wird er den Touristen mittlerweile als Ausflugsziel empfohlen. Doch was haben die Swaminarayan-Bewegung und der Tempel in London mit dem Fest Annakut in Berlin zu tun?

Die Yogi Divine Society, zu der sich die deutschstämmige Hindu-Gemeinschaft aus Kleinmachnow bekennt, ist eine Splittergruppe der hinduistischen Swaminarayan-Bewegung, die in Indien ihren Ursprung hat. Sie wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Ghanashyam Pande (1781-1830) gegründet. Ganashyam, als Sohn eines Brahmanen 1781 in Chapaiya (Uttar Pradesh) geboren, verließ nach der Überlieferung bereits mit elf Jahren seine Familie und zog durch den Norden seines Heimatlandes. Nach verschiedenen Aufenthalten an heiligen Plätzen und dem Ausprobieren spiritueller Praktiken ließ er sich mit 20 Jahren in einem Ashram auf Kathiawad, einer Halbinsel in Gujarat, nieder und trat dem asketischen Orden „Uddhav Sampraday“ bei. Nach dem Tod des hier lebenden Gurus wurde er selbst zum Leiter des Ashrams ernannt. Seine Anhänger sahen in Ghanashyam eine göttliche Inkarnation des Hindu-Gottes Vishnu und verliehen ihm deshalb den Namen Swaminarayan.7 Er zählte in den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts zu den prominentesten Persönlichkeiten in Gujarat.

Das spirituelle Ziel Swaminarayans bestand vor allem darin, den Hinduismus in seinem Land zu reformieren. Er trat gegen Aberglauben, Gewalt, Tieropfer, Kastendiskriminierung, Tötung von weiblichen Babys und Witwenverbrennung auf. Er predigte den hohen Wert der vedischen Traditionen8, die Trennung der Geschlechter auf religiösen Veranstaltungen9 sowie das Erreichen von innerer Reinheit durch ein tugendhaftes Leben und durch Selbstdisziplin.

Die Belehrungen, die Swaminarayan gegeben hat, haben seine engsten Schüler gesammelt und in zwei Werken zusammengefasst: im Shikshapatri (Wegführer der Schüler) und im Vachanamrit (Nektar der Rede). Der Hauptaspekt der Lehren besteht im Erwerb des Wissens um den Dharma, den wahren Weg zur Erlösung. Wer diesen Weg beschreiten will, sollte nicht an weltlichen Dingen haften. Meditation, das Chanten des Swaminarayan-Mantras sowie das Ausüben von Bhakti, der hingebungsvollen Verehrung Gottes, sollten im Zentrum stehen. Zwei weitere Werke sind das Satsangijivanam und das Haricharitramrut. Während ersteres Regeln für eine Gemeinschaft und die Durchführung von Ritualen enthält, findet man im zweiten legendäre Geschichten zur Biographie Swaminarayans. Bis heute sind diese Bücher von autoritativer Bedeutung für alle Gruppen der Swaminarayan-Bewegung.

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Anmerkungen

1 25.10.2008.
2 Indische und sri-lankische Hindus tupfen sich nach einer Verehrungszeremonie einen roten Punkt aus Kumkum (rote pulverisierte Wurzel) auf die Stirn.
3 Das Wort „Swami“ (sanskr. „svamin“ = Meister) wird in Indien als Titel für religiöse Gelehrte und Leiter religiöser Zentren benutzt.
4 Bhajan ist ein devotionaler hinduistischer Gesang.
5 Arti (sanskr. „arati“) ist eine Lichtzeremonie, bei der eine öl- oder gheegespeiste Lampe mehrere Male vor einer Gottheit gekreist wird.
6 Prasad (sanskr. „prasada“ = Gnade), vor allem Speisen, aber auch andere Gaben, die den Göttern geopfert und an die Gläubigen zurückgegeben werden.
7 Narayan ist ein Name des Gottes Vishnu.
8 Veda (Wissen), vier Vedas – älteste Hinduschriften, die als göttliche Offenbarung gelten und deren Entstehungszeit zwischen dem 12. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. datiert wird; das Adjektiv „vedisch“ bezieht sich auf Sprache, Literatur, Mythen und Rituale in dieser Zeit.
9 Mit der Trennung der Geschlechter wollte Swaminarayan dem vermeintlich unzüchtigen Verhalten der Männer gegenüber Frauen und dem heimlichen Partnerwechsel generell entgegenwirken. So ordnete er die Trennung von Frauen und Männern auf Hindufesten an und ließ sogar eigene Tempel für Frauen bauen.

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