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Materialdienst 8/2009
Anna Lammer, Friedmann Eißler

Esoterischer Buddhismus

Shinnyo-En - eine neue religiöse Bewegung aus Japan

Shinnyo-En ist eine ursprünglich aus Japan stammende neue religiöse Bewegung, die mittlerweile auch Einzug in deutsche Städte und das religiöse Leben von Menschen in Deutschland gehalten hat. Binnen eines Jahrzehnts wurden in Deutschland zwei Tempel dieser Religionsgemeinschaft eröffnet (2000 in München, 2007 in Hamburg), was auf ein steigendes Interesse an der Bewegung und deren religiösen Inhalten hinweist. Daher sollen hier der Ursprung der Gemeinschaft, ihre Lehre und Praxis vorgestellt werden.

Religiöser Hintergrund

Shinnyo-En ist ein unabhängiger buddhistischer Orden, der Buddhas Lehren nicht nur Geistlichen, sondern auch und vor allem Laien zugänglich macht. Die Bewegung stammt aus der Shingon-Tradition, einer der ältesten Schulen des japanischen Mahayana-Buddhismus, die dem esoterischen Buddhismus zuzurechnen ist.

Der bekannteste Vertreter dieser Form des esoterischen Buddhismus ist der Mönch Kukai (Kobo Daishi, 774-835). Er gilt als Begründer des japanischen Shingon-Buddhismus, der besonderes Gewicht auf rituelle Praxis und magische Riten legt. Dabei wird durch die Kombination von Gebetsformeln (Mantra), Handzeichen und/oder Handgesten (Mudra) und geistiger Konzentration das Ziel der Buddhaschaft verfolgt. Die Besonderheit hierbei ist, dass diese speziellen Formen der verbalen, gestischen und imaginierten Zeichen unter den Mantel des „Geheimen“ fallen, was bedeutet, dass es eines Meisters bedarf, der rituelle Initiationen vornimmt und die Schüler schrittweise in die Geheimnisse der Lehre einführt. Im Japanischen heißt „esoterischer Buddhismus“ mikkyo, was wörtlich übersetzt „geheime Lehre“ bedeutet. Im Mittelpunkt steht die Beziehung des Schülers zum Meister. Die Erleuchtung wird nicht direkt durch das intensive Lesen und Studieren der Tradition, sondern vorrangig durch die Verbindung zum Meister und in der Praxis erstrebt. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis dient dazu, mittels der geistigen Genealogie bis hin zum Buddha aufsteigend in die zur Erleuchtung führenden Geheimnisse eingeweiht zu werden.

Kukai, der Begründer der Shingon-Schule und damit des esoterischen Buddhismus in Japan, vertrat die Auffassung, dass die Buddhaschaft bereits in diesem Leben erreicht werden könne. Das Erreichen dieses Ziels soll durch die Ausübung der oben erwähnten Rituale und durch verschiedene rituelle Techniken positiv beeinflusst werden.1 Auch Shinnyo-En basiert auf dieser Grundlage des traditionellen esoterischen Buddhismus, die durch den Begründer des selbständigen Ordens für Laien geöffnet und zugänglich gemacht wurde.

Zur Geschichte von Shinnyo-En

Shinjo Ito, 1906 westlich von Tokyo geboren, war zunächst Luftfahrtingenieur und betätigte sich zugleich in der Tradition seiner Familie als Wahrsager. Nach einer spiritistischen Erfahrung seiner Frau Tomoji fühlte er sich berufen, ein neues Leben als religiöser Führer zu beginnen. 1936 wurde er im Daigoji, dem Haupttempel des Daigo-Ordens des esoterischen Shingon-Zweiges des japanischen Buddhismus, in den geistlichen Stand ordiniert. 1943 empfing er das Denpo-Kanjo, dessen Ritus die höchste Dimension der Einheit mit Buddha bezeugen soll. Er erlangte den Titel eines „Dai-Ajari“ (Großer Lehrmeister) und wurde so zu einem rechtmäßigen und traditionstreuen Nachfolger innerhalb der Linie der großen Shingon-Lehrmeister. Doch Shinjo Ito entschloss sich nach dem Krieg dazu, sich von dem Hauptstrom des Shingon-Buddhismus abzuwenden, um einen eigenen Weg zur Erleuchtung zu verwirklichen, den alle Menschen gehen könnten, ohne in den Stand der Ordinierten einzutreten.2 Er gründete seine Gemeinschaft 1948 neu als „Makoto Kyodan“ (Wahre Vereinigung), nach internen Schwierigkeiten noch einmal 1951 als Shinnyo-En.3 Nach dem Tod seines zweiten Sohnes 1952 (der älteste war 1936 im Alter von knapp zwei Jahren gestorben) wandte er sich dem Großen Nirvana-Sutra zu.

Kurz bevor der Buddha selbst in das Nirvana eingegangen war, hatte er in seiner letzten Lehre, die später als das Mahaparinirvana-Sutra oder das Große Nirvana-Sutra (jap. Daihatsu-Nehan-Kyo)4 bekannt wurde, die tiefe Bedeutung des Nirvana offenbart. Dieses Sutra, das in der Lehre des traditionellen esoterischen Buddhismus keine hervorgehobene Rolle spielt, wurde als Grundlage der Lehre von Shinnyo-En mit der esoterischen Tradition verbunden. In ihm lehrt Buddha einen Schüler, der dem weltlichen Stand angehört, seine ewige Gegenwart und dass in allen Lebewesen eine Buddhanatur verborgen liege. Daraus wird gefolgert, dass sich jeder Mensch, unabhängig ob Geistlicher oder Laie, gleichermaßen um das Erfassen der Weisheit des Buddhas bemühen kann. Shinnyo-En ist bestrebt, anhand der letzten Lehrschrift Buddhas aufzuzeigen, auf welchem Weg geistliche wie auch weltliche Menschen den tiefen Kern der Lehre Buddhas erfassen und die jedem Menschen eigene wahre Buddha-Natur entdecken und entfalten können.5

Nach dem Tod von Shinjo Ito 1989 im Alter von 83 Jahren wurde seine Tochter Shinso Ito zur Nachfolgerin ernannt. Sie ist ebenfalls Großmeisterin der Lehre Shinnyo-Ens und empfing 1992 vom Daigoji den höchsten priesterlichen Rang eines „Dai-Sojo“. In der Geschichte des traditionellen Buddhismus war es überaus selten, dass Frauen eine leitende Position bekleideten. Shinso Ito ist heute das einzige weibliche Oberhaupt, das einem der großen japanischen buddhistischen Orden vorsteht. Sie öffnete damit einen Weg jenseits der traditionellen Rollenbilder der Gesellschaft und ermutigt alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, eine aktive Rolle in Religion und Gesellschaft zu übernehmen.6

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Anmerkungen

1 Vgl. www.univie.ac.at/rel_jap/gesch/kukai.htm (Stand: 29.6.2009).
2 Vgl. Shinnyo-En (ed.), Some frequently asked questions about Shinnyo-En, USA 2001.
3 Vgl. Ulrich Dehn, Neue religiöse Bewegungen in Japan, EZW-Information 133, Berlin 1996, 12.
4 Vgl. Shinnyo-En (ed.), Shinnyo-En 2001 (Broschüre).
5 Der Zugang zu literarischen Quellen über die Gruppierung Shinnyo-En und das Ausfindigmachen von Informationen gestaltete sich als verhältnismäßig schwierig, da bisher wenig Literatur über die Bewegung oder von ihr selbst zur Verfügung steht. Die Informationen stammen zu einem erheblichen Teil aus persönlichen Gesprächen mit Vertretern der Gemeinschaft, z. B. mit Andreas Fiol (hauptamtlicher Mitarbeiter und aktives Mitglied von Shinnyo-En Hamburg).
6 Vgl. Pressemappe von Shinnyo-En: „Shinnyo-En auf einen Blick“.

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