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Materialdienst 8/2009
Alternative Medizin

Was bewirkt den Heilerfolg? Neue Studien zu alternativmedizinischen Verfahren

(Letzter Bericht: 8/2008, 314f) Ende Januar 2009 hat das Deutsche Ärzteblatt zwei Überblicksstudien vorgestellt, die hinsichtlich der Wirksamkeit von Akupunktur in der Kopfschmerztherapie zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Eine Kopenhagener Forschergruppe fasste Ergebnisse von 13 Studien mit über 3000 Patienten zusammen. Weil die Vorteile der Akupunktur gegenüber einer Schein-Akupunktur nur minimal ausfielen, sehen die Forscher die Fundamente der Akupunktur in Frage gestellt. Etwa zeitgleich hatte eine Münchener Forschergruppe 22 Studien mit über 4400 Patienten zusammenfassend analysiert. Auch hier gab es nur geringe Unterschiede zur Schein-Akupunktur, bei der die Nadeln nicht an den von der Traditionellen Chinesischen Medizin vorgesehenen Punkten gesetzt wurden. Dennoch sehen die deutschen Forscher einen Sinn in dem Heilverfahren, weil ein Plus an Wirksamkeit zu erzielen sei (echte Akupunktur: 48% Therapieerfolg, Schein-Akupunktur: 44%, konventionelle Therapie: 27%).

Ein Großteil der Wirkung resultiert aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Phänomen, das die Münchener Forscher als „spezifischen Placeboeffekt“ beschrieben haben. Das therapeutische Setting einer Akupunktur-Behandlung (und nicht die Nadelstiche) können offensichtlich das bedeutsame Heilungs-Plus auslösen. Mit einer Einschränkung: Die Wirkung stellt sich nur bei Patienten ein, die dieser Therapie aufgeschlossen gegenüberstehen, die also daran glauben. Positive Erwartungen und Überzeugungen im Sinne einer weltanschaulichen Passung scheinen ein bisher unterschätzter Wirksamkeitsfaktor zu sein.

Neue Studien zur Homöopathie deuten dagegen darauf hin, dass der Placeboeffekt hier eine geringere Rolle spielt. Findige Forscher sind Hahnemanns Simile-Prinzip gefolgt und haben geprüft, ob homöopathische Mittel bei Gesunden Krankheitssymptome hervorrufen. Ein Placeboeffekt kann nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, wenn Gesunde exakt die für das eingenommene Homöopathikum typischen Symptome zeigen. Erste Studienergebnisse sprechen für die Existenz spezifischer Effekte und deutlich gegen die These, Homöopathie sei ein reines Placebophänomen.

Das alles ist für naturalistisch denkende Skeptiker starker Tobak. Gerade in der Alternativmedizin spielen sich seit Jahren heftige Glaubenskriege ab, wobei weniger über Sachfragen gestritten wird, sondern eher Vorurteile und Polemik regieren. Das Internet als Kommunikationsplattform bietet hier durch Verlinkungen, Blogs und weitere technische Möglichkeiten neue Formen des Streitens. Bei thematischem Interesse lohnt es sich, rivalisierende Zugänge zur Alternativmedizin zu vergleichen (www.esowatch.com und www.psychophysik.com oder www.gwup.org und www.skeptizismus.de). Die Fragen des Glaubens und der weltanschaulichen Voraussetzungen scheinen für medizinische Heilungsprozesse hoch bedeutsam zu sein.

Michael Utsch

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