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Materialdienst 9/2009
Ulrich Beuttler

150 Jahre Streit um Darwin

Die Diskussion um Kreationismus und Intelligent Design

Hans Schwarz zum 70. Geburtstag

Es gibt wieder Streit um die Evolution. Während in Wissenschaft und Öffentlichkeit Darwins 200. Geburtstag und das 150-jährige Jubiläum seiner Abstammungslehre gefeiert werden, formieren sich vermehrt die evolutionskritischen Bewegungen des Kreationismus und des Intelligent Design. Dass sie im Begriff sind, ihre gesellschaftliche Randstellung zu verlassen, zeigt sich signifikant daran, dass ihre Anliegen in die allgemeine Diskussion eingedrungen sind und ihre Argumente von öffentlichen Personen vertreten werden, die man gewiss nicht genuin dieser Richtung zurechnen kann. So haben sich katholische Kirchenführer zustimmend zu Evolutionskritik und Intelligent Design geäußert – der Wiener Kardinal Schönborn hat 2005 das Design-Argument unterstützt, was ihm bei einer Tagung in Castel Gandolfo 2006 das ausdrückliche Lob des Papstes eingebracht hat, der zuvor schon selbst zustimmend ein evolutionskritisches Lehrbuch zitiert hatte.1 Der Augsburger Bischof Mixa hat es 2007 als totalitär bezeichnet, wenn im Biologieunterricht nur die Darwin’sche Evolutionslehre unterrichtet würde. Auch die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff hatte 2006 den Vorschlag gemacht, im Biologieunterricht auch die Schöpfungslehre zu behandeln, was scharfen Widerspruch von Evolutionsbiologen und eine erhitzte Diskussion in den Feuilletons zur Folge hatte.

Signifikant für die Diskussion ist auch, dass sich nun gerade Evolutionisten, die sich selbst als Naturalisten verstehen und sich etwa in der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie engagieren, zur Stellungnahme herausgefordert fühlen, antikreationistische Bücher verfassen und ihrerseits das Intelligent-Design-Argument öffentlich zu widerlegen suchen.2 Es scheint sich um ein Aufleben eines erledigt geglaubten Kulturkampfes zu handeln: Die Diskussion um Kreationismus und Intelligent Design betrifft nicht den innerwissenschaftlichen Diskurs um Einzelargumente und Vollständigkeit der Evolutionstheorie, sondern die weltanschauliche Geltung und Stellung der Evolutionslehre in Öffentlichkeit und Unterricht.3

Genauso ist es seit 150 Jahren. Der Streit um die Evolution ist ein Streit um Weltanschauungen. Er ist ein kulturgeschichtliches, kein innerwissenschaftliches Problem. Die Argumente betreffen in Widerspruch wie Gegenwiderspruch nicht Details der Evolutionslehre, sondern das Ganze und das Prinzip. Eine Einordnung und Bewertung der anti-evolutiven Bewegungen ist deshalb nur kulturgeschichtlich und wissenschaftstheoretisch möglich. Ich möchte zum 150-jährigen Streit um Darwin eine zweifache Aufarbeitung versuchen. Mein Zugang ist einerseits kulturgeschichtlich: Was sind die Bedingungen, unter denen die Evolutionslehre entstehen konnte, und warum wurde sie so rezipiert, wie sie rezipiert wurde? Unter welchen kulturellen und geistigen Bedingungen ist der kreationistische Widerstand gegen die Evolution erklärbar und verstehbar? Mein Zugang ist andererseits wissenschaftstheoretisch: Was sind die prinzipiellen Einwände von Seiten des Kreationismus / Intelligent Design gegen die Evolution, und wie sind sie wissenschaftstheoretisch und theologisch einzuordnen? Welchen Erklärungswert beanspruchen sie, und wie sind sie einerseits entsprechend ihrem Selbstanspruch und andererseits vom Standpunkt theologischer Schöpfungslehre her zu bewerten?

Zur Entstehung und Rezeption der Darwin’schen Abstammungslehre

Für die Mehrheit der Naturforscher des 19. Jahrhunderts war die Unwandelbarkeit oder Konstanz der Arten eine feststehende Tatsache. Sie wurde sowohl von der Erfahrung als auch von den Zeugnissen der religiösen Tradition gestützt. Sie entsprach der Empirie ebenso wie der Heiligen Schrift und dem Schöpfungsglauben.

Aus Hühnereiern schlüpfen Küken, die sich zu ausgewachsenen Hühnern entwickeln, die Eier legen, aus denen wieder Küken derselben Art schlüpfen, die ihren Eltern in den Formen, sozusagen „aufs Ei“ gleichen. Bei allen bekannten Tier- und Pflanzenarten gleichen die Nachkommen bzw. die sich aus den Samen entwickelnden Pflanzen der Elterngeneration. Es bestand kein Grund zum Zweifel an der Konstanz der Arten. Die durchgängig bestätigte Welterfahrung hatte schon Aristoteles zum biogenetischen Grundsatz verdichtet: omne vivum ex vivo, alles Lebendige kommt aus Leben. Aus einem Huhn wird immer ein Huhn geboren, aus einem Hund ein Hund, aus einem Menschen immer ein Mensch.

Als Ursprungstheorie der Arten war daher entweder die Annahme ihrer schon seit jeher bestehenden Existenz (Aristoteles) oder die im Alten Testament bezeugte individuelle Erschaffung „jedes nach seiner Art“ vor endlicher Zeit die plausible Erklärung, und zwar die naturwissenschaftlich plausible Erklärung. Aus diesem Grund stand die von Charles Darwin und Alfred Wallace seit 1858 formulierte Abstammungslehre oder Deszendenztheorie im Widerspruch zur allgemeinen Erfahrung, was den Widerspruch in der Öffentlichkeit erklärt. Sie stand aber durchaus im Einklang mit wissenschaftlichen Vorstudien. Im 18. Jahrhundert hatte man die Klassifikationsordnungen der lebenden Arten immer mehr ausdifferenziert und verfeinert und immer kleinere Differenzen zwischen den Unterarten markiert, so dass man die scala naturae als kontinuierliche „Kette des Universums“ behaupten konnte (Carl v. Linné, Charles Bonnet, Charles Buffon, Johann Gottfried Herder).4

Auf die Vorstellung der Naturordnung als 1. hierarchisches, 2. ununterbrochenes Kontinuum mit 3. der Tendenz zur Höherentwicklung und Vervollkommnung konnte Jean de Lamarck die erste Evolutionslehre aufbauen. Er postulierte, dass sich aus durch Urzeugung auf der jungen Erde entstandenen primitiven Organismen durch Transformationen über sehr lange Zeit die heute lebenden Pflanzen und Tiere entwickelt hätten, und zwar durch Anpassung der Organe aufgrund des Gebrauchs.5 Die Langhalsgiraffen z. B. sollten sich aus Kurzhalsgiraffen durch immer stärkere Streckung der Hälse über viele Generationen entwickelt haben.

Neu und revolutionär an Darwins Deszendenztheorie6 war, dass er für die Vielzahl von einander ähnlichen, aber nicht gekreuzten Finkenarten auf den Galápagos-Inseln einen Mechanismus der Entwicklung angeben konnte: 1. Die Arten sind wandelbar, sie haben sich in Jahrmillionen aus Urformen entwickelt und wurden nicht gleichzeitig durch übernatürliche Schöpfungsakte erschaffen. Die Entwicklung aller Lebewesen in langer Zeit geschah 2. aus gemeinsamen Urformen (Prinzip der gemeinsamen Abstammung), 3. durch graduelle Variation (Gradualismus, später: Mutation) innerhalb von Populationen, durch die in großen Zeiträumen neue Gattungen, Familien und Ordnungen aus Vorformen entstehen: die Arten (spezies). 4. Die Überpopulation und Vervielfachung der Arten (Zunahme der Biodiversität) wird 5. durch Konkurrenz und natürliche Selektion geregelt, d. h. durch Variation mit Auslese der am besten angepassten Arten.

Darwins Theorie blieb zunächst ohne große Resonanz, sie wurde erst ab 1870 langsam wissenschaftlich akzeptiert. Dafür war Ernst Haeckel der eigentliche Wegbereiter, der sowohl für die wissenschaftliche Akzeptanz als auch für die Popularisierung der Evolutionslehre sorgte.

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Anmerkungen

1 Stephan Otto Horn / Siegfried Wiedenhofer (Hg.), Schöpfung und Evolution. Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo, Augsburg 2007, 89.149.
2 Ulrich Kutschera, Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design, Münster 22007; ders. (Hg.), Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Mit Beiträgen von A. Beyer, U. Hoßfeld, H.-J. Jacobsen, T. Junker, U. Kutschera, R. Leinfelder, M. Mahner, A. Meyer und M. Neukamm, Münster 2007.
3 Überblick über die aktuelle Literatur zum Thema: Ulrich Beuttler, Noch immer Streit um Darwin. Zur aktuellen Diskussion um Kreationismus und Intelligent Design, in: Verkündigung und Forschung 1/2009, 78-81.
4 Vgl. Franz Wuketits, Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie. Mythen, Darwinismus, Gentechnik, Darmstadt 1998, 29-42.
5 Vgl. Jean B. de Lamarck, Philosophie zoologique, Paris 1809, dt. Zoologische Philosophie, Frankfurt a. M. 22002.
6 Charles Darwin, On the Origin of Species by Means of Natural Selection, London 1859, dt. Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Stuttgart 1986.

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