publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 10/2009
Gunda Schneider-Flume

Heilung durch den Glauben?

1

„Dein Glaube hat dir geholfen“ oder „Dein Glaube hat dich gerettet“, hat dich gesund gemacht, so heißt es an verschiedenen Stellen der Erzähltradition von Jesus von Nazareth im Neuen Testament. Das ist eine Ausdrucksweise, die viele Wünsche provoziert und Hoffnungen weckt. Ob der sprichwörtlich Berge versetzende Glaube auch heute so wirkt, ist die bedrängende Frage manches Kranken. „Der glaub ist ein almechtig ding wie gott selber ist“2, hat Martin Luther formuliert. Allmacht und Allmachtsvorstellungen sind verführerisch, und manche Kranken, denen nach herkömmlichen Vorstellungen nicht mehr zu helfen ist, bei denen alle Medizin versagt, sind empfänglich für die Verführung durch vermeintlich alles bewirkende Allmacht. Haben Menschen durch den Glauben auch über Gesundheit und Krankheit Macht? Kann der Glaube Heilungswunder wirken, hilft er da, wo nichts mehr hilft? Das ist die bange Frage insbesondere von unheilbar Kranken.

Ein Blick auf die biblische Tradition

Im neuzeitlichen Sprachzusammenhang bezeichnet Glaube ein Fürwahrhalten von etwas, was man nicht genau weiß. „Was man nicht wissen kann, muss man halt glauben“, heißt es dann ein wenig spöttisch. Glaube bezeichnet demnach ein ungewisses Wissen. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet Glaube dagegen ein Festwerden, Vertrauen. Glaube gibt der Existenz Bestand und Halt und bezeichnet von daher auch den Mut und die Standhaftigkeit. Das ist keine intellektuelle oder emotionale Leistung des Einzelnen, insofern steht der Glaube gegen die Leistungs- und Selbstverwirklichungsgesellschaft. Glaube ist ebenso wie das Lebensvertrauen Geschenk und unverfügbar.

In den ersten drei Evangelien begegnet der Glaubensbegriff im Munde Jesu häufig im Zusammenhang mit Heilungsgeschichten. Da wird ein Gelähmter von vier Männern zu Jesus getragen (Mk 2,1-12), durch das abgedeckte Dach wird er hinabgelassen. Dann heißt es: „Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Als daraufhin schriftgelehrte Theologen denken, er lästere Gott, zeigt Jesus seine Vollmacht, indem er den Gelähmten auch noch heilt.

Immer wieder wird zugleich mit der Heilung Glaube zugesprochen. Dem Hauptmann von Kapernaum wird gesagt: „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast“ (Mt 8,13), obwohl er Heide ist. In der Erzählung von der kanaanäischen Frau – auch sie ist nicht Jüdin und von daher im traditionellen Sinne nicht gläubig! – ist vom Glauben die Rede (Mt 15,21-28), und in der Geschichte von der Heilung der zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19) heißt es gegenüber dem dankbaren, zuvor aussätzigen Samariter, der sich vor Jesus niederfallen lässt: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ In dieser Geschichte sind zehn Aussätzige geheilt worden, nicht nur einer, aber nur bei einem ist vom Glauben die Rede. Schon von daher wird deutlich, dass es keinen automatischen Zusammenhang von Glauben und Heilung gibt! In den Heilungsgeschichten wird vom Glauben erzählt, insofern sind sie Glaubensgeschichten, aber es ist nicht davon die Rede, dass Glaube immer heilt oder Heilung immer an Glauben gebunden ist. Es gibt offensichtlich Menschen, die geheilt werden, ohne zu glauben. Der Glaube aber ist Menschen unverfügbar.

Um was für einen Glauben handelt es sich? Jesus spricht Menschen Glauben zu, die sich mit der Bitte um Hilfe an ihn gewandt haben. Es handelt sich um Menschen, die in aussichtsloser Situation dennoch um Hilfe bitten, indem sie an Jesu Erbarmen appellieren. „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“ (hat dich gerettet), sagt Jesus etwa der Frau, die in der Hoffnung auf Heilung in der Menge sein Kleid berührt hat (Mk 5,34). Wie ist diese für uns zunächst befremdliche Aussage zu begreifen? Glaube bezeichnet hier ein von Jesus provoziertes Vertrauen auf die Überwindung der Not. Nicht ein Fürwahrhalten oder Bekennen hat die Frau gerettet, sondern die von Jesus ausgehende Provokation zum Vertrauen. Deshalb traute die Frau Jesus die Wunderheilung zu, die man von ihm im Zusammenhang mit der Rede vom Reich Gottes erzählte. Durch das Geschehen des Glaubens werden Menschen aus sich selbst herausgeholt und auf etwas außerhalb ihrer selbst bezogen, auf das sie sich verlassen können. Glauben stellt sich hier also nicht als fürwahrhaltendes Urteilen dar, sondern als ein Neuwerden: Durch den Glauben wird für die Frau die ganze Wirklichkeit und nicht nur ihr altes Ich verwandelt, und sie hat teil an der Macht und der Möglichkeit dessen, auf den sie vertraut.

In ähnlicher Weise ist vom Glauben die Rede in der Geschichte von der kanaanäischen Frau, die sich mit dem Ruf an Jesus wendet: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“, damit er ihre besessene Tochter heile (Mt 15,21-28). Sie wird zunächst mit der religiösen Ausflucht abgewiesen: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Aber sie beharrt, sie pocht geradezu auf Jesu Erbarmen, darauf, dass er sich das Leben ihres Kindes angelegen sein lasse. Als hartnäckige Bittstellerin hält die Frau Jesus, der sie mit dem Spruch wegschicken wollte „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde“, eine Binsenwahrheit entgegen: „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Die Frau ist aufdringlich und beharrlich. Diese penetrante Beharrlichkeit wird Glaube genannt. Was heißt da Glaube? Die Frau bezwingt Jesus mit ihrer Aufdringlichkeit. Woher hat sie diesen Mut? Sie traut sich: „Es muss doch Leben geben für das Kind.“ Sie verlässt sich: „Ich kann es nicht heilen. Herr, hilf mir.“ Sie hält an ihm und damit an der Macht des Erbarmens fest. Die „normale“ Reaktion wäre wohl, „realistisch“ die Not zu akzeptieren; Glaube aber ist Revolte gegen resignierenden Realismus. Irgendetwas hat die Frau gepackt, so dass sie nicht in diesem resignierenden Realismus stecken bleibt. Indem sie sich auf das Erbarmen verlässt, hat sie teil an der einzigen Macht, die die Wirklichkeit neu schaffen kann, an der Barmherzigkeit, die in Jesu Leben, Reden und Handeln gegenwärtig ist.

Der Glaube selbst ist in den Heilungsgeschichten die eigentliche Wende und Hilfe, weil er die rettende Macht ist. Heilungsgeschichten sind Glaubensgeschichten. „Denn wo Glaube ist, da vollzieht sich ..., in welcher Weise auch immer, ein Ganzwerden, ein Heilwerden der Existenz.“3 Das besteht nicht immer in der erwarteten Heilung. Ganz und heil wird ein Mensch im Gegenüber zu Gott, wenn er nicht auf sich allein gestellt bleibt. Insofern können selbstverständlich auch Kranke durch den Glauben „ganz“ werden. Im Glauben werden Welt und Wirklichkeit neu, Menschen und ihre Perspektiven und Hoffnungen verwandeln sich, weil die Macht der Barmherzigkeit Gottes sich als Vertrauen provozierende Möglichkeit inmitten einer aussichtslosen Wirklichkeit zeigt. Das ereignet sich in Situationen von Gesundheit ebenso wie in Situationen von Krankheit. „Das Wesen des Glaubens ist das Partizipieren am Wesen Gottes“4, hat Gerhard Ebeling treffend gesagt. In den Heilungsgeschichten leuchtet etwas von der befreienden Kraft des Wortes vom auferweckten Gekreuzigten auf. Da war Leiden, Elend und Kreuz, Situationen, die man zunächst weder mit der Macht noch mit der Barmherzigkeit Gottes zusammenbringen konnte; dennoch zeigte sich Gottes Leben schaffende Barmherzigkeit gerade am Kreuz: Der Tote wurde auferweckt. Der Glaube verwickelt Gesunde und Kranke in diese Geschichte, so dass sie in ihr den Grund ihres Lebens finden. Es wird erzählt, dass Jesus seine Jünger beauftragte, das Evangelium zu predigen und zu heilen (Lk 9,1f). Ich denke, dass das heute so auszulegen ist, dass das Evangelium zu predigen ist, damit Menschen, Gesunde und Kranke aufgrund der Heilsbotschaft das Lebensvertrauen erhalten, um mit Gesundheit und Krankheit zu leben.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

1 Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den die Autorin am 22.5.2009 in der Werkstatt Weltanschauungen des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Bremen gehalten hat.
2 Martin Luther, Sermon von Gewalt Sanct Peters (29.6.1522), Predigten des Jahres 1522, WA 10 III, 214, 26.
3 Gerhard Ebeling, Jesus und Glaube, in: ders., Wort und Glaube 1, Tübingen 1960, 203-254, hier 253.
4 Ebd., 249f.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!