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Materialdienst 10/2009
Michael Utsch

1370 neue "Sklaven Jehovas"

Kritische Überlegungen anlässlich der diesjährigen Bezirkskongresse der Zeugen Jehovas

Die jährlich stattfindenden Bezirkskongresse der Zeugen Jehovas sind sorgfältig geplante Großereignisse, die bei den Mitgliedern höchste Priorität genießen. Die Teilnahme ist verpflichtend. Auch im Juli 2009 hatte die „Leitende Körperschaft“, der derzeit neunköpfige Vorstand der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) in Brooklyn/USA, unter dem Motto „Wacht beständig!“ wieder ein dicht gefülltes Programm für die weltweit stattfindenden Großveranstaltungen zusammengestellt. In Deutschland wurden in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Hamburg und München große Stadien für die viertägigen internationalen Kongresse angemietet. 50000 Zeugen im Berliner, 40000 im Münchner Olympiastadion – nach Angaben der WTG haben mehr als 210000 Besucher aus 28 Ländern an den deutschen Kongressen teilgenommen. Schlangen von Reisebussen reihten sich ordentlich in die vorgesehenen Parkplätze – die Logistik funktionierte beeindruckend problemlos.

Das gut gefüllte Berliner Olympiastadion war in vier Segmente aufgeteilt worden. Das Programm fand parallel in russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache statt. Dazu war vor dem Nord-, Ost-, West- und Südblock jeweils ein kleines Zelt auf den Rasen aufgebaut worden, in dem an einem unscheinbaren Rednerpult das Programm in der jeweiligen Sprache vonstatten ging. Das weite Rund des Stadions ermöglichte eine lokale Beschallung, so dass die anderen Sprachgruppen kaum gestört wurden. Einzig die sechs Lieder, die im Laufe des Tages auf dem Programm standen und im Stehen gesungen wurden (Kreislauf! Thromboseprophylaxe!), wurden gemeinsam angestimmt. Punktgenau kam es also bei den in vier Sprachen absolvierten Programmen zu festgelegten Unterbrechungen. Dann wurde aufgestanden, schwülstige Geigenmusik vom Band intonierte den Choral, die mitgebrachten Liederbücher wurden aufgeschlagen, und dann konnte man vielsprachig in den Gesang einstimmen. An präziser Logistik und exaktem Zeitmanagement sind die Bezirkskongresse durchaus den Kirchentagen vergleichbar!

Internationalität prägte die Kongresse – allein in Berlin waren etwa 1000 finnische Zeugen angereist. Ende Juli und Ende August wurde dasselbe Programm nochmals in Zürich und in Wien absolviert.

Schon Wochen vorher war der exakte Ablauf im Internet publiziert worden. Für Eltern wurden dort auch geschickt formulierte Musterschreiben an die Schulleitung bereitgestellt, mit denen man unter Berufung auf entsprechende religiöse Bildungsrechte Unterrichtsbefreiung für schulpflichtige Kinder für die Kongresstage beantragen sollte. Tatsächlich hatten zumindest in Berlin nach Augenschein mehrere hundert Elternpaare ihre schulpflichtigen Kinder zum Kongress mitgenommen. Mit einer für Kinder völlig untypischen Ausdauer ertrugen sie täglich von 9.20 Uhr bis 17.15 Uhr die permanenten Predigten, Vorträge und Berichte. In bester Feiertagskleidung ließen sie sich vor den Verführungen warnen, die überall auf die Zeugen Jehovas lauern sollen: Vergnügungen, zu viel essen und trinken oder das gefährliche Suchtpotential des Internets. Am zugänglichsten für Kinder und Jugendliche dürften noch die Berichte und Interviews gewesen sein, die zwischen die Predigten und Vorträge eingestreut waren, weil hier ausnahmsweise auch einmal jüngere Menschen zu Wort kamen. Allerdings war bei genauerem Hinhören unschwer zu erkennen, dass die „Gespräche“ vorher präzise festgelegt worden waren und die Antworten genau das lieferten, was die Fragesteller hören wollten.

Den Antrag eines Bundesbeamten auf Sonderurlaub hatte ein Gericht zwei Wochen vor Beginn des Kongresses abgewiesen. Nach Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz hat ein Beamter keinen Anspruch auf die Gewährung von Sonderurlaub für die Teilnahme am Bezirkskongress der Zeugen Jehovas. Einem Beamten könne nach der Sonderurlaubsverordnung zwar Sonderurlaub für die Teilnahme am Deutschen Evangelischen Kirchentag sowie am Deutschen Katholikentag gewährt werden, weil diese Veranstaltungen über den religiösen Charakter hinaus eine besondere gesellschaftliche Bedeutung hätten. Dies sei bei den Bezirkskongressen der Zeugen Jehovas nicht der Fall. Die Kirchentage seien keine von den Amtskirchen organisierten Veranstaltungen. Vielmehr würden sie von Laienbewegungen getragen, die den Kirchen teilweise sogar kritisch gegenüberständen. Außerdem widmeten sie sich nicht ausschließlich religiösen oder kirchlichen Themen, sondern ganz wesentlich auch aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Demgegenüber würden die Bezirkskongresse der Zeugen Jehovas von der Religionsgesellschaft selbst organisiert und beschränkten sich auf ein Wirken nach innen. Es solle der individuelle Glaube gefestigt und die religiöse Lebensführung sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder gestärkt werden. Nach aktueller Rechtsprechung komme den Bezirkskongressen der Zeugen Jehovas keine ähnliche gesellschaftliche Bedeutung zu wie einem Kirchentag.

In der Obhut der Leitenden Körperschaft

In gewohnter Weise legten auch die diesjährigen Bezirkskongresse ihren Schwerpunkt ganz auf die innere Ausrichtung der Glaubensgemeinschaft. Der Vorsitzende des Berliner Kongresses ging zu Beginn auf das Veranstaltungsmotto ein und begründete, warum Jehovas Zeugen beständig wachen müssten. Dazu wählte er das Beispiel vom „Sandmann“. Diese Zeichentrickfigur sei ein gutes Beispiel für den Teufel, der in freundlicher Gestalt daherkäme, aber Jehovas Dienern beständig Sand in die Augen streue. Heute könne der Teufel nahezu unbeschränkt in der bösen Welt sein Unwesen treiben und Menschen in trügerischer Sicherheit wiegen. Dabei sei der „Sandmann“ höchst gefährlich, weil er „uns in Besitz nehmen und töten“ wolle. Eindringlich mahnte der Vorsitzende alle Zuhörer, auf sich aufzupassen, weil das Leben auf dem Spiel stehe. Keinesfalls sollte man die Versammlungen oder Teile des Kongresses versäumen, sondern sich willig ermahnen und ermuntern lassen. Zum Glück gebe es ja den „treuen und verständigen Sklaven“ – so lautet die Selbstbezeichnung der Leitenden Körperschaft, die durch ihre kluge Führung und ihre wegweisenden Bibelinterpretationen Hilfen auf dem schwierigen Weg böte.

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