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Materialdienst 9/2009
Christian Ruch

Virtuelle Freunde im digitalen Ozean

Das Phänomen "Facebook"

Vor einem Jahr ist an dieser Stelle dargestellt worden, dass sich unter den Prämissen der Weltkommunikation via Internet die Sozialwelt zu Lasten traditioneller Beziehungen (z. B. Familien-, Staats- oder auch Kirchenzugehörigkeit) zunehmend in zeitlich und thematisch begrenzte „tribes“ („Stämme“) und „communities“ fragmentiert.1

Ein immer wichtigeres Forum dieses Prozesses sind virtuelle Freundschaftsplattformen wie „MySpace“, „Facebook“ oder in Deutschland „studiVZ“. Wie relevant dieses Phänomen inzwischen geworden ist, belegt beispielsweise der Umstand, dass der „Spiegel“ diesem Trend Anfang März eine eigene Titelgeschichte gewidmet hat.2 Vor allem Facebook hat in den letzten Monaten einen ungeheuren Aufschwung genommen. Nach „Spiegel“-Angaben sind weltweit inzwischen schon 175 Millionen Menschen via Facebook vernetzt. Das sind zwar noch weniger als bei „MySpace“ (220 Millionen), doch da Facebook in der Anwendung um einiges einfacher ist als „MySpace“, dürften die beiden Foren ihre Plätze bald tauschen.

Wie funktioniert Facebook?

Auf Facebook aktiv zu werden, ist sehr einfach und auch noch gratis. Wer sich angemeldet hat, erstellt zunächst ein eigenes Profil. Darin kann man Ferienfotos oder Videos zeigen, über Lieblingsfilme und Hobbys Auskunft geben oder andere wissen lassen, wann man Geburtstag hat und ob man noch zu haben ist. Natürlich kann das Profil jederzeit geändert werden. Ist das Profil erstellt, kommt der wichtigste Schritt: das Suchen so genannter Freunde. Mit Hilfe verschiedener Suchfunktionen findet man heraus, welche Bekannten ebenfalls bei Facebook sind, und diese Personen können dann, wenn sie es erlauben, als Freunde registriert werden. Auch dieser Schritt lässt sich jederzeit rückgängig machen: Die Freunde können entweder aus dem Profil entfernt werden oder von sich aus den Kontakt beenden. Der Austausch mit den Freunden besteht dann vor allem darin, dass man sich gegenseitig mitteilt, was einen gerade beschäftigt. Ist man dann auf der Facebook-Startseite, erhält man Informationen wie „Thomas geht jetzt ins Bett“ oder „Andrea freut sich auf den Sommer“. Diese Mitteilungen lassen sich kommentieren, so dass sich daraus ein Dialog ergeben kann – kein Wunder, dass einigen Arbeitgebern Facebook inzwischen ein Dorn im Auge ist und sie den Zugang zu der Plattform gesperrt haben.

Ob die Freunde immer wirkliche Freunde sind, sei dahingestellt. Denn manche Facebook-Nutzer machen sich einen regelrechten Sport daraus, möglichst viele Freunde zu sammeln. Ursprünglich lag das Limit bei 5000, diese Begrenzung wurde inzwischen aber aufgehoben. Es kann also passieren, dass man von mehr oder weniger wildfremden Menschen als Freund hinzugefügt wird. Ob man sich auf so einen Kontakt einlassen will, sollte man sich gut überlegen. Denn es besteht natürlich die Gefahr, dass Leute, die man eigentlich gar nicht kennt, mit privaten Informationen versorgt werden.

Facebook lebt aber nicht nur vom Kontakt der Freunde, sondern von den zahllosen Gruppen, denen man beitreten kann. Mittlerweile gibt es wohl für alles eine eigene Facebook-Gruppe. Einige bestehen nur zeitweise oder werden aus purer Lust am Blödsinn gegründet. Andere dagegen haben einen durchaus ernsten Hintergrund. So wurde z.B. nach dem Amoklauf im württembergischen Winnenden eine Gruppe zum Gedenken an die Opfer und zur Anteilnahme an der Trauer der Hinterbliebenen gegründet, der weit über 5000 Facebook-User beigetreten sind. Da sich Facebook-Gruppen innerhalb weniger Minuten gründen lassen, können sie sehr schnell auf Aktuelles reagieren, und daher scheint an diesem Forum kein Weg mehr vorbei zu führen, wenn man nach schneller Aufmerksamkeit sucht.

Mittels Facebook kann man etwas besser in jenem Kampf bestehen, der generell in den Medien tobt: im Kampf um Aufmerksamkeit. Es geht um „attention management“, denn es existiert im Internet zwar einerseits ein Überangebot an Informationen, doch gerade deshalb andererseits ein Mangel an Aufmerksamkeit. „Immer weiter öffnet sich die Schere zwischen dem technisch Möglichen und meiner knappen Lebenszeit“, schrieb Norbert Bolz.3 Das heißt aber auch, dass der „Flaschenhals der Aufmerksamkeit“4 immer enger wird, und zwar in einem aktiven wie passiven Sinne: Ich nehme immer weniger auf und werde gleichzeitig immer weniger wahrgenommen. Im Ozean des Internets überhaupt noch aufzufallen, wird immer schwieriger, aber auch verlockender, wenn nicht sogar existenzieller. Facebook verspricht also im Grunde nichts anderes, als der narzisstischen Kränkung durch das eigene Untergehen in der digitalen Flut wenigstens ein wenig entgegenzuwirken.

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Anmerkungen

1 Christian Ruch, Von der „Weltkommunikation“ zur „Community“. Warum leben wir in einem „Land voller Propheten“? In: MD 9/2008, 323-331.
2 Siehe „Der Spiegel“ 10/2009, 118-131.
3 Norbert Bolz, Das ABC der Medien, München 2007, 24.
4 Ebd., 25.

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