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Materialdienst 8/2009
Matthias Pöhlmann

Auf antichristlichem Kurs

Deutschgläubige, Rechtsextremisten und völkische Esoteriker suchen Verbindendes

Es sollen etwa 30 bis 40 Personen gewesen sein, die sich zur zweitägigen Frühjahrstagung 20091 der als rechtsextrem geltenden „Vereinigung Deutsche Nationalversammlung“ (VDNV) mit Sitz in Remscheid eingefunden hatten. Wie die aktuelle Ausgabe von „Mensch und Maß“, die Zeitschrift der „Ludendorff-Bewegung“, berichtet, verfolgten die Veranstalter das Ziel, „möglichst viele Bewegungen zusammenzubringen, denen das eigene Volk ein wichtiges Anliegen ist, um gemeinsam Möglichkeiten für die Zukunft zu erarbeiten“2.

Das Programm sah eine Selbstvorstellung der verschiedenen Gruppen vor. Die meisten Teilnehmer gehörten dem esoterisch-neugermanischen „Armanen-Orden“ und der rechtsextremen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e. V.“ an. Aber auch ein Vertreter der Ludendorff-Bewegung trat auf und stellte die Ziele der „Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs“ vor. Der völkisch orientierte „Bund Deutscher Unitarier – Religionsgemeinschaft europäischen Geistes“3 hatte indes seine Mitwirkung im Vorfeld mit der Begründung abgesagt, er wolle sich nicht politisch betätigen. Bei dieser Gemeinschaft mit geschätzten 300 Mitgliedern handelt es sich um eine Abspaltung innerhalb des Unitarismus, die sich 1989 um die Religionswissenschaftlerin und wichtige Stichwortgeberin der Neuen Rechten, Sigrid Hunke (1913-1999), gebildet hat. Aufgrund dieser Absage hörten die Teilnehmer einen Tonbandvortrag des Kirchenkritikers Hubertus Mynarek. Bei aller Differenz in weltanschaulichen Fragen war man sich nach Meinung des Beobachters der Ludendorffer in der dezidierten Ablehnung des christlichen Glaubens einig.

Den Anfang bei den einzelnen Selbstvorstellungen machte ein Vertreter des Armanen-Ordens. Aus seiner Sicht würde das bisherige vom Christentum dominierte Fische-Zeitalter vom Wassermann-Zeitalter abgelöst, das als Zeitalter der Heiden, der Germanen erwartet wird: „Dabei spiele vor allem der Planet Uranus eine Rolle, dessen Kraft bzw. die von ihm ausgehenden kosmischen Schwingungen auf uns wirkten, ganz gleich ob wir daran glauben oder nicht ... Und es war herauszuhören, daß Armanen auf einen Starken von oben warten, der allen Streit schlichtet. Also auf nichts anderes als eine Art heidnischen Messias, der die Welt erlöst.“4

Die „Artgemeinschaft“, die sich als größte heidnische Gemeinschaft in Deutschland betrachtet, präsentierte sich bei der Tagung als „Naturreligion“. Demnach läge das Göttliche nicht außerhalb des Menschen, es sei vielmehr im Natürlichen erfahrbar: „Seelenwanderung oder ähnliche Vorstellungen werden ebenso wenig wie die Existenz von Zwergen, Trollen oder Parallelwelten ausgeschlossen. Der Glaube daran bliebe jedoch jedem selbst überlassen. Kampf ist Teil des Lebens, er ist vor allem gegen Gemeinschaftsschädlinge gerichtet und bewirke eine Auslese. Zu dem Artbekenntnis, zu dessen 12 Punkten (Küren genannt) sich die Mitglieder verpflichten müssen, gehört das Bekenntnis zu einem Leben im Einklang mit der Natur, zum nie endenden Lebenskampf, Zur Erhaltung und Förderung unserer Menschenart, weil sie eine Offenbarung des Göttlichen sei, zur Einheit von Leib und Seele, zur Verehrung unserer Ahnen, zur Verehrung von Sonne und Natur, zum germanischen Kulturerbe und dessen Weiterentwicklung, zur Wertung des Menschen nach Haltung, Leistung und Bewährung, zur Verpflichtung, Schuld durch eigene Tat zu sühnen, zur Naturgegebenheit von Schmerz und Leid ... Der Tod ist nicht Strafe, sondern Voraussetzung für die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit der Art. Unsterblich wird der Mensch in den Nachkommen und Verwandten, die sein Erbe teilen. So liegt für die Artgemeinschaft der Sinn des Daseins auch ‚in der reinen Weitergabe unseres Erbes’, also auf Erden und nicht in einem Leben im Jenseits.“5

Nach Auffassung des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen ist die Artgemeinschaft „strukturell mit anderen rechtsextremistischen Organisationen vernetzt“: „Sie benutzt ihr neuheidnisches Weltanschauungsgebilde dabei als Vehikel, um rechtsextremistisches Gedankengut gesellschaftspolitisch zu verbreiten.“6 Im Glaubenssystem mischen sich neuheidnische mit rechtsextremistischen Ideen. Der Hass richtet sich besonders gegen das Christentum. Die Artgemeinschaft nimmt – wie auch andere neuheidnische Gruppen – eine eigene Zeitrechnung vor: Dabei wird von dem „Gestirnsheiligtum“ Stonehenge ausgegangen. Die Menschheit würde sich danach gegenwärtig im Jahr 3809 n. St. (nach Stonehenge) befinden.

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Anmerkungen

1 Das genaue Datum und der Ort der Frühjahrstagung wurden von den Veranstaltern und dem Berichterstatter der Ludendorffer – offensichtlich bewusst – nicht mitgeteilt.
2 A.D., Frühjahrstagung der Vereinigung Deutsche Nationalversammlung, in: Mensch und Maß, 9. Juni 2009, 11/2009, 513-520.
3 Vgl. Hans Krech / Matthias Kleiminger (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 372.
4 A.D., Frühjahrstagung, 515.
5 Ebd., 516.
6 Vgl. hierzu die Darstellung des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, im Internet: www.im.nrw.de/sch/738.htm.

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