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Materialdienst 9/2009
Anika Sendes

Partei des neuen Zeitalters

Die Violetten und ihre spirituelle Politik

Farbe der Spiritualität

Das Farbenspektrum, aus dem wir bei der kommenden Bundestagswahl wählen können, wird bunter: Eine junge Partei, die antritt, die Lieblingsfarbe „spiritueller“ Wähler zu vertreten, sind „Die Violetten – für spirituelle Politik“1. 2001 gegründet, treten die Violetten am 25.9.2009 zur Wahl zum 17. Deutschen Bundestag an. Was und wer stehen hinter dieser Partei? Handelt es wirklich um eine „esoterische Spinnerpartei“, wie sie von den Medien gerne genannt wird, oder verfolgt sie ein ernst zu nehmendes Programm, das auch für Christen eine interessante Alternative zu den etablierten Parteien darstellen könnte?

Violett ist laut Parteiprogramm2 „eine Farbe der Spiritualität“, die „in vielen Traditionen die Anbindung an das Höchste/ Göttliche/ Spirituelle“ symbolisiert und für die „Befreiung des Menschen durch Reinigung und Transformation“ steht. Im Parteiprogramm steht als Definition, was für die Partei spirituell bedeutet: „Spirituell heißt für uns, in erster Linie dem Wohl allen Seins verpflichtet zu sein. Es heißt, das Verbindende anstatt des Trennenden zu betonen, in Liebe, Toleranz und Verantwortung zu handeln und das Göttliche in allem was ist zu sehen.“

Geschichte der Partei

Die Violetten wurden am 6.1.2001 in Dortmund unter dem Namen „Alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter“ gegründet. Seit Mai 2001 gilt der Zusatz „Die Violetten“. Die erste Wahl, zu der die Partei – allerdings nur in Nordrhein-Westfalen – antrat, war die Bundestagswahl 2002. Einige Mitglieder verließen die Violetten und gründeten Anfang 2003 die Partei „Spirituelles Bewusstsein“.

Seit November 2003 heißen die Violetten offiziell „Die Violetten – für spirituelle Politik“. Es begann eine Überarbeitung des Parteiprogramms und der Konzepte. 2005 wurden die Landesverbände Bayern und Schleswig-Holstein gegründet, 2006 kam Hessen dazu, 2007 folgten Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Sachsen kamen 2008 dazu, Thüringen als jüngster Landesverband im Mai 2009.

Außer zur Bundestagswahl 2002 (Ergebnis: 0,005 Prozent bundesweit) traten die Violetten bisher zu den Landtagswahlen in Bayern und Hessen 2008 an (Ergebnis: je 0,5 Prozent). Bei den Wahlen zum Landesparlament in Niedersachsen konnten die im Vorfeld zur Aufstellung der Partei notwenigen 2000 Unterstützungsstimmen nicht erreicht werden. Bei der Europawahl am 7.6.2009 konnte die Partei ca. 46000 Stimmen erreichen, was 0,2 Prozent entspricht. Zur Bundestagswahl treten die Violetten in Baden-Württemberg, Bayern und Berlin an. Nur dort stehen sie dann auch auf den Stimmzetteln und können gewählt werden. In den anderen Bundesländern konnten die erforderlichen 2000 Unterstützungsstimmen nicht erreicht werden.3

Politische Ziele für die Bundestagswahl 2009

Zentral ist die Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden mit der Begründung, dass es in Zukunft nicht mehr für alle Menschen Erwerbsarbeit geben wird. Mit einem solchen Grundeinkommen sollen alle Menschen die Möglichkeit zur freien Entfaltung bekommen; erreicht werden soll damit ein Gesellschaftswandel hin zu einer neidfreien Gesellschaft.4 Ein Grundeinkommen soll jeder bekommen, der in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt hat und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt oder als Ausländer hier arbeitet und Steuern zahlt. Das Grundeinkommen selbst soll steuerfrei sein und muss über der Armutsgrenze liegen. Nur dann könne ein menschenwürdiges Leben gewährleistet sein. Finanziert werden soll das Grundeinkommen über die Einkommenssteuer und über die Abschaffung von Sozialleistungen wie Kindergeld sowie über die Einsparung von Renten, die ja durch das Grundeinkommen überflüssig werden.5

Ein wichtiges Anliegen der Violetten ist auch eine Änderung des Gesundheitssystems. Sie wollen die Pflichtversicherung abschaffen und sie durch alternative Versicherungsmodelle ersetzen. Grundsätzlich sollen Bewusstsein und Selbstverantwortung im Umgang mit der Gesundheit gefördert werden, ganzheitliche Sichtweise und heilerische Arbeit sollen die Symptombehandlung ergänzen. Der Patient soll seine Therapieform frei wählen können, auch die Kosten für alternative Heilmittel werden übernommen.6 Ein weiterer Schwerpunkt der Partei liegt auf der Umgestaltung des Bildungssystems. Leitlinien dabei sind lebenslanges Lernen, die Selbstentfaltung durch Freude beim Lernen und erweiterte Bildungskonzepte, die sich zum Beispiel an der Montessori-Pädagogik orientieren. „Vorrangige Bildungsziele sind die Fähigkeit zu Selbsterkenntnis und Selbstreflexion“ sowie „Toleranz und Mitgefühl gegenüber allen fühlenden Wesen“.7

Außerdem wollen sich die Violetten für mehr direkte Demokratie einsetzen. „Wir wollen nicht mehr, dass man einmal seine Stimme abgibt und dann ist sie weg“8, sagt Julia Pötzl, Landesvorsitzende der Violetten Berlin. Langfristig solle es nur noch Repräsentanten des Volkes geben, die die Ideen, die aus dem Volk kommen, zusammenführen. Auf lange Sicht wollen die Violetten alle Entscheidungen über direkte Demokratie erzielen, die Verantwortung für politische Entscheidungen solle nach unten abgegeben werden. Dass dies nicht zu schaffen ist, selbst wenn die Violetten nach der Wahl im September den Bundeskanzler stellen würden, ist den meisten Mitgliedern klar. Es geht ihnen aber auch nicht vorrangig darum, in ein Parlament einzuziehen, vielmehr ist für die Partei wesentlich, dass ihre Ideen in der Gesellschaft Anerkennung finden und in die breite Öffentlichkeit getragen werden. „Primär geht es uns darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf bestimmte Themen zu lenken“9, so Gandalf Lipinski, der als violetter Spitzenkandidat für die Europawahl antrat.

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Anmerkungen

1 Vgl. Andreas Fincke, Die Violetten – Deutschlands erste Esoterikpartei, in: MD 9/2002, 265-267.
2 Das Parteiprogramm der Violetten ist in Internet abrufbar unter http://die-violetten.de/de/programm.
3 Vgl. http://die-violetten.de/de/wahlen.
4 Vgl. z.B. Interview mit Julia Pötzl vom Juli 2009, timewavezero-productions.com.
5 Vgl. Die Violetten, Konzept Wirtschaft – Finanzen – Soziales, Stand März 2006, 3f.
6 Vgl. Die Violetten, Gesundheitskonzept, Stand Juni 2008, 2f.
7 Die Violetten, Konzept Erziehung – Bildung – Familie, Stand November 2007, 3.
8 Interview mit Julia Pötzl am 1.5.2009 im Berliner Tiergarten, YouTube, eingestellt: 2.5.2009.
9 Aus einem Bericht im Bonner Generalanzeiger vom 20.5.2009.

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